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08.12.2009 07:26 Uhr
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Goldene Zukunft: „Vielleicht, vielleicht auch nicht“

Foto: R.Arnold/CT
Moderne Zeiten und damit verbundene Beschleunigungen der Welt faszinieren und ängstigen die Menschen seit jeher. Regisseur Martin Laberenz greift dieses Thema mit der Inszenierung „Vielleicht, vielleicht auch nicht" in der Leipziger Skala auf - und prüft dabei zugleich die Möglichkeiten einer Verlangsamung des Lebens. Ein Spielbericht.

Als Vorlage der Aufführung diente der erste Fliegerroman der Literaturgeschichte, „Vielleicht, vielleicht auch nicht", des italienischen Schriftstellers Gabriele D'Annunzio (12.3.1863-1.3.1938) aus dem Jahre 1909. Der wiederum wurde von der legendären Flugschau in Brescia im gleichen Jahr inspiriert - und spekuliert über künftige Entwicklungen in einer zunehmend beschleunigten und sich verändernden modernen Welt.

Erzählt wird die Geschichte des draufgängerischen Piloten Paolo Tarsis und dessen Beziehungen zu den inzestuös verbandelten Geschwistern Isabella, Vana und Aldo. Paolo wendet sich schließlich angewidert von Isabella ab und findet in der Fliegerei einen neuen Antrieb einschließlich Selbstverwirklichung. Regisseur Laberenz handelt die Story im Eilmarsch ab, und nach nicht mal einer Stunde endet das Stück bereits.

Der Held ist tot, die Darsteller nehmen Aufstellung und das Publikum applaudiert. Ein wenig zögerlich allerdings, da man sich angesichts der knapp bemessenen Zeit und der Abruptheit des Finales nicht ganz sicher ist, ob es das denn schon gewesen sein kann. Und richtig, es folgt prompt noch eine zweite Halbzeit - in der nun anstelle der Beschleunigung die Verlangsamung des Lebens in den Mittelpunkt rückt.

Martin Laberenz gestaltet dieses Spiel raffiniert. Der junge Westfale aus Wetter an der Ruhr liebt die Vermischung diverser Versatzstücke zu einem bunt zusammengewürfelten schmackhaften Mahl. Völlig egal dabei, ob man das nun aus gegebenem Anlass ein Leipziger Allerlei oder eine Pizza Capricciosa nennen mag.

Es finden sich eine ganze Reihe von Zitaten in diesem Schauspiel: Der Kinoklassiker „E.T." ist dabei und vor allem auch der Filmhit „Top Gun" zeigt deutlich Präsenz. Dazu wird mehrfach Richard Wagners „Parsifal" bemüht. Weil das ein wesentlicher Geist im Hause der Familie Laberenz ist? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Nicht minder bedeutsam dürften die Verbundenheit zwischen D'Annunzio und Wagner sein und auch die Thematik passt.

Zwischendurch fährt kurz auch der Führer durchs Bild, wobei man hier vielleicht lieber den Duce hätte favorisieren sollen. Zu D'Annunzio passt Mussolini einfach besser als Hitler. Der strahlende Mittelpunkt des Bühnenbildes von Susanne Münzner ist indes eine Nachbildung des populären römischen Trevi-Brunnens, in dem im cineastischen Meilenstein „La dolce vita" Regisseur Federico Fellini 1960 die blonde Anita Ekberg baden ließ. Martin Laberenz greift dafür auf Henrike von Kuick zurück. Doch eigentlich gehen letztlich alle Akteure mehr oder weniger baden - und das sehr gekonnt.

Auch die zumindest latente Vermischung von „La dolce vita" mit dem gebotenen Stück macht Sinn. Dieses süße und zugleich auch oberflächliche, nervöse und flüchtige Leben kann letztlich nicht befriedigen. Das wird schon ganz zu Beginn der Aufführung in der Skala deutlich: Da sind Maschinen plötzlich wichtiger als Menschen und wird das Zwischenmenschliche zunehmend zurückgedrängt. Zugunsten von Moderne, Fortschritt, Technik - und Illusionen.

Guido Lambrecht glänzt dabei in der Rolle des Helden Paolo und als „Anführer" einer jungen Garde, die mit Henrike von Kuick, Sarah Sandeh, Manolo Bertling und Sebastian Grünewald ebenfalls ausgezeichnet agiert. Martin Laberenz lässt den Mimen reichlich Raum für eigene Interpretationen, und diese servieren dem Publikum dann prompt auch ein paar leckere Extrabonbons. Guido Lambrecht etwa mit einer filigranen Eincreme-Nummer, die urkomisch und sarkastisch zugleich ist. Nicht minder reizvoll auch das „Seerosen-Ballett", das Henrike von Kuick und Sebastian Grünewald zelebrieren.

Ob nun auf der Haupt-, Neben- oder Hinterbühne oder doch per Videoübertragung - das Publikum bekommt ein flottes Spiel mit reichlich guten Szenen geboten. Auch wenn dem jungen Regisseur nicht jeder Zug gelingt. Vielleicht hätte er zum Beispiel als Hintergrundsprecher einen Profi einbinden sollen, dann wäre ihm vielleicht ein zusätzlicher Treffer gelungen. Ist aber nichts so schlimm, da Laberenz so selbstkritisch wie selbstbewusst ist. Mit ihm geht ein neuer Stern am deutschsprachigen Theaterhimmel auf. Und das ist ganz sicher und nicht nur vielleicht so.

Der 28-Jährige tritt auch abseits der Bühne bemerkenswert auf. Im abschließenden Publikumsgespräch etwa agiert er souverän und eloquent, reagiert auf Kritik interessiert und aufgeschlossen, lässt sich nie aus der Ruhe bringen. Wie ein erfolgreicher Alter, gepaart mit einer kräftigen Portion Unverbrauchtheit. Unter der konzeptionellen Mitarbeit von Christoph Wirth kredenzt er mit „Vielleicht, vielleicht auch nicht" ein Stück, dessen Zeitlosigkeit erschreckend und vergnüglich in beinahe jedem Augenblick die Gegenwart einschließt und Spekulationen auch über die Zukunft erlaubt.

Es fällt auf, dass Martin Laberenz umfassende Bildungsinhalte und intelligenten Witz bereits mit der Muttermilch reichhaltig aufgesaugt hat. Die Leichtigkeit, mit der er aus einer Vielzahl von unterschiedlichsten Materialen ein anregendes und in sich harmonisches Mosaik kreiert, lässt seine Inszenierungen bereits jetzt kaum gezwungen erscheinen. Davon aber überzeugt man sich am besten selbst. Die nächsten Gelegenheiten dazu bieten sich am 14. und 25. Dezember sowie am 12. und 29. Januar jeweils um 20 Uhr.

Weitere Informationen unter www.centraltheater-leipzig.de

H.G.

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