Mit „Mädchen in Uniform" schaffte Christa Winsloe 1930 den Durchbruch als Autorin. Noch im gleichen Jahr wurde das Theaterstück in Leipzig uraufgeführt und wenige Monate später auch schon überaus erfolgreich verfilmt. 1933 erweiterte die Autorin ihr Werk zum Roman, mit stark autobiographischen Zügen.
Christa Winsloe eckte von Beginn an in einer Gesellschaft, in der Frauen eine untergeordnete Rolle spielten und mehr Beiwerk waren. Dagegen begehrte sie auf. Das war schon so, als sich die in Darmstadt geborene sowie in Internaten in Potsdam und der Schweiz erzogene Offizierstochter 1909 in München als Bildhauerin in eine Männerdomäne zwängte.
Ihre journalistischen und schriftstellerischen Arbeiten haben stets etwas mit gesellschaftlichen Zwängen, dem Erwachsenwerden, dem Erwachen und der Unterdrückung von Sexualität, der lesbischen Liebe, der Homosexualität an sich und dem Umgang damit zu tun. Sie attackiert angestaubte Erziehungsmodelle und das überholte Bildungssystem, setzt auf Individualität und untersucht das Leben in Gemeinschaften. Wertesysteme kommen auf den Prüfstand, ebenso die Rolle und die Emanzipation der Frau. Identität und Selbstfindung haben für Christa Winsloe höchste Bedeutung.
1913 hatte sie den vermögenden ungarischen Schriftsteller, Mäzen, Grundbesitzer und Politiker Baron Ludwig Hatvany (1880-1961) geheiratet. Die Ehe wird jedoch Anfang der 1920er Jahre wieder geschieden und Christa Winsloe arbeitet als Künstlerin in Berlin und München. Nach dem Erfolg von „Mädchen in Uniform" kommt es zu einer längeren Liebesbeziehung mit der amerikanischen Journalistin und Frauenrechtlerin Dorothy Thompson (9.7.1894-30.1.1961).
Die ist weltweit als Reporterin unterwegs und als Buchautorin erfolgreich. 1932 demaskiert sie Adolf Hitler in einem Interview und bringt den späteren deutschen Diktator schließlich zur Weißglut und muss Deutschland dann auch als erste Auslandskorrespondentin verlassen. Christa Winsloe folgt ihr in die USA, kann dort aber nie richtig Fuß fassen.
Dorothy Thompson ist mit Sinclair Lewis (7.2.1885-10.1.1951) verheiratet, der 1930 als erster US-Amerikaner den Literatur-Nobelpreis erhielt, und hat mit ihm einen Sohn. Als Christa Winsloe 1934 nach Europa zurückkehrt, hofft sie vergeblich, dass ihre Freundin ihr folgt. Sie hat dann eine Affäre mit dem Tenor Ezio Pinzo und lebt schließlich mit der zehn Jahre jüngeren Schweizer Künstlerin Simone Gentet zusammen.
Sie schreibt weiter Romane und Theaterstücke, setzt sich für sozial Schwache und durch die Nazis Verfolgte ein. Ähnlich wie 1914 der Erste Weltkrieg durchkreuzt 1939 der Zweite Weltkrieg ihre beruflichen Projekte. Christa Winsloe lebt nun in Südfrankreich und will vor der alliierten Invasion in der Normandie Frankreich verlassen, als sie am 10. Juni 1944 in einem Wald bei Cluny gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin von fünf Franzosen ermordet wird.
Dorothy Thompson, die später die „World Organization of Mothers of all Nations" (W.O.M.A.N.) gründete und sich stark für die Wiedereingliederung Deutschlands in die Weltgemeinschaft einsetzte, war am Boden zerstört, als sie vom tragischen Tod ihrer großen Liebe hörte.
Christa Winsloe geriet danach weitgehend in Vergessenheit - während ihr berühmtestes Werk „Mädchen in Uniform" ab 1958 durch die Neuverfilmung mit Romy Schneider, Lilly Palmer und Therese Giehse neue Popularität erlangte. Erst im Zuge einer zunehmenden Emanzipation der Frauen wurde Christa Winsloe Ende des 20. Jahrhunderts sukzessive als eine Ikone der Bewegung wiederentdeckt. Bis zu einer angemessenen und detaillierten Aufarbeitung ihres bedeutenden Werkes scheint es aber noch immer ein weiter Weg zu sein.
H.G.