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06.10.2009 20:56 Uhr
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Mädchen in Uniform: Mikat macht Winsloe froh

Christa Winsloe (23.12.1888-10.6.1944) würde Regisseurin Mareike Mikat innig herzen, wenn sie heute in die Leipziger „Skala" gehen und die Neuinszenierung ihrer „Mädchen in Uniform" anschauen könnte. 1930 wurden diese in Leipzig uraufgeführt, 1931 und 1958 außerdem erfolgreich verfilmt. Doch nie war eine Aufführung so eng an den Ansichten und Absichten der Schriftstellerin angelehnt wie jetzt. Schreibt Leipzig also einmal mehr Theatergeschichte?

Es war zu erwarten, dass sich die aus Frankfurt / Oder stammende Mareike Mikat mit diesem Stück in besonderer Weise auseinandersetzen würde. Gesellschaftskritische Themen mit speziellem Tiefgang liegen der jungen Brandenburgerin, die bereits im Vorjahr mehrere starke Inszenierungen an der Leipziger Skala realisierte und damit auch bundesweit Lob und Beachtung fand.

Christa Winsloes „Mädchen in Uniform" greifen eine Vielzahl von kritischen Themen auf: Gesellschaftliche Zwänge und Konventionen, das Erwachsenwerden, das Erwachen und die Unterdrückung von Sexualität, die lesbische Liebe, Homosexualität an sich und der Umgang damit, Erziehung und Bildungssystem, Individualität und das Leben in Gemeinschaften, Wertesysteme, die Rolle und Emanzipation der Frau, Identität und Selbstfindung.

Das am 27. November 1930 in Leipzig mit der 22-jährigen Hertha Thiele (8.5.1908-5.8.1984) in der Hauptrolle der Internatsschülerin Manuela von Meinhardis uraufgeführte Theaterstück wurde ein so großer Erfolg, dass es bereits ein Jahr später verfilmt wurde. Wieder mit Hertha Thiele in der Hauptrolle und mit der gleichaltrigen Dorothea Wieck als Lehrerin Fräulein Elisabeth von Bernburg, in die sich Manuela verliebt. Der Streifen wurde zu einem Meilenstein der deutschen Filmgeschichte und weltweit als herausragende Produktion des Jahres 1931 gefeiert.

Knapp 80 Jahre später stand vor dem Besuch in der Skala deshalb selbstverständlich die Frage im Raum, wer aus dem Ensemble denn den Part der Manuela von Meinhardis übernehmen würde und wer in die Rolle des Fräuleins von Bernburg schlüpft. Eine jedoch überflüssige Spekulation, da es keine Rollenzuteilungen gibt, sondern jede Akteurin nahezu in jede Figur schlüpft.

Dabei „assistierten" zudem unter der Regie von Maike Storf kunstvoll entstandene Puppen. Während die „Manuela"-Puppe dabei vehement an Edvard Munchs Gemälde „Der Schrei" erinnerte, hätte man Gustav Klimt als „Vater" des Fräuleins von Bernburg vermuten können. Dass nun immer wieder verschiedene Spielerinnen in die Rollen einer Protagonistin schlüpften, gab der Sache eine erstaunliche Vielschichtigkeit.

Alternativ hätte sich der Zuschauer aber auch sehr gut die ausgezeichneten Youngster Natalia Belitski als Manuela von Meinhardis und Lisa Jopt als Fräulein von Bernburg vorstellen können - in Anlehnung an Hertha Thiele und Dorothea Wieck, die diese Figuren einst weltberühmt machten. Zumal hier eine überraschende optische Ähnlichkeit zwischen den Akteurinnen gegeben zu sein scheint.

Nun, Regisseurin Mikat wählte eine andere Strategie - und machte sich die Sache wie immer nicht leicht. Das Publikum erlebt mit zunehmender Spieldauer einen rasanten Abend mit einer enormen Fülle an Botschaften und Anregungen zur kritischen Auseinandersetzung. Emma Rönnebeck brilliert dabei wiederholt mit ihrem komödiantischen Talent, Artemis Chalkidou und Birgit Unterweger begeistern wie Routinier Ellen Hellwig mit ihrer enormen Vielseitigkeit und Rosalind Baffoe rundet das starke Spiel des Ensembles gekonnt ab.

Mareike Mikat macht es nicht nur sich, sondern auch ihren Akteuren nicht leicht: Ihre überbordende Fantasie lässt sich kaum in konkrete Bahnen leiten, hinzu kommt eine strenge Selbstkritik, die nur schwer in Zufriedenheit mündet. Die Spielerinnen begegnen sich bei all ihrem Tun stets auch intensiv selbst. Eine komplizierte Übung, die beim Publikum Faszination auslöst und den Darstellerinnen zugleich viel abverlangt.

Artemis Chalkidou etwa kämpft zwischendurch mit den Puppen: „Die wirken zuweilen wie eine Schranke, zumal sie weitgehend starr sind. Wir versuchen, ihnen Leben einzuhauchen, wissen aber nie so richtig, ob das auch in der gewünschten Form rüberkommt." Von außen betrachtet, fällt dieser Widerstreit nicht auf. Intensiv fühlbar ist jedoch die Hingabe der Schauspielerinnen, wenn sie nahezu spontan in eine dieser Rollen hineintauchen - und dabei den Figuren immer wieder eine neue interessante Kontur geben, verbunden mit persönlichen Elementen und Interpretationen.

Regisseurin Mikat erzählt im Rückblick auf die beiden ersten Aufführungen etwas von einer Reise: „Wir befinden uns wie im richtigen Leben in einem Entwicklungsprozess. Ich bin sehr gespannt, wo wir in ein paar Wochen stehen, auch wenn der Rahmen von Beginn an gesetzt ist. Es sind zugleich immer wieder Nuancen, die der Sache zusätzlich Feuer geben. Dem wollen wir uns nicht verschließen."

Freunden des klassischen Sprechtheaters gefällt möglicherweise besonders gut der Auftakt mit reichlich ausgedehnten Wortgebirgen. Sobald dieser etwas zähe Beginn aber überwunden ist, sorgen die Beteiligten für prächtige Bilder und lebhafte Wendungen, die die ungeheure Themenvielfalt des Stückes ins Bewusstsein rufen.

Eine ausgelassen spielende Kinderschar wechselt plötzlich mit einem munteren Liebesakt Heranwachsender, einer beherzt philosophierenden Frauengruppe, einer intimen Begegnung zwischen Manuela und ihrer Lehrerin, einer kühlen Ansprache durch die Oberin, uniformierten Marschkolonnen, etc. Das mag zuweilen irritieren wie die Wirrnisse des Lebens selbst. Doch auch darum geht es letztendlich.

Wie gesagt: Christa Winsloe dürfte mit dieser Inszenierung und auch mit den darin eingebundenen Experimenten sehr zufrieden sein. Zugleich bleibt eine kleine romantische Sehnsucht in Erinnerung der besonderen Historie der „Mädchen in Uniform" sowie der Lebenstragik ihrer Autorin und auch der besonderen Geschichte der „Ur-Manuela" Hertha Thiele, aus der heraus auch eine klare Rollenverteilung einen intensiven Spannungsbogen hätte ziehen können.

H.G.

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