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11.01.2010 12:21 Uhr
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Passend zur Weihnachtszeit: „Sweet Dreams“

Foto: R.Arnold/CT
Weihnachten verbuchen die Notaufnahmen der Krankenhäuser regelmäßig ihre höchste Arbeitsintensität im Jahr. Als Grund werden dann vor allem Familienkonflikte genannt. Auch darum geht es in „Sweet Dreams" in der Leipziger Skala. Eine drastische Reise in menschliche und gesellschaftliche Abgründe, sexuelle Perversionen, Inzest bis hin zu Kinderschändung. Ohne Anklage und Entschuldigung, frei von jeglicher Scheinheiligkeit - und auch deshalb absolut sehenswert.

Weihnachten ist nackte Haut im TV tabu. Gewaltorgien aber laufen auf allen Kanälen. Eine Scheinheiligkeit, die „Sweet Dreams" nicht teilt. Obwohl Regisseur Mirko Borscht geradezu für drastische Inszenierungen steht: In „Opferpop" etwa zeigte er knüppelharte Exzesse in benachteiligten Wohnquartieren, in „Der Tag des Opritschniks" ging es nicht minder rabiat um Großmachtstreben und damit verbundene Auswüchse im Namen der Inneren Sicherheit.

Borscht inszeniert seine Gewaltorgien indes so aberwitzig, dass sie unter die Haut gehen und zugleich durch ihre Absurdität die nötige Distanz wahren. Das erinnert teilweise an Tarantino, obwohl man Künstler nicht miteinander vergleichen soll. In „Sweet Dreams" verzichtet Regisseur Borscht ähnlich wie Fritz Lang in seinem legendären „M - Eine Stadt sucht einen Mörder" mit Peter Lorre und Gustav Gründgens auf jegliche Parteinahme, Anklage und Entschuldigung. Und wie einst bei Stanley Kubrick in „Lolita" wird jederzeit deutlich, dass es nicht das Gute oder Böse an sich gibt - und dass Täter zugleich auch Opfer sein können, wie auch umgekehrt. Ein ganz schmaler Grat.

Die Klasse von „Sweet Dreams" ist aber auch dem glänzenden Spiel von Henrike von Kuick und Ingolf Müller-Beck zu verdanken. Von Kuick hatte zuvor schon in „Matthäuspassion" eindrucksvoll dargestellt, wie schmal dieser Grat zwischen Gut und Böse sein kann. Und in „Macbeth" präsentierte die junge Potsdamerin in sehr drastischer Form die Leiden einer Mutter angesichts ihres ermordeten Kindes. In „Sweet Dreams" kommt sie dann auch von Beginn an mächtig in Fahrt, so dass sich schnell die Frage stellt, ob Ingolf Müller-Beck da Schritt halten kann.

Kann er. Beide Akteure stacheln sich hier offenbar immer wieder gegenseitig an - und ziehen schließlich über fast 120 Minuten ein Powerplay auf, das allein schon durch seine hohe Intensität beeindruckt. Begleitet von einem exzellenten Soundtrack und flankiert von einer bizarr gestalteten Bühne unter anderem mit einer überdimensionalen Mischung aus Vagina und Blüte, aus der am Ende eine Mixtur aus Körpersäften und Blut fließt, mit der Henrike von Kuick Ingolf Müller-Beck badet.

Beinahe dämonisch, wie von Kuick zwischendurch abwechselnd die Lolita und die naive Unschuld verkörpert, um dann über eine Art Tortenschlacht mit sich selbst wieder geschickt ins Absurde abzugleiten. Nicht weniger skurril, wenn Müller-Beck seine halbnackte „Spielgefährtin" falsch herum auf einem Gynäkologenstuhl fixiert. Parallel zu einer Art Fortsetzungsgeschichte durchziehen immer wieder neue kurze Episoden mit gegenseitigen Misshandlungen die Inszenierung. Soll auch heißen: Träges Konsumieren aus sicherer Distanz ist mit Mirko Borscht nicht zu machen.

Nachdem „Sweet Dreams" bereits zum Ende der letzten Spielzeit mit insgesamt drei Aufführungen neu ins Programm kam, wurde das Stück erst jetzt wieder pünktlich und durchaus auch passend zur Weihnachtszeit wieder auf die Bühne gehievt. Die nächsten Aufführungen folgen am 15. Dezember sowie am 6. und 14. Januar jeweils um 20 Uhr in der Skala.

H.G.

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