Das Team der Lichtbühne machte eindrucksvoll klar, was es heißt, aus wenig so richtig viel zu machen. Regisseurin Kerstin Weiler kürzte die Romanvorlage um einiges: So gewann das Geschehen deutlich an Fahrt, etwaige Längen wurden umschifft und doch waren alle wichtigen Details der Geschichte präsent. Baricco hatte seinen Roman für einen Schauspieler und einen Regisseur geschrieben und auf diese Weise ein Werk geschaffen, das sich nicht eindeutig klassifizieren lässt. Genau diese Tatsache macht die Sache so spannend.
Trompeter Tim Tooney erzählt die „Legende vom Ozeanpianisten" aus der Sicht eines Mannes, der seine durchaus vorhandenen Gefühle am liebsten versteckt, im Leben nicht sonderlich viel Glück hatte („...sogar meine Trompete hab' ich verkauft") und den eine Frage nie loslässt: Warum geht sein Freund und Musiker-Kollege Novecento nie von Bord?
Seine Kollegen waren alle auf Landgang, als der Matrose Danny Boodmann ihn eines Morgens als Baby im luxuriösen Ballsaal des Ozeandampfers „Virginian" in einem Pappkarton entdeckte. Boodmann benannte das Findelkind mit dem seltsamen Schicksal nach dessen Geburtsjahr: Novecento, 1900.
Das Bühnenbild (Anja Callam) kam mit Überseekoffer, Barhocker, Klavierhocker und Bullauge aus - und erzählte dennoch alles: Von den vielen Schiffsfahrten, die der Trompeter Tim Tooney und sein Musiker-Kollege Danny Boodmann T.D. Lemon Novecento Jahr für Jahr zwischen Europa und Amerika unternahmen, von Novecentos furiosem Klavierspiel und seiner ganz eigenen Art, sein Leben zu leben sowie von Tooneys Versuchen, hinter das Geheimnis des „größten Pianisten des Ozeans" zu kommen. Der Barhocker steht für Tooney, der Klavierhocker für Novecento.
Dass kein Klavier auf der Bühne steht - und die zauberhaften Piano-Klänge eingespielt werden, macht nichts aus. Hätte sich etwa Trompeter Tooney ans Klavier setzen sollen? Hätte der Pianist die Novecento-Sequenzen live einspielen sollen, wo es sich doch ausdrücklich um ein Solo-Stück handelt? Nein. So schafft sich jeder Zuschauer seine eigene Realität - so dass am Ende Novecento in der Phantaise so manchen Gastes sogar lange Haare hat ...
Weiler sorgt dafür, dass sich ihr Schauspieler Guido Verstegen nicht in irgendeiner Kostümklamotte verirrt, sondern lässt ihn bis auf eine Ausnahme (Conferencier an Bord der „Virginian") in Leinenschuhen und -hose sowie einfachem schwarzen Langarm-Shirt auftreten. So auch in der ruhigen und doch packenden Schlusssequenz mit Novecentos einfühlsamen Monolog: Hier reicht es vollkommen aus, dass Verstegen sein Gespür für die verschiedenen Charaktere und Figuren unter Beweis stellt und Novecento so eine ganz eigene Farbe verleiht: Zart und verletzlich, naiv und nachdenklich.
Überhaupt liefert der 43-Jährige bei diesem 90-minütigen Marathon eine tadellose Leistung ab und zieht den Zuschauer von Beginn an in seinen Bann. Eigentlich erzählt er ja nur eine - zugegeben unglaubliche - Geschichte. Nie kommt Langeweile auf. Weil es dem Darsteller gelingt, die Story lebendig und voller Rhythmus zu transportieren - so als würden Novecentos Hände über die Tasten gleiten, so als würde das Schiff auf den Wellen reiten. Tooney alias Verstegen erweckt die Geschichte in einer Gratwanderung zwischen Melancholie und lebensklugem Witz zu neuem Leben und lässt uns die Welt mit anderen Augen sehen.
Ralph Müllers minimalistische Lichtführung wurde der Atmosphäre auf dem Unterdeck - dort, wo die dritte Klasse untergebracht ist; dort, wo Novecento seine wundervolle Musik spielt - voll und ganz gerecht. Wie überhaupt das Studio 1 der Pasinger Fabrik mit all seinen Rohren und schroffen weißen Wänden dem Zuschauer dabei half, sich dieses Unterdeck vorstellen zu können. Bezaubernd auch die Idee von Anja Callam, rund ums Publikum und auch im Bühnenhintergrund ein schräg verlaufendes rotes Band zu spannen bzw. an die Wand zu kleben: Neue Horizonte für jeden Gast auf der „Virginian".
Die Feuertaufe der Lichtbühne war übrigens nicht die einzige Premiere, die am Wochenende in der Pasinger Fabrik über die Bühne ging: Für Guido Verstegen war es das erste Solo-Projekt und für die Pasinger Fabrik das erfolgreich abgeschlossene Experiment, aus dem Studio 1 eine zusätzliche Theaterbühne mit ganz eigenem Flair zu machen.