Nachdem die Türken 1683 erfolglos Wien belagert hatten, ließen sie bei ihrem Abzug reichlich Säcke mit Kaffeebohnen zurück. Daraus entwickelte sich eine Erfolgsgeschichte, die bis heute an der faszinierenden Vielfalt der Wiener Kaffeehauskultur abzulesen ist. Das gilt zugleich für sämtliche Metropolen der einstigen kaiserlichen und königlichen Habsburgermonarchie.
Ende des 17. Jahrhunderts begann damit der rasante Siegeszug des Kaffees durchs gesamte Abendland - und ging offenbar auch nicht an den reisefreudigen und unternehmungslustigen Schweden vorbei. Heute lässt sich sogar sagen: Was Brasilien im Fußball, sind die Skandinavier im Kaffeetrinken. Sie führen die Weltrangliste klar an, mit im Schnitt täglich rund vier Tassen pro Person. Da halten nur noch die Finnen schritt - und die waren einst sogar mal ein Teil von Schweden ...
Anfang des 18. Jahrhunderts zählte Schweden zu den führenden europäischen Großmächten, und allein in Stockholm gab es da schon fünf Kaffeehäuser, in denen dann regelmäßig große Pläne geschmiedet wurden. Denn Kaffee ist in Skandinavien ein fester Bestandteil der Gesprächskultur und bis heute fehlt das anregende Getränk bei keiner Besprechung. Man könnte zudem sagen: Die relativ vielen Kaffeepausen in schwedischen Unternehmen sind feste Termine zum Brainstorming.
Zum Kaffee wird fast immer zudem etwas Gebäck gereicht - und auch bei solchen Zeremonien lassen sich Schweden international nichts vormachen. Das nimmt auch Anna Oels-Lindell sehr genau. Die erfolgreiche Account Managerin eines großen internationalen Kunststoffproduzenten hat zum Kaffee stets ein besonderes Extra parat: „Das gehört einfach dazu. Sonst wäre es kein echtes Fika und die Wirkung wäre deutlich geringer."
Anna ist in Deutschland geboren und aufgewachsen und lebt auch heute hier, nachdem sie zwischendurch in Stockholm ein Studium in Schauspiel und Gesang erfolgreich absolviert und an gleicher Stelle anschließend noch ihr BWL-Diplom gemacht hat. Aktuell agiert sie von Leipzig aus, wo sie auch Präsidentin der Wirtschaftsjunioren und in dieser Funktion eine ausgezeichnete Botschafterin der Stadt ist: „Die Kaffeesachsen passen doch perfekt zum schwedischen Fika." Doch ihr Zuhause ist die Welt: „Und gerade da kommt man mit Fika meist schneller und leichter zum Ziel. Das ist gelebte Kommunikation, geistreicher Gedankenaustausch und ein großartiges Stück Lebenskultur."
Wobei Anna zwischendurch auch mal einen Tee bevorzugt: „Das ist kein Widerspruch. Kaffee und Tee betrachte ich als eine Art Geschwisterpaar." Nur bei ihrem bevorzugten Musikklassiker macht Anna keine Zugeständnisse: „Das bleibt die Kaffeekantate von Johann Sebastian Bach." Was für ein mitreißender Fika-Zauber.
H.G.