01.03.2010 16:28 Uhr

War hier eine Synagoge

Wojciech Wilczyk Działdowo Synagoge, Jagie
Der polnische Künstler Wojciech Wilczyk, geboren 1961 in Krakau, fotografierte in einer dreijährigen Recherche ehemalige Synagogen und private Gebetshäuser in Polen. Herausgekommen ist dabei eine Dokumentation über Synagogen, die noch existieren, aber nicht mehr den jüdischen Gemeinden gehören. Heute verfallen die früheren Gebetshäusern oder werden anderweitig als Supermärkte, Wohnhäuser oder Polizeiwachen genutzt. Die vorhandene Architektur wurde in den meisten Fällen zerstört. Ornamente wurden abgeschlagen, Wände glatt geputzt und das Innere der Synagogen einfach entfernt. Man hat schlicht alles ausgelöscht, was an die frühere Nutzung erinnern könnte.


Wilczyk versucht mit sachlichem Blick, Fotografien der Erinnerung der jeweiligen Orte festzuhalten. Ohne Pathos und fernab jeglicher Postkartenästhetik dokumentiert Wilczyk historische Gebäude, die nur scheinbar mit der heutigen Gesellschaft verbunden sind und immer noch die Erinnerung an eine schwierige Vergangenheit wecken. Obwohl die meisten europäischen Juden vor dem Holocaust in Polen lebten, ist das Gedächtnis an die jüdische Tradition des Landes kaum mehr präsent. Wojciech Wilczyk wollte dieser schleichenden Verdrängung durch seine Dokumentation entgegenwirken. Sein melancholisch anmutendes Werk repräsentiert den Verlauf der Geschichte, die an den Bauwerken deutlich wird. Die unterschiedliche Nutzung der ehemaligen Gotteshäuser resultiert aber nicht nur aus der Geschichtsvergessenheit. Die Situation der Nachkriegsjahre führte dazu, Synagogen umzufunktionieren, denn das jüdische Leben war durch Vernichtung und Emigration fast völlig zum Erliegen gekommen.

Links: Kargowa Synagoge, Dworcowa Straße 17, 29.03.2008© Wojciech Wilczyk

Rechts: Dabrowa Tarnowska Synagoge, Berke Joselewicza Straße, 12.07.2007© Wojciech Wilczyk


Wojciech Wilczyk zählt zu einer Generation von Künstlern, die den Rahmen des künstlerischen Diskurses in Polen bestimmen. Neben seinen Kunstwerken und zahlreichen Veröffentlichungen nahm er an Konferenzen und Ausstellungen in führenden polnischen Institutionen teil. Er stellte die Verbindung zwischen den Generationen von Dokumentarfotografen her und gründete auch selbst eine Gruppe von Fotorealisten.

Links: Łaszczów Beit ha-Midrasch, Rycerska Straße, 09.01.2008© Wojciech Wilczyk

Rechts: Lubań Synagoge, Grunwaldzka Straße 11, 04.11.2007© Wojciech Wilczyk


Die Kunstsammlungen Chemnitz zeigen neben 20 Arbeiten eine Projektion mit allen 310 Fotografien von Synagogenbauten in Polen. Nach Christian Tomaszewski im Jahr 2006 ist Wojciech Wilczyk der zweite zeitgenössische Künstler aus Polen, der in den Räumen der Kunstsammlungen Chemnitz präsentiert wird. Die Ausstellung entstand in Kooperation mit dem Museum Atlas Sztuki, Łódź, der polnischen Partnerstadt von Chemnitz.

Links: Nowy Korczyn Synagoge, Zamkowa Straße, 07.03.2008© Wojciech Wilczyk

Rechts: Radoszyce Beit ha-Midrasch, Ogrodowa Straße 19, 30.11.2008© Wojciech Wilczyk

War hier eine Synagoge? Synagogenbauten in Polen
Wojciech Wilczyk
Fotografie und Projektion
14. Februar - 11. April 2010

KUNSTSAMMLUNGEN CHEMNITZ
Generaldirektorin: Ingrid Mössinger
Kuratorin: Katharina Metz
Theaterplatz 1| 09111 Chemnitz
Tel.: +49 (0) 371 488 44 24 | Fax: +49 (0) 371 488 44 99
kunstsammlungen@stadt-chemnitz.de | www.kunstsammlungen-chemnitz.de  

08.02.2010 Bernhard Wiesbeck

Kommentare

Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.

Weitere Artikel

Bilder im Licht Fotos halten Augenblicke, Ereignisse und Stimmungen fest, an denen wir oft unbedacht vorübergehen. Maren Beßler geht deshalb selten ohne Kamera aus dem Haus. Was ihre Kamera festhält wandert in die Kategorien „Alltag, Architektur, Essen und Trinken, Gegenstände, Landschaft, Menschliches, Nachdenkliches, Pflanzliches, Tierisches, Wasser und Event". Doch bevor die Aufnahmen bei Lichtbild-Austria landen, werden sie digital bearbeitet, so bekommen sie eine künstlerische Note. [mehr]
Sieg der Leidenschaft Was kann schöner sein, als im Tourismus zu arbeiten und um die Welt zu reisen? Eine Frage die Tatjana Servais nicht aus der Ruhe bringt, obwohl diese Frage auf seltsame Weise ihr Leben und Ihre Arbeit beschreibt. Da war doch dieser schwarz-weiß Fotokurs in der Schule und da sie eh schon mal in New York ist dachte sie, da geht ich doch mal gleich ins New York Institute of Photography und schau mal was die da so machen. Jetzt ist sie Fotografin und zeigt uns ein paar schwarz-weiß Bilder. [mehr]
Stahlkocher und Lavaströme: „Verbrannte Landschaften“ in der Henrichshütte In der legendären Hattinger Henrichshütte geht's wieder heiß zur Sache. Fast anderthalb Jahrhunderte lang sorgte das gewaltige Stahlwerk für den Herzschlag nicht nur der reizvollen mittelalterlich geprägten Kleinstadt an der Ruhr. Mit dem Strukturwandel im Revier kam dann vor mehr als 20 Jahren aber auch für diesen Giganten das Aus - und entstanden hier ein Gewerbezentrum und ein Industriemuseum. Daniela Szczepanski und Frank Hohmann lassen hier nun mit einer besonderen Ausstellung wieder die Feuer lodern. Mit der Outdoor-Ausstellung „Verbrannte Landschaften" stellen sie eine faszinierende Verbindung her zwischen natürlichen Feuerphänomenen wie dem Vulkanismus und dem einstigen Zauber der Schwerindustrie. [mehr]

Bookmarks

Hinzufügen bei  Blogmarks Hinzufügen bei  Del.icio.us Hinzufügen bei  digg Hinzufügen bei  Faves Hinzufügen bei  FriendSite Hinzufügen bei  Google Bookmarks Hinzufügen bei  Technorati Hinzufügen bei  Yahoo My Web Webnews

Diese Seite verlinken

mein kultur-szene:

Anzeige

Fotogalerien

Kommentare

Kunstdrucke - auf kunst-shopping.com

Forum

Twitter/Facebook

Anzeige

Kultur-Netzwerk TV

Anzeige

Marktplatz