| << Zurück | 26.11.2009 13:12 Uhr |
In einem Polizeibericht vom 20. Dezember 1989 wurde Peter Rubin nach einem Unfall bereits als „inzwischen verstorben" bezeichnet. Mit schwersten Kopfverletzungen lag er acht Wochen im Koma und verbrachte anschließend fast anderthalb Jahre in Krankenhäusern. Nur ganz langsam kehrte er Schritt für Schritt ins Leben zurück, und musste dann quasi ganz von vorn beginnen. Eine Herausforderung, die er trotz Rollstuhl und anderer Einschränkungen annahm und darüber ein deutliches Plus an Lebensqualität gewann.
Wie es zu dem Unfall kam? „Weil ich nicht Nein sagen konnte. Das führt zu Stress. Stress ist ein schlechter Ratgeber. Dann kam jener 20. Dezember. Ich hätte Nein sagen können", erzählt Peter Rubin. Seitdem sagt er regelmäßig Nein - und räumt damit zugleich dem Ja einen viel höheren Stellenwert ein. Dem Ja gegenüber dem Leben und dem Ja gegenüber den Mitmenschen.
Bei seinen Lesungen spielt das Thema Zeit eine große Rolle. Das Genießen von Zeit und die Langsamkeit nehmen dann einen großen Raum ein. Ebenso das Hier und Jetzt sowie die Macht der Sprache und vieles mehr wie zum Beispiel die Natur. Dabei hat Peter Rubin erkannt, dass das Leben und der Tod eine Einheit bilden - und auch darum geht es in seinen Gedichten und seinen literarischen Veranstaltungen.
Peter Rubin sagt das ohne jeden Sarkasmus: „Heute gibt mir der Rollstuhl die Möglichkeit, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Sozusagen von 190 Zentimeter Stehhöhe auf 145 Zentimeter sitzend reduziert. Gelassenheit ist eingekehrt. Der neue Blickwinkel geht nach oben. Frische, veränderte Augenbewegungsmuster sorgen für kreative Einfälle - und die Augen sind der Trigger, einer der ‚Anlasser' dafür."
Seine Rückkehr ins Leben war ein unendlich langsamer Prozess. „Ich begann, die Welt um mich herum verändert wahrzunehmen. Langsamer, bewusster." Er fing an, Gedichte zu diktieren. Schreiben konnte er noch nicht wieder, und auch das Sprechen ging nur stockend: „Ich gründete also eine ‚Wortsucherei'. Heute ist jeder Tag, jede Stunde eine ‚Geschenkte Stunde' für mich." Und „Carpe diem" sein sehr bewusstes Lebensmotto - wie auch die beherzte Haltung „Dennoch!".
Die pflanzte ihm sein Bruder Fritz beim ersten Besuch im Regensburger Krankenhaus der Barmherzigen Brüder ein. „Keinen Lieblingssport wie Golf und Tennis mehr ausüben zu können, auch das schmerzt schon sehr. Was ich sehr vermisse, ist das ganz normale Spazieren. Durch die Natur schlendern, das Grün der Bäume, das Blau des Himmels, das Prasseln der Regentropfen beim Laufen über eine grüne Wiese, das Wahrnehmen dieser so einfachen Dinge. Oder auch das Besteigen einer Treppe."
Dennoch: „Nach vorne schauen, lächeln, Demut empfinden, anderen Menschen helfen, ehrlich sein, freundlich, ein ‚Böse-Worte-Vermeider' werden, zuhören, miteinander reden und
nicht übereinander, das Miteinander pflegen. Im Garten der Liebe scheint immer die Sonne, blühen die Blumen wie auch Du aufblühst ..." Peter Rubin hat ein überaus positives Denken gewonnen. Er sieht den Krug immer noch halbvoll - auch wenn schon die Neige winkt.
Voll und ganz stimmt er dem zu, was der Literat und Philosoph Rüdiger Safranski in seinem Werk „Romantik - Was sonst bei dem Sauwetter?" über die „Gemütserregungskunst" der Romantiker schreibt: „Damit lehren sie uns, dass wir außer dem Rationalen auch die Träume brauchen. Die Romantiker waren getrieben von unendlicher Sehnsucht, sie liebten die Aufbrüche, sie wussten, dass es die Phantasie ist, mit der man sich die Welt erschafft." Das gilt nach Meinung von Peter Rubin gerade auch für die Literatur, Philosophie und Musik: „Die Romantik und das Romantische leiten uns an. Gedanken über den Sinn des Lebens nachzugehen, sind Programm gegen Langeweile."
Langeweile kennt Peter Rubin wahrlich nicht. Auch wenn er nun regelmäßig Nein sagt, ist er dennoch mit seinem literarischen und philosophischen Schaffen gut ausgelastet. Darin enthalten sind besondere Veranstaltungsreihen wie das „Poeten-Frühstück", in dem die wunderbare Leichtigkeit des Da-Seins gleich zu Beginn des Tages vermittelt wird - nämlich anders, romantischer, heiterer und dadurch letztlich auch bewegter. Siehe Hegel.
Alternativ gibt es „Poetische Mittagspausen" und „Poetische Abendessen". Auch die „Poetischen Tagesreisen" vermitteln ein intensives und neues Zeitgefühl. Und man lernt sogar, auch im Stau zu lächeln. Lächeln, Langsamkeit und bewusstes Entschleunigen werden hier gut erlebbar als idealer Start für Veränderung und Erneuerung vermittelt. Damit man aber nicht erst einen viel zu großen Teil seines Lebens durch Hast und Eile verpasst, hat Peter Rubin zudem die „Schule für Kinder" eingerichtet.
Kommunikation ist dabei das Schlüsselwort: „Wir lernen Deutsch zu sprechen zum Beispiel im spielerischen Austausch bei einem Erdkunde-Wissensspiel, beim Kartenspiel oder auch bei ‚Mensch ärgere dich nicht'. Wir lesen gemeinsam Gedichte und reden darüber. Wir schreiben eigene Gedichte. Wir lesen Märchen und reden darüber. Es ist dieser Austausch, der zählt. Ich biete den Kindern dabei eine breit gefächerte und auf unterschiedliche Bedürfnisse angepasste Kommunikationspalette an. Die Ziele sind: Ein freieres Sprechen, liebevollere Nutzung und
Umgang mit der deutschen Sprache, ein bewussteres Auftreten und - damit verbunden - eine automatische Stärkung des Selbstbewusstseins."
Gedichte bezeichnet Peter Rubin als „Tautropfen der Gedanken" und fügt gleich einen Vers an: „Lächelnd trägt der Zeiten Lauf / Leid und Trauer auch zu Hauff / Prägen Dich und Glück vergelt's: / Ändern tust nur DU Dich selbst." Die Feiern zum 20. Jahrestag des „Mauerfalls" erlebt der Wortvirtuose in besonderer Weise, da wenige Wochen nach dem welthistorischen Ereignis für ihn ganz persönlich durch einen schweren Unfall ein völlig neues und deutlich bewusster geführtes Leben begann. Seitdem reißt der bayerische Bücherfreund und Lyrik-Liebhaber jeden Tag Mauern ein.
Weitere Information unter www.peterrubin.vpweb.de
H.G.
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