Da hört man Eis brechen: Skandinavische Lehrstunde mit Sibelius, Grieg und Co.
Foto: Manfred Esser
Ab in den Norden - und seine überaus klaren Klangwelten, heißt es am 11. und 12. Dezember jeweils um 20 Uhr im Großen Saal des Konzerthauses Berlin. „Ein Abend der Nationalkomponisten" wäre dieses Konzertprogramm wohl im 19. Jahrhundert überschrieben worden. Nun mag die Suche nach nationaler Identität in Zeiten von EU und Globalisierung als ein Relikt aus längst überholten Zeiten gelten - dennoch pflegen die skandinavischen Tonsetzer bis heute eine ganz eigene Tonsprache.
Wer könnte also einen Abend mit berühmten Werken des finnischen Monolithen Jean Sibelius, dem populärsten Instrumentalkonzert des Norwegers Edvard Grieg sowie der „Schärensage" des Schweden Hugo Alfvén stimmiger dirigieren als ein Mann aus dem hohen Norden? Okko Kamu ist in Helsinki aufgewachsen. Als Autodidakt gewann er 22-jährig den ersten Dirigentenwettbewerb der Karajan-Stiftung 1969 in Berlin und gilt seither als einer der profiliertesten Verwalter des nordischen Musikerbes.
Die Werke seines Landsmannes Sibelius lässt er nicht selten anarchischer und ungezähmter erklingen als viele seiner mitteleuropäischen Kollegen. Da hört man Eis brechen, die Erde bersten und stellt fest: Diese Musik verträgt solchen Zugriff. Nur konsequent, dass in Griegs Klavierkonzert ein weiterer Skandinavier den Solistenpart übernimmt: Henri Sigfridsson, ein Finne, der 1995 mit gerade einmal 21 Jahren den großen skandinavischen Wettbewerb „The Nordic Soloist Competition" gewann.
Neben seinem kraftvollen, leuchtenden Spiel verfügt der Pianist indes über eine weitere solistische Fähigkeit: Er singt! Und zwar gleichzeitig, etwa bei Schuberts „Ständchen". Sigfridsson: „Es stellt für mich überhaupt keine Schwierigkeit dar, den Vokalpart und die Klavierbegleitung gleichzeitig zu übernehmen. Die Begleitung ist im Allgemeinen technisch nicht allzu schwierig ... und dann erlaubt diese ‚Symbiose' eine vollkommene Einheit zwischen dem Gesang und dem Klavier."
Im Konzerthaus Berlin wird sich Henri Sigfridsson auf die weißen und schwarzen Tasten konzentrieren und die breitwandigen Bilder des Klavierkonzerts a-Moll op. 16 zum Leben erwecken. Doch wer weiß: Die eingängigen Melodien regen zum Mitsummen geradezu ein.
Kommentare
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.
Sie sind nicht eingeloggt.
Um einen Kommentar zu diesem Artikel schreiben zu können, loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich.
Weitere Artikel
Auf offener Bühne: 90-minütiger Kampf Mann gegen Instrument
Die Grundkonstellation in Patrick Süskinds Stück „Der Kontrabass" ist einfach: ein Mann und sein Instrument. Der tragikomische Monolog gilt als eines der erfolgreichsten und meistgespielten Theaterstücke der letzten Jahrzehnte. Ein 90-minütiger Kampf auf offener Bühne, Mann gegen Instrument, das Lebensdrama einer mausgrauen Existenz, die einmal aus der letzten Orchesterreihe ausbrechen will. Als Wiederaufnahme ab dem 11. Dezember jeweils um 20 Uhr im Musikclub des Konzerthauses Berlin zu erleben.
[mehr]
Fast wie Golden Earring: Forscher Richard Klemm verbindet Radar Love und große Musik
Wissenschaftler leben meist in einer ganz speziellen Welt. Vor allem dann, wenn es sich um Forscher im Bereich der Natur- und Ingenieurswissenschaften handelt, werden von der Gesellschaft gern bestimmte Klischees assoziiert. Doch es gibt auch Gegenbeispiele, wie etwa den promovierten Nachrichtentechniker Dr. Richard Klemm, dessen Spezialgebiet Radarsysteme sind - und dessen zweite Leidenschaft von Anfang an die Welt der Musik war. Also fast ein bisschen so wie bei „Golden Earring" ...
[mehr]
musica reanimata: Vladimir Vogel wiederentdeckt im Gesprächskonzert
Entdeckungsreise, Kulturgenuss und gesellschaftskritische Analyse in einem Atemzug: Im Gesprächskonzert im Musikclub des Konzerthauses Berlin wird am Donnerstag, dem 10. Dezember, um 20 Uhr Vladimir Vogel und seine Klaviermusik vorgestellt. Aufgrund seiner deutschen Staatsangehörigkeit war der in Moskau aufgewachsene Komponist im Ersten Weltkrieg im Ural interniert. Veranstalter der Reihe ist der Förderverein zur Wiederentdeckung NS-verfolgter Komponisten und ihrer Werke, „musica reanimata e.V."
[mehr]
Bookmarks
Diese Seite verlinken