| << Zurück | 05.10.2009 20:29 Uhr |
Jürgen Ernst kehrte 1994 in seine Heimatstadt Leipzig zurück. Drei Jahre nach der Gründung des Projektes zur Wiederbelebung des einstigen Wohn- und Sterbehauses von Felix Mendelssohn Bartholdy durch Kurt Masur. Die Immobilie in der Goldschmidtstraße 12 befand sich in einem jämmerlichen Zustand. Mit Jürgen Ernst als Direktor nahm die Sache aber schließlich Fahrt auf, so dass noch pünktlich zum 150. Todestag Mendelssohns am 4. November 1997 nach höchst aufwendiger und sorgfältiger Komplettrestauration die Eröffnung gefeiert werden konnte.
Schwungrad Ernst, von Haus aus Ingenieur- und Musikwissenschaftler, brachte dabei viel wertvolles Managementwissen und eine ebensolche Erfahrung ein. Zuvor hatte er über viele Jahre in der Führung der Komischen Oper in Berlin gewirkt und nahm die spezielle Herausforderung in Leipzig vor allem aus einem Grund an: „Felix Mendelssohn Bartholdy war nicht nur ein genialer Musiker und Organisator, sondern auch ein wunderbarer Mensch. Er hat so viel Herrliches geschaffen und dazu so viel Gutes bewirkt, gerade für meine Vaterstadt Leipzig, dass das ihm später widerfahrene Unrecht mehr als empörend ist. Die Entscheidung für Felix und das Projekt fiel daher sehr emotional. Ich wollte helfen, hier wieder etwas gutzumachen."
Mendelssohn war für Jürgen Ernst bereits früh eine feste Größe: „Es mag fast schon ein bisschen unheimlich oder gar ersponnen klingen, entspricht aber der Wahrheit: Nachdem ich als Jugendlicher endlich meinen ersten Plattenspieler hatte, kamen als erste Scheiben die Italienische und Schottische Sinfonie von Felix in meine Sammlung. Ich bin zwar keineswegs nur auf Klassik fixiert, doch in diesen beiden Platten steckte bereits so viel Sound, Emotion und Inspiration, dass ich Mendelssohns Musik fortan nicht mehr missen wollte."
Es war aber auch der charmante Weltmann, der Jürgen Ernst an Felix Mendelssohn Bartholdy faszinierte und bis heute begeistert: „Das Gewandhaus zählte damals bereits zu den führenden Adressen in Deutschland, weshalb die Berufung zum Kapellmeister für den damals erst 26-Jährigen eine Ehre war. Zugleich war es für Leipzig eine Sensation und ein entscheidender Impuls, plötzlich eine solche Persönlichkeit und Ausnahmeerscheinung vor Ort zu haben."
Direktor Ernst ist davon überzeugt, dass außergewöhnliche Entwicklungen vor allem durch außergewöhnliche Menschen ermöglicht werden: „Zunächst gilt es, die richtigen Ideen zu haben. Dann muss man außerdem in der Lage sein, solche Ideen anzustoßen. Doch selbst das genügt noch nicht zum Erfolg. Der stellt sich erst ein, wenn die angestoßenen Ideen auch verwirklicht werden. Im Sport würde man sagen, dass letztlich vor allem die Tore zählen. So gesehen ist Mendelssohn stets ein Toptorjäger gewesen. Er hatte einen genialen Torriecher und erzielte dann auch noch die entscheidenden Treffer."
Dazu war er ein interkulturell gebildeter Mann, der mehrere Sprachen beherrschte, sich weltoffen und überaus tolerant zeigte, der aus einem bemerkenswerten Elternhaus stammte und der Enkel eines der klügsten Köpfe Deutschlands war. Ein Feingeist und Menschenfreund, ein früher Europäer und überzeugter Weltbürger, charmant und humorvoll, höchst innovativ und zugleich mit großem Interesse an der Vergangenheit.
Seine Verpflichtung als Gewandhauskapellmeister trotz seiner Jugend spricht für das seinerzeit herausragende Gespür und Musikverständnis der Leipziger. Die reiche und altehrwürdige Handelsmetropole fühlte sich bereits um 1800 unter anderem nach der Gründung des Gewandhausorchesters und der Präsenz eines Musikverlages wie Breitkopf & Härtel als das Zentrum der Musikwissenschaft im deutschsprachigen Raum. Überaus selbstbewusst waren sie hier halt schon immer.
Die Einschätzung war jedoch nicht aus der Luft gegriffen, sondern nährte sich aus der berechtigten Vermutung, dass man sich an einem Gipfelpunkt des Musikschaffens befand - und den wollte man weiter kultivieren sowie auch für die kommenden Jahrzehnte und Jahrhunderte konservieren. Um diesen besonderen Bildungsprozess in Gang zu setzen, hatten die Geistes- und Handelsgrößen vor Ort bereits 1798 etwa auch die „Allgemeine musikalische Zeitung" ins Leben gerufen. Was ihnen jetzt nur noch fehlte, war das entscheidende geniale Moment, das diese prächtige Saat zum Erblühen bringt.
Diesen Heilsbringer erspähten sie schließlich in dem blutjungen Felix, der gerade von Berlin nach Düsseldorf gewechselt war, dort aber nicht so richtig glücklich wurde. Jürgen Ernst strahlt über das ganze Gesicht, wenn er an diese Ereignisse erinnert. Dann würde er am liebsten sofort aufspringen, um sich sogleich mit zusätzlichem Schwung an die Fortführung seines Werks zu machen: „Man muss sich das mal vorstellen. Mendelssohn bekam damals 600 Taler als Kapellmeister. Davon konnte man in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ordentlich leben. Doch allein sein Vermögen brachte ihm im gleichen Zeitraum bereits 950 Taler an Zinsen ... Wegen des Geldes ist er also nicht nach Leipzig gewechselt."
So wie die Leipziger Mendelssohns Ausnahmetalent überaus hoch einschätzten, wusste der junge Felix, welch ausgezeichnete Grundlagen Leipzig zu bieten hatte. Das war ein bisschen so wie bei Dornröschen, die im Grunde nur noch von dem Prinz wachgeküsst werden musste - doch leider fand niemand den Weg durch den Dornenwall.
„De Prinz kütt", hätten die Rheinländer also am 4. Oktober 1835 gejubelt, doch sie hatten den Top-Youngster dummerweise nach Sachsen ziehen lassen und deshalb genossen nun die Leipziger den lang ersehnten Erlösungskuss. Dabei wurden ihre hohen Erwartungen schon sehr bald noch deutlich übertroffen - und nicht nur das Gewandhausorchester schnellte von der nationalen in die Weltspitze empor.
Anderthalb Jahrzehnte lang arbeitet Jürgen Ernst, von Kurt Masur seinerzeit schlau ausgesucht und umworben, nun schon erfolgreich an der Mendelssohn-Renaissance. Und weiß dabei wie seine Leipziger Ahnleute vor bald 200 Jahren um die herausragende Bedeutung erstklassiger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Davon sammelte Direktor Ernst sukzessive eine ganze Reihe, darunter Christiane Schmidt, die er als Leiterin des Museums im Mendelssohn-Haus gewann.
In der Goldschmidtstraße sollte kein klassisches Museum entstehen, sondern nach und nach eine lebendige Pilgerstätte wachsen. Das Zwischenfazit ist grandios: Zum 150. Todestag von Felix Mendelssohn Bartholdy wurde sein Wohn- und Sterbehaus in altem Glanz neu und als attraktives Museum eröffnet. Zum 200. Geburtstag steckt hier zudem ganz viel Leben drin. Bereits beim Gang durch die authentischen und original wieder hergestellten Räume fühlt man den Atem Mendelssohns. Der Maestro ist allgegenwärtig, zugleich aber gänzlich unaufdringlich. Und Jürgen Ernst bestätigt: „Bei Mendelssohn motiviert nicht nur diese ungemein intensive und bewegende Musik, es ist auch der damit verbundene Mensch."
Mendelssohn macht müde Menschen munter! Und er sprengt Fesseln und scheinbar unüberwindbare Hindernisse. Für einen Besuch im Leipziger Mendelssohn-Haus zu Ehren dieses herausragenden Menschenfreundes brach sogar der im galizischen Kremenez geborene und in San Francisco aufgewachsene amerikanische Ausnahmeviolinist Isaac Stern (21.7.1920-22.9.2001) kurz vor seinem Tod seinen Schwur, nach dem Holocaust niemals Deutschland besuchen zu wollen.
Zweifellos auch eine wunderbare Geste der Versöhnung und der Anerkennung für die Bemühungen um Wiedergutmachung. Jürgen Ernst spornt das gewaltig an: „Der Besuch von Isaac Stern war ein Glanzpunkt. Und in den zurückliegenden anderthalb Jahrzehnten durften wir hier schon manchen Höhepunkt erleben. Die Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag von Mendelssohn haben nun verdeutlicht, dass Felix wieder weltweit im Blickpunkt steht - so wie es sich für einen ‚King of Classic' gehört."
Leipzig ist in engem Verbund mit der Sächsischen Akademie der Wissenschaften das Zentrum der internationalen Mendelssohn-Forschung und besitzt mit dem Gewandhausorchester ein höchst lebendiges Instrument, das es ohne Mendelssohn in dieser Qualität nie gegeben hätte. Dazu das Mendelssohn-Haus als nahezu einzigartigem und authentischem Augenzeugen.
Nicht zu vergessen das rekonstruierte Mendelssohn-Denkmal, das 1936 die Nazis abbrachen und das nun vor der Thomaskirche als einem ebenfalls wesentlichen Schaffensort von Felix Mendelssohn Bartholdy eine ganze Reihe von besonderen Erinnerungen, Gefühlen und Inspirationen auslöst. Ein Denkmal, das Geschichten erzählt, Mut macht und Kraft verleiht.
Direktor Ernst sieht trotz aller Erfolge noch eine Menge Arbeit vor sich und allen Mitstreitern des ambitionierten Projektes: „Das Verein und Stiftung auf einer Private Public Partnership basieren, mag zur großen Zeit von Leipzig und der Epoche, in der Mendelssohn wirkte, passen. Doch eigentlich müsste der hoheitliche Anteil ein Stück größer und sehr viel selbstverständlicher sein."
Obwohl er im Grunde ein Optimist ist, blickt Jürgen Ernst etwas skeptisch in die nahe Zukunft Leipzigs: „Im Mitteldrittel des 20. Jahrhunderts erlebte die Stadt einen dramatischen Einschnitt und damit verbunden den kompletten Wegbruch seines bis dahin herausragenden und allen Entwicklungen Schwung gebenden Bürgertums. Die damit verbundene Finanzkraft fehlt bis heute vor Ort. Und das lässt sich so schnell auch nicht korrigieren."
Vielleicht wirkt auch hier der Magnet Mendelssohn erneut anziehend. So wie er einst herausragende Köpfe nach Leipzig lotste. Felix macht glücklich - so der Slogan zum 200. Geburtstag des Maestros. Und die meisten Menschen wollen glücklich sein. Für sie lohnt der Gang nach Leipzig allemal, denn Mendelssohns Geist ist zurück in L.E. Man begegnet ihm an seinen einstigen Wirkungsstätten, in seiner Musik und in Gesprächen mit den Menschen, die von ihm beseelt sind. Jürgen Ernst zum Beispiel.
H.G.
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