Felix Mendelssohn Bartholdy wird einer zunehmend breiten Öffentlichkeit mehr und mehr als ein Synonym für die Leichtigkeit des Seins vertraut. Seine zauberhafte Musik ist der Beleg dafür - und sie demonstriert bei tieferem Hinschauen zugleich, dass die Leichtigkeit des Seins auf harter Arbeit basiert.
Mendelssohn war Genie und Macher zugleich. Das erzeugte eine gewaltige Schaffenskraft, die immer wieder neue Höhepunkte ermöglichte. Seine 4. Sinfonie, die „Italienische", unterstreicht das in herausragender Weise. Sie konnte gar erst nach seinem viel zu frühen Tod in Druck gehen, weil der Maestro bis zuletzt extrem kritisch gegenüber sich selbst war. Ständig fand er noch Möglichkeiten der Verbesserung, wollte er im Sinne des Publikums für noch filigranere Klänge sorgen.
Der „Italienischen Sinfonie" merkt man den aufwändigen und mühsamen Entstehungspreis in keiner Weise an. Im Gegenteil. Federleicht kommt sie daher - und wahrhaft südländisch. Ein Hauch Italien zieht durchs Gewandhaus, auch weil Charmeur Chailly seinen Musikern diese Sinfonie vorlebt. Die fröhlichen und optimistisch-siegessicheren Melodien erzeugen ein wahrhaftiges Feuerwerk, dem sich niemand entziehen kann. Der Mann aus Milano tanzt geradezu auf seinem Dirigentenpult - und das Strahlen auf den Gesichtern seiner Musiker ist unverkennbar.
Riccardo Chailly zählt zu den internationalen Topstars seines Genres. Und wenn solch ein Meister ein Weltklasse-Ensemble wie das Gewandhausorchester Leipzig führt, stellen sich herausragende Ergebnisse nahezu zwangsläufig ein. Ähnlich wie bei Felix Mendelssohn Bartholdy, den Riccardo Chailly tief verehrt.
Wie hoch der Maestro das Potenzial seines Ahnherrn auf der Position des Gewandhauskapellmeisters einschätzt, demonstrierte er im Rahmen der Leipziger Mendelssohn-Festtage 2009 in beeindruckender und mitreißender Weise. Mendelssohns „Italienische Sinfonie" wurde zum lautstark umjubelten und enthusiastisch gefeierten Höhepunkt eines Abends, der bereits spannend mit der „Composizione per orchestra, numero uno" des bedeutenden italienischen Komponisten Luigi Nono (1924-1990) begann. Ein eher experimentelles Werk, das die permanente Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten verkörpert, also einem Steckenpferd Mendelssohns.
Es folgte das phänomenale 4. Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven (1770-1827) mit einem der weltweit bedeutendsten Pianisten am Steinway-Flügel: Maurizio Pollini, der bereits als 18-Jähriger 1960 den Warschauer Chopin-Wettbewerb gewann, im Laufe seines außergewöhnlichen Künstlerlebens mit Preisen überhäuft wurde und nach einer Aufführung von Beethovens Klavierkonzerten in New York 1987 mit dem Ehrenring der Wiener Philharmoniker ausgezeichnet wurde.
Allein schon wegen Maurizio Pollini waren viele Besucher ins Gewandhaus geströmt. Gemeinsam mit einem ausgelassenen Riccardo Chailly und einem bestechenden Gewandhausorchester zelebrierte er dann Beethovens Meisterwerk als einen unbestrittenen Höhepunkt der neuen Gewandhaussaison und riss das Publikum aus den Sitzen. Eine Viertelstunde lang gab es stehenden Applaus und rief den göttlichen Pollini noch ein halbes Dutzend Mal frenetisch auf die Bühne.
Damit war zugleich klar, in welch hohen Sphären Kapellmeister Riccardo Chailly Geburtstagskind Felix Mendelssohn Bartholdy ansiedelt: Der Riese Beethoven hatte mit Maurizio Pollinis Unterstützung mächtig vorgelegt. Würde Mendelssohn mit seiner „Italienischen" da mithalten können und somit als Komponist auf eine Stufe mit den herausragenden Meistern treten? Um es vorwegzunehmen: Es gelang im spielend leicht!
Der zweite Abschnitt des Abends begann mit der Uraufführung eines Auftragswerkes des Gewandhauses: Der „Traum in des Sommers Nacht" des 1953 geborenen Georg Friedrich Haas - eine Gänsehaut-Hommage an Felix Mendelssohn Bartholdy und zugleich eine ausgezeichnete Einstimmung auf die „Italienische".
Riccardo Chailly trat mit einem verschmitzten Lächeln auf sein Dirigentenpult. Es war klar, der Kapellmeister hatte etwas vor. Und wahrlich, es folgte eine Demonstration höchster Güte, die zugleich eine tiefe Huldigung gegenüber Felix Mendelssohn Bartholdy war. Der Italiener und die Italienische - das war zusammen mit dem Gewandhausorchester die ideale Kombination, um die überragende Klasse Mendelssohns in bester Manier und nachhaltig zu demonstrieren.
Das Publikum raste, war völlig hingerissen, jubelte lang und lautstark. Es konnte nicht anders sein: Dieses Große Konzert im Gewandhaus Leipzig mit der „Italienischen Sinfonie" als enthusiastisch gefeierten Schlusspunkt war offensichtlich das ganz persönliche Geburtstagsgeschenk von Kapellmeister Riccardo Chailly an den von ihm verehrten Felix Mendelssohn Bartholdy. Und das Gewandhausorchester demonstrierte damit zugleich, dass es ganz genau weiß, wem es seinen Aufstieg in die Weltspitze wesentlich zu verdanken hat.
Felix macht glücklich - lautet das Motto der vierwöchigen Geburtstagsparty. Passt perfekt!
H.G.