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22.09.2009 21:52 Uhr
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Noch ein Extrabonbon: Nach dem Mendelssohn-Werkverzeichnis nun das Elias-Oratorium

Nachdem zum Auftakt der Leipziger Mendelssohn-Festtage 2009 das sensationelle Mendelssohn-Werkverzeichnis (MWV) mit allen nunmehr 750 Kompositionen des Maestros präsentiert wurde, servierte die Sächsische Akademie der Wissenschaften (SAW) zu Leipzig gemeinsam mit dem Musikverlag Breitkopf & Härtel zum Finale noch ein zweites Extrabonbon anlässlich des 200. Geburtstages von Felix Mendelssohn Bartholdy: Band eins des insgesamt fünf Bände umfassenden neu editierten Elias-Oratoriums, das bis ins kleinste Detail auch bislang Unbekanntes offenbart.

Gewandhaus-Ehrendirigent Kurt Masur hatte im Laufe der Jahrzehnte mit vielen Leipziger Stadtoberhäuptern zu tun. Er muss es also genau wissen, wenn er deutlich sagt: „Oberbürgermeister Burkhard Jung hat die Mendelssohn-Förderung in neue Dimensionen geführt. Das ist in Tagen weitgehend leerer Kassen besonders bemerkenswert - es zeigt zugleich aber auch eine hohe Sensibilität für eine weltweit genau beobachtete Verantwortung und ist eine kluge Investition in die Zukunft."

Es war immerhin Felix Mendelssohn Bartholdy (3.2.1809-4.11.1847), der die Grundlagen dafür schuf, dass Leipzig zu einem festen Bestandteil in der großen Musikwelt wuchs und dass das Gewandhaus bis heute zur Top 10 der international herausragenden Konzerthäuser zählt. Ohne Mendelssohn gäbe es aber auch keinen Johann Sebastian Bach in seiner heutigen Bedeutung. Sollte der phänomenale Felix künftig tatsächlich als „King of Classic" gefeiert werden, würde Leipzig mit ihm und Bach also noch stärker in den Blickpunkt rücken.

OB Jung erklärt den Zündfunken seines Mendelssohn-Engagements aus drei Perspektiven: „Als Theologe hat mich von Beginn an fasziniert, wie einfühlsam und intensiv Mendelssohn mit dem Elias-Oratorium wesentliche Elemente des christlichen Glaubens vermittelt. Als Oberbürgermeister sitze ich nun in dem Büro eines Vorgängers wie Carl Friedrich Goerdeler, der von seinem Amt zurücktrat, nachdem die Nazis während seiner Abwesenheit das Mendelssohn-Denkmal abbrachen. Goerdeler wusste genau, wie viel Leipzig Mendelssohn zu verdanken hatte. Ich bewundere zugleich seinen Mut und seine Konsequenz - und frage mich, ob ich das auch in einer solchen Situation vollbringen könnte."

Drittens ist es für den Oberbürgermeister überaus tragisch, dass mit dem großen Richard Wagner ausgerechnet ein global verehrter Sohn der Stadt mit einem selbstzerstörerischen Pamphlet seinem Zeitgenossen Felix Mendelssohn Bartholdy quasi die Rote Karte gezeigt hat. Burkhard Jung: „Die Welt schaut nach wie vor genau hin, wie Deutschland mit seiner Vergangenheit umgeht. Mendelssohn ist einer unserer bedeutendsten Schätze. Wir haben ihn selbst versenkt, nun müssen wir ihn selbst auch wieder heben. Leipzig kommt dabei zweifellos eine besondere Aufgabe zu. Dieser Verantwortung stellen wir uns."

Zumal Leipzig von Felix Mendelssohn Bartholdy in besonderer Weise profitiert hat - und auch wieder in besonderer Weise profitieren wird, wenn er die Krone der Musikwelt tragen wird. Genau das habe Oberbürgermeister Jung auch im Interesse Leipzigs und zum Vorteil für die Musikwelt sehr schnell erkannt, wie Kurt Masur wiederholt feststellt.

Mit berechtigtem Stolz weist SAW-Präsident Prof. Dr. Pirmin Stekeler-Weithofer darauf hin, dass sich die Sächsische Akademie der Wissenschaften mit der „Leipziger Ausgabe der Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy" als weltweites Mendelssohn-Forschungszentrum etabliert hätte: „Eine derartig langfristige Aufgabe lässt sich nur über die Akademie-Schiene und in Kombination mit starken Partnern realisieren. Hierfür wurden vor Ort exzellente Voraussetzungen mit überaus fähigen und engagierten Fachleuten geschaffen." Seit Anfang der 1990er Jahre nimmt die Forschungsarbeit zunehmend Fahrt auf - und voraussichtlich bis 2047 soll die 160 Bände umfassende Mendelssohn-Gesamtausgabe vollendet vorliegen ...

Projektleiter Prof. Dr. Christian Martin Schmidt von der Technischen Universität Berlin erzählt mit leuchtenden Augen, wenn er über Felix Mendelssohn Bartholdy und dessen wunderbares Oeuvre berichtet. Da lässt er sogar wissenschaftliches Fachvokabular beiseite.

Schmidt über die jüngste Neuerscheinung: „Das neu editierte Elias-Oratorium vermittelt hautnah und alles umfassend auch den Menschen und Macher Mendelssohn. Gerade hier wird deutlich, wie überaus selbstkritisch er immer wieder sein Werk überarbeitete. Von den vielen Elias-Variationen präsentieren wir neben der Hauptfassung die vier zentralen weiteren Fassungen, zeigen Schritt für Schritt ihren Werdegang, stellen sie in einen direkten Vergleich und interpretieren die jeweiligen Unterschiede und Änderungen."

Alle fünf Bände sollen bis 2014 vorliegen. Doch bereits jetzt, so der Projektleiter, sei das einstige „Problem" Mendelssohn längst zur Chance Mendelssohn geworden. Das Leuchten in seinen Augen beschreibt der Professor erfrischend unorthodox: „Das bin eigentlich gar nicht ich, trotz aller Begeisterung. Das kommt direkt von Felix Mendelssohn Bartholdy tief in mir."

Ein willkommenes Stichwort für Kurt Masur, den maßgeblichen Vater der Mendelssohn-Renaissance: „Die Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy ist nicht nur einfach schön, in ihr findet sich ein loderndes Feuer. Da ist stets ein Jubeln zu vernehmen, das alles mitreißt. Mendelssohns Musik hilft mehr als jede Medizin, wenn Trübsal dominiert, und sie besitzt mit ihren vielen Anregungen zudem ungeheure innovative Kraft."

Die versammelte Schar an gestandenen Professoren wirkt beinahe wie eine Gruppe aufgeregter kleiner Jungen, so euphorisiert scheinen sie vom Geiste ihres Idols Felix Mendelssohn Bartholdy. „Seine überragende Genialität wird erst in den kommenden Jahren richtig greifbar. Und wenn die Briefausgabe vorliegt. Mendelssohn ist mehr als eine Schnittstelle zwischen Klassik und nachfolgender Romantik. Er hat Beethovens Ideenskizzen vollendet und er hat Brahms und Wagner vorweggenommen. Er ist zugleich ein Original und hat sie alle übertroffen. Ein Hüter großer Vergangenheit und ein Wegweiser in die Moderne. Wo Wagner bei all seiner Klasse endet, zündet Mendelssohn noch ein finales Feuerwerk." Ein ideales Schlusswort von Kurt Masur.

H.G.

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