Das taten sie zwangsläufig nicht selbst, sondern wurden perfekt zelebriert von Dirigent Philippe Herreweghe mit dem Orchestre des Champs-Élysées sowie dem Collegium Vocale Gent & Coro dell'Accademia Chigiana und den großartigen Solisten Steven Isserlis (Violoncello), Laia Cotés (Alt), Maximilian Schmitt (Tenor), Florian Boesch (Bariton) und Matthew Brook (Bass).
Mendelssohns „Sommernachtstraum"-Ouvertüre (op. 21) und die von ihm wunderbar „vertonte" Goethe-Ballade „Die erste Walpurgisnacht" (op. 60) umrahmten Schumanns Konzert für Violoncello und Orchester a-Moll (op. 129). Philippe Herrweghe und Co. machten daraus einen mitreißenden Abend voller Sinnlichkeit und Leidenschaft, rissen das begeisterte Publikum wiederholt aus den Sesseln - und unterstrichen vor allem, welch überragende Erscheinungen Felix Mendelssohn Bartholdy und Robert Schumann sind.
Die „Sommernachtstraum"-Ouvertüre wird seit ewigen Zeiten schon als Mendelssohns herausragender Hit gepriesen. Ein Klassestück - ganz ohne Frage. Doch Felix Mendelssohn Bartholdy hat sehr viel mehr drauf. Immerhin hat er in seinem viel zu kurzen Leben rund 750 Kompositionen geschaffen, wie das eben erst bei Breitkopf & Härtel erschienene neue und im Grunde erste echte Mendelssohn-Werkverzeichnis (MWV) zeigt. Und ein Stück ist besser als das andere.
Das zeigte auch der von Philippe Herreweghe glanzvoll zelebrierte Abend im Gewandhaus. Die „Sommernachtstraum"-Ouvertüre war eine exquisite Vorspeise, ein letztlich erwarteter leckerer Appetitanregen. Dann nahm Steven Isserlis die Pole Position ein. Und es dauerte lediglich ein paar Sekunden bis dem Leipziger Publikum klar war, warum der charismatische Brite zu den weltbesten Cellisten zählt.
Der Mann spielt sein Instrument nicht, er schmust damit, streichelt und liebkost es, entlockt ihm die sinnlichsten Seufzer. Gleich neben dem Dirigentenpult vollzieht sich ein Liebesakt, der zugleich Robert Schumann und sein Werk mehr als hell erstrahlen lässt. Fast möchte man glauben, plötzlich oben auf der Orchesterempore den Schatten der lange schon verstorbenen Gewandhaus-Cellolegende Julius Klengel zu entdeckten - mit einer Träne im Auge, vor lauter Entzückung.
Das Publikum ist völlig hingerissen, applaudiert lautstark und stehend. Steven Isserlis muss mehrfach auf die Bühne zurück, spielt dann noch eine höchst sinnliche Zugabe. In der Konzertpause liegt Schumann nun klar vorn, doch sein Kumpel Felix zieht noch einen Trumpf: „Die erste Walpurgisnacht" aus der Feder des Dichterfürsten Goethe persönlich.
Goethe hatte seine bereits 1799 vollendete Dichtung von Beginn an mit Blick auf eine spätere Komposition geschrieben und sie dann an seinen Freund Carl Friedrich Zelter geschickt. Doch der Leiter der berühmten Berliner Singakademie fand trotz fleißiger Bemühungen nicht in den Stoff hinein und legte ihn erst mal beiseite. Später gab er sie an seinen Schüler Felix Mendelssohn Bartholdy weiter, kurz vor Goethes Tod.
Goethe und Mendelssohn - zwei außergewöhnliche Genies, die sich bereits bestens kannten und schätzten. Felix war gerade 22 Jahre jung, als er das gute Stück des Meisters in die Hände bekam. Just als er zu einer knapp zweijährigen Studienreise durch Europa aufbrach. Noch in der Kutsche tauchte er tief in die Walpurgisnacht hinein. Goethe war begeistert und ließ dem jungen Mendelssohn unmittelbar vor seinem Ableben noch ein paar wichtige Hinweise zukommen. Das Ergebnis beschrieb später Hector Berlioz unter anderem mit den Worten: „Ich fühlte mich wirklich im ersten Augenblick wie von einem Wunder umfangen."
Kaum anders erlebte es das Leipziger Publikum über die gesamten 35 Minuten einer brillanten Aufführung, bei der auch den Sängern und Musikern das Entzücken und die völlige Hingabe deutlich anzumerken war. Eine Sternstunde und zugleich eine perfekte Würdigung der beiden Freunde Felix Mendelssohn Bartholdy und Robert Schumann. Der eine wird in diesem Jahr anlässlich seines 200. Geburtstages enthusiastisch gefeiert, der andere zieht 2010 nach. Gemeinsam machen sie in diesen Tagen Leipzig zum Olymp der Musikwelt - genauso wie sie es bereits zu Lebzeiten Mitte des 19. Jahrhunderts getan hatten. Back to the future - quasi zurück in die Zukunft, das scheint der Weg, den es hier einzuschlagen gilt.
H.G.