Der 1964 in Magdeburg geborene Ralf Wehner studierte Musik- und Editionswissenschaften und promovierte schließlich an der Universität Leipzig. Mit dem Werk von Felix Mendelssohn Bartholdy kam er als Jugendlicher über Schallplatten in Berührung, später dann als Mitglied des Gewandhauschores auch durch eigenen Gesang: „Mendelssohns ‚Erste Walpurgisnacht' war und ist für mich stets ein herausragendes musikalisches Erlebnis."
Ein Schlüsseltag in seiner frühen Begegnung mit Felix Mendelssohn Bartholdy wurde der 7. Oktober 1981, als zum 32. Jahrestag der DDR-Gründung nach fünfjähriger Bauzeit das neue Gewandhaus am Augustusplatz feierlich eröffnet wurde. Ralf Wehner: „Da drehte sich bereits vieles um Mendelssohn - und man kann durchaus sagen, dass ich ab da ein Fan von ihm war."
So gesehen ist Wehner eigentlich fast von Beginn an dabei. Denn von einer Mendelssohn-Renaissance kann im Grunde erst seit 1972 gesprochen werden, als anlässlich des 125. Todestages von Felix ein Symposium im damaligen West-Berlin das „Problem Mendelssohn" aufgriff - und eine außergewöhnliche Bewegung in Gang setzte, zu deren maßgeblichem Motor der Leipziger Gewandhauskapellmeister Kurt Masur wurde.
Wesentlicher Initiator des Symposiums war der mittlerweile legendäre Musikwissenschaftler Carl Dahlhaus (10.6.1928-13.3.1989), der seit 1967 an der Technischen Universität Berlin einen Lehrstuhl für Musikgeschichte leitete. Sein noch heute amtierender Nachfolger an der TUB ist Prof. Dr. Christian Martin Schmidt, der zugleich auch Projektleiter der „Leipziger Ausgabe der Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy" ist, die seit 1992 als Forschungsstelle an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig angesiedelt ist.
Der damals 28-jährige Dr. Ralf Wehner wurde 1992 der Arbeitsstellenleiter dieses langfristig angelegten Forschungsprojektes, das bis zum Jahr 2047 knapp 160 Bände einer Mendelssohn-Gesamtausgabe erarbeiten und gemeinsam mit dem Musikverlag Breitkopf & Härtel veröffentlichen will. Wobei bis 2030 die 80 geplanten Notenbände fertig sein sollen.
Ralf Wehner lächelt bei den erwähnten Jahreszahlen: „Das ist bezogen auf ein Menschenleben ein wahrlich langer Zeitraum. Doch so funktioniert wissenschaftliche Forschung nun mal." Mit dem Abschluss der Notenbände würde Wehner demnach nach heutigem Ermessen in Rente gehen. Darüber denkt er jedoch aktuell nicht nach: „Wir machen hier mit großer Begeisterung unsere Arbeit. Was in 10 oder 20 Jahren ist, beschäftigt mich aktuell nur wenig."
Wehmut, dass er das Projekt vielleicht nicht bis ganz zum Schluss begleiten wird, spürt Wehner zumindest aktuell nicht: „Langfristige Forschungsarbeit geht traditionell über mehrere Generationen. Das muss man verinnerlichen, sobald man sich darauf einlässt. Es ist ein bisschen so wie ein Staffellauf. Da trägt jeder Akteur auf seine Weise wertvoll zum Gesamtergebnis bei, doch nur der Schlussläufer überquert letztlich die Ziellinie. Ich sehe darin nichts Schlimmes. Es macht mich vielmehr stolz und motiviert mich, dass ich in einem solchen Projekt mitwirken und wichtige Beiträge liefern darf."
Als 1992 ein junger Musikwissenschaftler gesucht wurde, der bereits Mendelssohn-Experte war und außerdem in der Editionswissenschaft Erfahrung besitzt, war Ralf Wehner quasi einzigartig. Die ersten Jahre hat er dann auch vor allem fleißig Material gesammelt, ausgewertet und archiviert: „Das ist ein Geduldsspiel. Zugleich kann ich aber auch die Geldgeber verstehen, wenn sie mit der Zeit ein wenig unruhig werden und Ergebnisse sehen wollen. Deshalb haben wir enorm aufs Tempo gedrückt und bereits 1997 zum 150. Todestag von Felix Mendelssohn Bartholdy die ersten Bände der Gesamtausgabe herausgebracht. Normal wäre gewesen, erst mal sieben Jahre lang fleißig zu sammeln und auszuwerten."
Der Mittvierziger kann zugleich gut nachvollziehen, dass solche Zeiträume für Nichtwissenschaftler nicht ganz leicht nachvollziehbar sind. Zumal er in keiner Weise dem Klischee des kauzigen Wissenschaftlers entspricht, der sich hinter Bücherbergen verschanzt und fernab der Wirklichkeit in einer eigenen Welt lebt. Ralf Wehner ist eher ein vergnüglicher Typ, in dessen Augen helle Feuer lodern, wenn er über die Großen der Musik erzählt.
Ganz klar: Ralf Wehner lebt Felix Mendelssohn Bartholdy - ohne dabei jedoch den Bezug zur Gegenwart und Realität zu verlieren: „Als ich noch Student war, habe ich einen Musikwissenschaftler getroffen, der seit 30 Jahren ganz auf Bach fixiert war. Das fand ich damals erschreckend. Und nun ist schon über 20 Jahre lang Mendelssohn mein persönlicher Mittelpunkt - wenn ich bis zu meiner Diplomarbeit zum Thema 1988 zurückrechne."
Ein Problem sieht er darin nicht: „Das sehr vielseitige Schaffen von Mendelssohn stellt uns immer wieder vor neue Herausforderungen. Da kann man kaum von einer Monokultur sprechen. Ich sehe das sehr entspannt, zumal es regelmäßig Austausch mit nahe stehenden Einrichtungen gibt, wie etwa den Kollegen von der Schumann-Gesamtausgabe in Düsseldorf."
Ohne Frage: Ralf Wehner weiß mittlerweile sicherlich mehr über Felix Mendelssohn Bartholdy, als der Maestro jemals über sich selbst wusste. Der junge Wissenschaftler lächelt verschmitzt bei diesem Gedanken: „Das ist sogar sehr wahrscheinlich. Immerhin werten wir zum Beispiel auch Quellen von Mendelsohns Zeitgenossen aus und bekommen so ein Bild aus verschiedenen Perspektiven."
Und es war auch Ralf Wehner, der für das erste umfassende Mendelssohn-Werkverzeichnis (WMV) verantwortlich zeichnete, das am 26. August 2009 im Rahmen der Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag von Felix in Leipzig präsentiert wurde. Eine wissenschaftliche Sensation, die weltweit in den Medien Erwähnung fand und den eher stillen Autor zum Star machte.
Was Wehner an Mendelssohn neben seiner musikalischen Größe schätzt, ist der charmant-humorvolle Charakter sowie die liberale und weltläufige Gesinnung: „Er war ein Riese in jeder Hinsicht." Der Perfektionist und pausenlos aktive Felix sei aber auch ein warnendes Beispiel: „In der Familie gab es eine Neigung zum Schlaganfall, an der letztlich auch Mendelssohn mit gerade mal 38 Jahren starb. Ich denke aber, die Ursache dafür war nicht zuletzt Überarbeitung. Heute würde man von einem Burnout-Syndrom sprechen. Das machte sich bei Felix Anfang 1847 deutlich bemerkbar."
Schon in den drei Jahren zuvor habe Mendelssohn zunehmend Neigung zum Sarkasmus entwickelt. Wehner: „Er konnte leider nicht Nein sagen und hat sich für alles und jeden beherzt eingesetzt. Das war vielleicht auch ein Ergebnis der Erziehung, die Ruhe und Muße als sinnlos verschwendete Zeit einstufte."
Nach seinem frühen Tod geriet Felix Mendelssohn Bartholdy bald in Vergessenheit. Das dürfte auch mit dem Zeitpunkt seines Todes 1847 zu tun gehabt haben, da ab der gescheiterten Bürgerlichen Revolution 1848/49 freiheitliche Gedanken in die Defensive gerieten, zunehmend konservative Werte die Oberhand gewannen und schließlich nationale Bewegungen mit stark fremdenfeindlichen und antisemitischen Elementen dominierten - die schließlich im Nationalsozialismus mündeten.
Nicht wenige dieser Grundgedanken verblieben auch nach 1945 nahezu zwangsläufig in den Köpfen der Menschen und nicht zuletzt auch der Eliten. Das änderte sich erst im Verlauf der 1970er Jahre, als auch in der Musikwissenschaft eine neue Generation von Führungskräften etabliert war, so zum Beispiel Carl Dahlhaus. Damit begann auch die Mendelssohn-Renaissance.
Und Leipzig stieg zum internationalen Mendelssohn-Zentrum auf. Was für Ralf Wehner selbstverständlich ist: „Nirgendwo anders auf der Welt ließe sich das Erbe von Felix Mendelssohn Bartholdy so intensiv und lebendig pflegen wie hier."
Mit dem Mendelssohn-Haus in der Goldschmidtstraße gibt es weltweit das einzig erhaltene Wohnhaus Mendelssohns. Hier ist er auch gestorben. Das Gewandhaus wäre ohne ihn kaum in die Weltspitze aufgestiegen. Mendelssohn war es auch, der den nahezu vergessenen Johann Sebastian Bach überhaupt erst zum international gefeierten Superstar machte.
Man könnte auch sagen: Mit der SAW als Forschungszentrum, dem Gewandhaus am Augustusplatz und dem Mendelssohn-Haus quasi gleich schräg gegenüber sowie der Thomaskirche einschließlich dem wieder errichteten Mendelssohn-Denkmal spannt sich ein höchst lebendiges und wirkungsvolles Trifugium rund ums Leipziger Rathaus. Oder besser noch: Dr. Ralf Wehner lässt Mendelssohns Gedanken ums Rathaus kreisen.
Wissenschaftler Wehner findet diesen Gedanken durchaus reizvoll: „Leipzig hat Felix Mendelssohn Bartholdy ungemein viel zu verdanken. Die Weltgemeinschaft blickt deshalb mit Interesse und Respekt nach Leipzig. Da wird sehr genau registriert, wie in Leipzig mit diesem Erbe umgegangen wird. Und es wird ohne Zweifel ein beherztes Engagement erwartet."
Mit Blick auf die erwähnten räumlichen Besonderheiten mag Ralf Wehner zwar nicht von einer Belagerung des Rathauses reden. Ein regelmäßiges Erinnern zum gegenseitigen Vorteil sieht er darin aber durchaus. Da ist er auf einer Linie mit Kurt Masur, dem Mendelssohn-Motor. Der hatte zuvor bereits mehrfach Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung für sein tatkräftiges Mendelssohn-Engagement gelobt: „Diesen Weitblick bewies in den letzten Jahrzehnten kein Leipziger Oberbürgermeister so eindeutig."
1936 war der legendäre OB Carl Friedrich Goerdeler zurückgetreten, nachdem die Nazis während seiner Abwesenheit im Rahmen einer Dienstreise das Mendelssohn-Denkmal abgebrochen hatten. Goerdelers „Enkel" Jung sieht das als Ansporn: „Eine überaus konsequente Haltung. Ich frage mich stets, ob ich dazu in einer vergleichbaren Situation auch den Mut und die Kraft hätte. Goerdeler war sich über die große Bedeutung Mendelssohns für Leipzig bestens bewusst. Es ist deshalb im Grunde bereits eine Pflicht, dass wir dieses Erbe aufgreifen."
Ralf Wehner hat das Leipziger Rathaus tagtäglich im Blick. Mindestens zweimal, nämlich immer dann, wenn er die Sächsische Akademie der Wissenschaften betritt und verlässt. Und mit ihm der Geist Mendelssohns, der in Wehner ein ideales Medium gefunden zu haben scheint und somit sehr genau beobachten kann, ob sich sein Leipzig lobenswert verhält.
H.G.