Es war unbestritten eine Sternstunde im Mendelssohn-Saal. Das war dem Publikum von vornherein völlig klar - und ihre hohen Erwartungen wurden sogar noch übertroffen. Für das anschließend frenetisch gefeierte Tokyo String Quartet, das gleich zwei Zugaben spielen musste, war es aber ebenfalls eine ganz besondere Situation: Wenn eines der international bedeutendsten Ensemble in der legendären Heimspielstätte des ältesten Streichquartetts der Welt auftritt, um für einen der Größten der Musikgeschichte ein Geburtstagsständchen zu präsentieren - dann gilt es auch, ein nachhaltiges Zeichen zu setzen.
Anders als der Name es vermuten lässt, wurde das Tokyo String Quartet 1969 - also auch hier ein kräftiges Happy Birthday zum 40.! - in New York gegründet. Von den Gründungsmitgliedern ist Bratschist Kazuhide Isomura noch dabei, der zweite Geiger Kikuei Ikeda stieß aber immerhin schon 1974 dazu. Seit nunmehr genau zehn Jahren macht Cellist Clive Greensmith mit, seit 2002 auch der erste Geiger Martin Beaver.
Das Tokyo String Quartet wird zuweilen auch als „Paganini Quartet" gepriesen: Das liegt an den wertvollen Instrumenten, die allesamt Antonio Stradivari (1644-18.12.1737) geschaffen hat - und mit denen später der legendäre „Teufelsgeiger" Niccolò Paganini (27.10.1782-27.5.1840) die Besucher auch der erhabensten Konzertsäle der Musikwelt in Ekstase versetzte. Weil das New Yorker Ensemble auch sehr enge Kontakte nach Japan pflegt, stellt die Nippon Music Foundation dem Tokyo String Quartet die berühmten Instrumente seit 1995 als Leihgabe zur Verfügung.
Also: Ort, Anlass und Zeitpunkt, Ensemble und Instrumente sind ideal aufeinander abgestimmt. Da muss auch das Programm besonders sein. Zum Auftakt gab es passend Mendelssohns Streichquartett a-Moll mit der Opusnummer 13. Das 1827 vollendete Werk gilt als die kühnste und komplizierteste Schöpfung des jugendlichen Felix. Es ist zugleich eine Hommage an das Spätwerk von Ludwig van Beethoven (17.12.1770-26.3.1827), der gleich im Anschluss mit seinem Streichquartett f-Moll op. 95 beehrt wurde.
Beethoven selbst ordnete an, dass dieses 1814 entstandene „Quartetto serioso" nur für einen kleinen Kreis von Kennern bestimmt sei und „niemals öffentlich aufgeführt werden darf". Ein tiefernstes und zum Teil fast schroffes Stück, alles andere als ein leichtes Spiel und schwer zu zelebrieren. Tokyo String hatte also gleich im ersten Abschnitt die Messlatte zweimal mächtig hochgelegt - und sie dann jeweils souverän und beinahe leicht übersprungen. Tosender Applaus also schon zur Halbzeitpause.
Im zweiten Abschnitt dann sogar noch eine Steigerung: Mendelssohns Opusnummer 44 beinhaltet gleich drei herausragende Streichquartette, die vereint einen Höhepunkt der Musikgeschichte bilden. Diese Sammlung gilt zugleich als Gipfel von Mendelssohns Kammermusikschaffen. Tokyo String wählte die Nummer 1 von op. 44, das Streichquartett D-Dur. Da ist schon der Anfang des ersten Satzes unvergesslich, und das ganze Stück zudem eine Verneigung vor der ersten Geige. Felix hatte es insbesondere für seinen Freund Ferdinand David geschaffen, den begnadeten Violin-Virtuosen, den er persönlich als Konzertmeister ans Gewandhaus geholt und als Dozent des von ihm 1843 in Leipzig geschaffenen ersten Konservatoriums für Musik in Deutschland verpflichtet hatte.
Der Publikumszuspruch fiel mehr als überwältigend aus, gleich zwei Zugaben musste das Tokyo String Quartet geben - und tat auch das erlesen und besonders taktvoll. Mit zwei finalen Sätzen würdigte das New Yorker Ensemble Joseph Haydn (31.3.1732-31.5.1809), der just im Geburtsjahr von Felix Mendelssohn Bartholdy verstarb und 2009 ebenfalls besonders geehrt wird.
Mit mehr als 70 Streichquartetten wird Haydn zudem als der Vater dieses Genres gepriesen. Und er ist nicht zuletzt auch der Schöpfer der Melodie der Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland, die 2009 immerhin ihren 60. Geburtstag feiert. Amerikaner haben für solche Aspekte ein feines Gespür. Und das Publikum nahm auch das anerkennend und dankbar auf.
H.G.