| << Zurück | 12.05.2010 16:05 Uhr |
Kultur-Szene: Zeitweise wurde der Neandertaler nicht als eigene Art angesehen, sondern als Unterart des Homo sapiens. Jetzt hat ein internationales Forscherteam um Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut herausgefunden, dass der vor rund 30 000 Jahren ausgestorbene Neandertaler und der moderne Mensch miteinander kopulierten. Es gibt Spuren im menschlichen Erbgut, die darauf hinweisen. Wir haben da ein Foto gefunden, das im Talabschnitt der Düssen zwischen Erkrath und Mettmann aufgenommen wurde, dem sogenannten Neandertal. Kennen Sie das Foto?
Atze Reich-Raprotzki: Das bin ich. Ich schäme mich nicht dafür, Erbgut von Neandertaler in mir zu haben. Vor 100.000 Jahren ist es dieser Gattung immerhin gelungen, sich von Afrika aus über die gesamte Welt zu verbreiten.
Kultur-Szene: Sie kennen dieses Foto also? Das ist kein Vorfahre von Ihnen?
Atze Reich-Raprotzki: Das Bild zeigt mich im Urlaub, das gebe ich hier zu. Ich trage mein Haar in der Freizeit offen. Forscher haben Neandertaler-Gene bei Europäern in ähnlichem Maße nachgewiesen wie bei heutigen Bewohnern Papua-Neuguineas und Chinas, wo der Neandertaler nie gelebt hat.
Kultur-Szene: Sie meinen jeder von uns trägt das Neandertaler Gen in sich?
Atze Reich-Raprotzki: Sicherlich!
Kultur-Szene: Sie haben uns damit ein bisschen den Wind aus den Segeln genommen. Wir dachten Sie würden sich als intellektuelle Elite sehen und sich somit gegen den Vorwurf wehren.
Atze Reich-Raprotzki: Es sind kognitive Funktionen, die mit der Entwicklung von Schädel, Schlüsselbein und Brustkorb zusammenhängen.
Kultur-Szene: Wie bitte?
Atze Reich-Raprotzki: Wir sind durch diese Kreuzung geworden, wer wir sind. Die geschlechtliche Vereinigung macht uns, auf gut deutsch, zu Hybriden aus zwei unterschiedlichen Menschentypen.
Kultur-Szene: Das bedeutet aber, dass wir auch näher mit den Schimpansen verwandt sind als ursprünglich gedacht?
Atze Reich-Raprotzki: Wir haben das Sprachgen mit beiden Arten gemeinsam, auch wenn der Schimpanse nicht sprechen kann.
Kultur-Szene: Haben Sie sich denn mal gefragt welche Vorteile, die Vereinigung mit dem Neandertaler gebracht hat.
Atze Reich-Raprotzki: Dazu muss ich etwas ausholen. Die ersten klassischen Neandertaler traten in der letzten Zwischeneiszeit, vor etwa 130 000 Jahren auf. Während dieser etwa 10 000 Jahre dauernden Warmzeit war das Klima in Deutschland wärmer und feuchter als heute. Große Laubwälder breiteten sich aus. Die Wälder waren der Lebensraum für Waldelefanten, Damhirsche, Auerochsen und Wildschweine. In den Grasfluren weideten Pferde, Wisente und Nashörner.
Kultur-Szene: Ja, ja, ja. So genau wollten wir das gar nicht wissen. Gibt es da eine Kurzfassung?
Atze Reich-Raprotzki: Bei Ihnen scheint das Gen eine gewisse Interessenlosigkeit zu bewirken. Während der Kaltzeiten bedeckten die von Norden und von den Alpen her vorrückenden Gletschermassen weite Teile Nord- und Mitteleuropas. In den eisfreien Gebieten herrschten arktische bis subarktische Bedingungen. Die an ein Leben in Kälte angepassten Großsäuger wie Mammut, Wollnashorn, Rentier, Moschusochse, Pferd und Bison mussten weite Wanderungen unternehmen, um ihren Nahrungsbedarf zu stillen.
Kultur-Szene: Das heißt die Neandertaler sind den Tieren gefolgt?
Atze Reich-Raprotzki: Es war schwierig. Die Jagdbeute wurde an den Schlachtplätzen verarbeitet und nur ein Teil der zerlegten Tiere zu den Lagerplätzen mitgenommen. Die Lagerplätze befanden sich unter freiem Himmel, in Höhlen oder unter Felsschutzdächern. Hüttenartige Behausungen, vielleicht auch aus den Großknochen der Beutetiere errichtet, könnten im Zusammenspiel mit Feuerstellen Schutz gegen das strenge Klima der Kältesteppe geboten haben. Aus Abnützungsspuren an Knochenahlen kann man auf den Umgang mit Tierhäuten, also auf die Anfertigung von Pelzkleidung schließen.
Kultur-Szene: Hätten wir ohne die Neandertaler Gene nicht überlebt?
Atze Reich-Raprotzki: Sicherlich. Steinwerkzeuge belegen, dass die Neandertaler intensive Holzbearbeitung betrieben. Die stellten ein breites Spektrum an zweiseitig flächig bearbeiteten Geräten her: Faustkeile, Fäustel und Keilmesser. Am Ende dieser Entwicklung stehen dünne Werkzeuge mit blattförmigem Umriss, so genannte Blattspitzen, die wahrscheinlich als Speerspitzen oder multifunktionale Messer verwendet wurden.
Kultur-Szene: Man sagt, dass Neandertaler auch Wurfspeere und Stoßlanzen entwickelten.
Atze Reich-Raprotzki: Der Neandertaler kannte auch schon Geschossspitzen aus Knochen und hölzerne Wurfspeere. Im Jahre 1948 wurde in Lehringen das Skelett eines Waldelefanten zusammen mit einer Eibenholzlanze entdeckt. Die Lanze steckte noch zwischen den Rippen des Elefanten, welcher im Uferbereich eines kleinen Sees eingesunken war. Die etwa 2,40 m lange Lanze wurde an ihrer gesamten Oberfläche äußerst sorgfältig bearbeitet. Aufgrund besonders günstiger Erhaltungsbedingungen konnten in einem Braunkohletagebau bei Schöningen in Niedersachsen bis 1994 neun Wurfspeere geborgen werden. Aus kleinen Fichtenstämmen hergestellt, wiesen sie eine Länge von bis zu 2,5 m auf. Hier wurde am Seeufer gezielt Jagd auf Wildpferde gemacht und die Jagdbeute anschließend verwertet.
Kultur-Szene: Welche kulturellen Merkmale findet man davon noch in der heutigen Gesellschaft.
Atze Reich-Raprotzki: Die Neandertaler führten ein naturverbundenes Leben. Sie richteten ihr Leben nach Tierwanderungen und dem Klima. Höhlenmalereien berichten vom Leben damals und erzählen Geschichten von der Jagd. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Ohne diese Wanderungen wären wir ausgestorben, vielleicht sogar an Inzucht. Der Mensch kann nur überleben, wenn er sich seiner Umgebung anpasst.
Kultur-Szene: Heutzutage ist der Mensch ja sesshaft geworden. Besteht dadurch die Gefahr des Aussterbens.
Atze Reich-Raprotzki: Sicherlich. Wir müssen uns weiterhin mit anderen Lebensformen kreuzen, die uns ähnlich sind.
Kultur-Szene: Könnten Sie sich Sex mit einem Schimpansen vorstellen?
Atze Reich-Raprotzki: Wie bitte?
Kultur-Szene: Sie sagten doch wir müssten uns mit anderen Lebewesen kreuzen.
Atze Reich-Raprotzki: Das könnte in ein paar Generationen notwendig werden, um zu überleben. Vielleicht würde eine weniger intelligente Rasse entstehen, die aber lebensfähiger ist als wir.
Kultur-Szene: Was würde das bedeuten?
Atze Reich-Raprotzki: Wir würden vielleicht unser Intelligenz, die in unserer Hochkultur entstanden ist, eventuell einbüßen, dafür würden wir als neue Rasse weiter existieren.
Kultur-Szene: Wäre das die Antwort der Evolution auf unseren schädlichen Einfluss auf die Umwelt.
Atze Reich-Raprotzki: Das könnte man so sehen. Ich meine, schauen Sie mich an. Es gibt kaum noch eine intelligenter Lebensform als mich und dennoch interessieren sich immer weniger Leute für wahre Literatur. Sie wird untergehen.
Kultur-Szene: Beängstigt Sie diese Vorstellung?
Atze Reich-Raprotzki: Das ist mir egal. Die Menschheit ist ignorant geworden. Vielleicht entwickelt Sie sich schon zurück.
Kultur-Szene: Die Menschen degenerieren sich?
Atze Reich-Raprotzki: Ja. Sehen Sie sich doch die Jugendlichen an. Die leben in der Cyberwelt von Computern und Internet. Wir werden aussterben und alle unsere Errungenschaften werden mit uns untergehen. Mir wird das jetzt hier zu ungemütlich. Ich gehe.
Kultur-Szene: Danke für das Gespräch. Ich hoffe wir können Sie in Zukunft mal wieder zu einem heiklen Thema interviewen.
Atze Reich-Raprotzki: Gerne mache ich ein paar Buchbesprechungen mit Ihnen.
Kultur-Szene: Wir geben Ihnen noch ein paar Bücher mit auf den Weg und freuen uns über Ihre Stellungnahme dazu. Bis bald und Auf Wiedersehen.
Atze Reich-Raprotzki: Ja, ja. Schon gut.
12.05.2010 Atze Reich-Raprotzki