Die Kunst wurde viel zu oft fälschlicherweise als Beiwerk der Gesellschaft beschrieben, kritisierte Prof. Gerd Uecker, der Intendant der Dresdner Semperoper, im Rahmen des Festaktes in der Oper Chemnitz. Besser wäre es, sie als Teil der Gesellschaft zu betrachten: „Die Kunst ist ein Reflex der Gesellschaft mit sich selbst. Hierfür ist zudem eine Mehrdeutigkeit der Werke unverzichtbar."
Drei besondere Festreden waren angekündigt, am Ende stand eine aufschlussreiche „Vorlesung", die in drei Etappen die Entwicklungen von Kunst und Kultur während der vergangenen 100 Jahre, die Kunst als Energiefeld sowie abrundend die „Kunst im Spannungsfeld von Effizienz und Effektivität" beleuchtete.
Dr. Bernhard Freiherr Loeffelholz von Colberg, bis vor wenigen Monaten Präsident des Sächsischen Kultursenats und ehemaliger Direktor der Zentrale der Dresdner Bank in Frankfurt / Main, war mit Blick auf diesen finalen Punkt zweifellos der ideale Schlussredner. Prompt zitierte er als seinen Lehrmeister auch Jürgen Ponto, den 1977 im „Deutschen Herbst" von der RAF ermordeten einstigen Dresdner Bank-Chef und Berater von Bundeskanzler Helmut Schmidt, aus dem Jahre 1973: „Die Betriebswirtschaft hat für die Kunst eine dienende Funktion."
Der in Weimar geborene und in München aufgewachsene Loeffelholz von Colberg betrachtet Mittel für die Kultur als Investitionen in die Gesellschaft: „Das amortisiert sich dann erst zeitversetzt. Auch deshalb ist die Zuordnung von Positionen mit Blick auf mögliche Ergebnisse vertrackt. Controlling mag wichtig sein. Doch heute ist Controlling zu oft nur ein anderes Wort für Bürokratie."
Kultur funktioniere vor allem dann, wenn sie von eigenständigen qualifizierten Persönlichkeiten mit guten Ideen gemacht würde. Loeffelholz von Colberg: „Diese Leute müssen zudem lichterloh brennen für ihre Vorhaben. Ingrid Mössinger, die Generaldirektorin der Kunstsammlungen Chemnitz, ist eine solche Idealbesetzung."
Die frühere Kulturstaatsministerin Prof. Dr. Christina Weiss betrachtet die Auseinandersetzung mit Kunst als ideales Training für die Auseinandersetzung mit sich selbst und dem Weltgeschehen: „Leidenschaftliche Debatten über Kunst und Kultur ermöglichen Aufmerksamkeit nach außen und Selbstfindung nach innen. Die Kunst bietet deshalb wunderbare offene Räume für die Begegnung mit anderen und sich selbst."
Den Besuch einer Kulturveranstaltung betrachtet die renommierte Literaturwissenschaftlerin, Kunstkritikerin und Kulturpolitikerin als eine bewusst gewählte Anregung und als Ereignis der Erfahrung: „Man gibt dabei etwas von sich selbst preis. Wobei die Kommunikation mit Kunst erlernt werden muss: Man muss aufgeschlossen sein und sich offen mit Herz und Hirn auf die Sache einlassen. Sonst funktioniert es nicht und bleibt die Sache oberflächig und reduziert in ihrer Wirkung."
Kunst macht widerständig und mündig, sagt Christina Weiss: „Deshalb versuchen Diktaturen auch immer, zeitgenössische Kunst einzuschränken oder sogar zu verbieten." Zugleich warnt sie vor der Haltung, Kulturveranstaltungen als Bestätigung von Erwartungen zu begreifen: „Das wäre lediglich Konsum. Erst durch den Denkprozess beginnt die Auseinandersetzung. Kunst darf schön sein. Aber sie muss zugleich mehr als einfach nur schön sein: Sie soll aufrütteln, bewegen sowie Mut und Kraft zur Bildung einer eigenen Meinung geben."
Semperoper-Intendant Gerd Uecker sieht das ähnlich und ergänzt: „Dabei kommt heute dem Zusammenwirken der drei Elemente Wort, Bild und Ton eine immer stärke Bedeutung zu. Gerade dieser Dreiklang löst theatrale Emotionsbereitschaft aus. Es ist doch höchst spannend, aus alten Geschichten immer wieder das Neue herauszuziehen." Gerade durch das Aufzeigen des Mangels und von Mängeln erlange Kunst eine gesellschaftliche Relevanz.
Professor Uecker blickt bei seinem Chemnitzer „Gastspiel" tief in die Geschichte zurück: „Vor 100 Jahren war beispielsweise Musik nicht allgegenwärtig. Sie fand fast ausschließlich live statt und hob sich aus dem Alltag ab. Heute dagegen durchdrängt sie alles - und zwar zu 90 Prozent in einer Kombination aus Unterhaltung, Untermalung, Ablenkung und geistiger Passivität."
Der Intendant der Semperoper sagt das ohne Anklage oder Wehmut. Er will es vor allem als Anregung zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit Musik wie auch von Kunst und Kultur allgemein verstanden wissen: „Erst eine offene Haltung und die aktive Auseinandersetzung schaffen einen Wert. Erst dann wird Kunst zu einem gesellschaftlichen Wachstumsfeld und zu einem Motor des Aufschwungs, den Industrie, Handel und Wirtschaft allein gar nicht bewirken können."
Sofern diese „Vorlesung" in der Oper Chemnitz in Ton und Bild aufgezeichnet wurde, mag sie ein aufschlussreiches Lehrstück sein, das in die vielen kulturpolitischen Debatten an so vielen Orten in Deutschland hilfreich einfließen könnte. Wer diese Diskussionen in der Politik und seitens des Publikums mit all ihren immer wieder bemühten Argumenten kennt, wird erfrischt und angespornt durch diese „Chemnitzer Lesung" - die hoffentlich auch ernsthaft eine solche war statt lediglich eine Anhäufung freundlicher Festreden.
H.G.