Wer hätte das gedacht: Dortmund, eines der traditionellen Zentren der deutschen Montanindustrie, feiert 2009 groß den 100. Geburtstag seines ruhmreichen Fußballclubs BV Borussia - während das ähnlich strukturierte Chemnitz mit ebenfalls großer Fußballhistorie im selben Jahr und nicht weniger enthusiastisch den 100. Geburtstag seiner Oper und Kunstsammlungen zelebriert.
Klischees sind gefährlich und dumm. Weder mit Dortmund noch mit Chemnitz verbindet die Welt auf den ersten Blick Hochkultur, doch die ist in beiden Industriestädten in besonderer Weise fest und lange verankert. Mit Blick auf Chemnitz ließe sich sogar sagen: Der Theaterplatz im Herzen der Stadt am gleichnamigen Fluss zählt sicherlich zu den reizvollsten kulturellen Ensembles, die sich in deutschen Großstädten finden lassen.
Noch bis Anfang des 19. Jahrhunderts weideten auf dem einstigen Stadtanger Kühe, ehe dann an gleicher Stelle unter anderem eine Reihe von prachtvollen Villen entstanden. Später kam die neugotische St. Petri-Kirche hinzu, flankiert vom geruhsamen Schillerpark. Gleich gegenüber das König-Albert-Museum als Zentrum der Kunstsammlungen und als Bindeglied im Norden des Theaterplatzes der attraktive Opernbau, der seit der jüngsten Sanierung und Restaurierung zu Beginn der 1990er Jahre eine der modernsten Opernbühnen im deutschsprachigen Raum präsentiert.
Die Kunstsammlungen Chemnitz, die 2001 als ein nationaler kultureller Leuchtturm ins Blaubuch des Bundes aufgenommen wurden, umfassen heute neben dem König-Albert-Museum das Museum Gunzenhauser, das Schlossbergmuseum und das Henry-van-de-Velde-Museum in der „Villa Esche", die der belgische Stararchitekt und -designer (3.4.1863-25.10.1957) in den Jahren 1902 und 1903 sowie in Erweiterung 1911 als Wohnhaus für den Fabrikanten Herbert Esche gebaut hatte - als seine persönliche Wohnhaus-Baupremiere in Deutschland.
Das am 1. Dezember 2007 im Beisein von Bundespräsident Horst Köhler eröffnete Museum Gunzenhauser präsentiert die knapp 2.500 Werke von 270 Künstlern umfassende Sammlung des Münchener Kunsthändlers und -sammlers Dr. Alfred Gunzenhauser. Ein wesentliches Thema ist hier der Expressionismus, und die Ausstellung bekam hierfür passend ein eigenes Gebäude, das in den späten 1920er Jahren im Stil der Neuen Sachlichkeit entstand. Ein optimaler Rahmen zudem für Otto Dix (2.12.1891-25.7.1969): Mit 290 seiner Arbeiten bietet das Museum Gunzenhauser die größte Werkschau des im nahen Gera geborenen Malers, der zu den wesentlichen Begründern der Neuen Sachlichkeit zählt.
Eine ähnliche Verehrung wie Otto Dix erfährt in Chemnitz einer der berühmtesten Söhne der Stadt: „Kaiser Karl" Schmidt-Rottluff (1.12.1884-10.8.1976). Der Mitbegründer der legendären Dresdner Künstlergruppe „Die Brücke", der zu den Klassikern der Moderne und den herausragenden Vertretern des Expressionismus gehört, wurde im Chemnitzer Ortsteil Rottluff geboren und ging hier auch zur Schule.
Außergewöhnliche Entwicklungen basieren stets auf dem besonderen Denken und Handeln außergewöhnlicher Menschen: Dass Chemnitz quasi der Sprung in die „Champions League der Kunst" gelang, hat die Stadt vor allem Ingrid Mössinger zu verdanken. Seit 1996 erfrischt die Schwäbin nun schon die Welt von Sachsen aus. Als Generaldirektorin hat sie für die Kunstsammlungen Chemnitz mindestens die Bedeutung wie Hennes Weisweiler in den 1970er Jahren als Trainer für Borussia Mönchengladbach ... Zugleich ist Ingrid Mössinger eine überaus bodenständig wirkende und bescheiden auftretende Macherin. In Chemnitz kommt der Erfolg auf leisen Sohlen.
H.G.