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11.01.2010 12:14 Uhr

Leipzigs Kulturbürgermeister: Eine schnelle Abwahl ist das Ziel

„Der vom Intendanten der Neuen Bühne Senftenberg, Sewan Latchinian, in der aktuellen Sachsenausgabe der ‚Zeit' geschriebene Artikel über das Centraltheater Leipzig riecht sehr nach Bestellung, von wem auch immer. Auf keinen Fall spiegelt er die Realität in der Leipziger Kulturlandschaft wider." So jedenfalls sehen es ein paar Leipziger Kulturfreunde, die sich an die Spitze einer Bewegung stellen, deren Ziel offenbar die Abwahl des gerade erst inthronisierten Leipziger Kulturbürgermeisters Michael Faber ist. Nachfolgend, was sie im Detail sagen:

Sewan Latchinian hatte offensichtlich das dringende Bedürfnis, seine Meinung zum Leipziger Theater öffentlich kundzutun; die „Zeit" hat ihm dafür ein Forum geboten. Thomas Pannicke, seit über 20 Jahren regelmäßiger Theatergänger in Leipzig, hat in dieser Zeit einen Großteil der Leipziger Inszenierungen gesehen. „So spannend wie unter der Intendanz Sebastian Hartmanns war es allerdings noch nie."

Sewan Latchinians Worte liest er mit Befremden. Vor allem bleibt ihm unklar, was der mit dieser Äußerung bezweckt: „Will hier jemand darauf aufmerksam machen, dass es seiner Meinung nach geeignetere Kandidaten für den Intendantenposten gibt? Der Artikel ist übertitelt mit der Behauptung, Sebastian Hartmann ignoriere seine Zuschauer. Ich weiß nicht, wessen Eitelkeit sich da ignoriert fühlt, die meinige jedenfalls nicht. Im Gegenteil, ich habe das Haus noch nie so offen wie seit dem Herbst 2008 erlebt, ich habe noch nie so gute Kontakte zu den Mitarbeitern des Hauses gehabt, angefangen von den Damen und Herren des Besucherdienstes, über die Schauspieler und Dramaturgen bis hin zum Intendanten."

Die Argumentation Latchinians erinnert doch sehr an so manche „Kritiker" hier aus Leipzig, die sich nur allzu sehr das Alte wieder herbeiwünschen. Im Gegensatz zu manchen dieser Kritiker, die noch nicht einen Schritt in das Centraltheater tätigten oder nur um ihre vorgefertigten Meinungen zu bestätigen, sich dann doch mal blicken ließen, hat Latchinian wenigstens ein paar Stücke der ersten Saison gesehen.

Zugegeben, „Idioten" ist umstritten. Doch wäre es nicht angebracht gewesen, herauszustellen, dass der Intendant hier jungen (wilden) Regisseuren die Möglichkeit der Inszenierung ohne Maulkorb bietet? Ist es nicht das, was wir in diesem Land brauchen? Junge kreative Menschen, die sich entfalten und entwickeln können ohne Angst zu haben und sich nicht in erster Linie um Anpassung kümmern müssen? Genau diese Anpassung ist es doch, die uns alle in die gegenwärtige Krise geführt hat. Menschen, die angepasst sind und nur die Gier nach Erfolg als oberstes Ziel sehen.

Latchinians Anliegen nach Begleitung der Themen Wirtschaftskrise, Klimakatastrophe und Globalisierung ist doch in Leipzig immer wieder gegeben. Christian Palm meint dazu: „Ich erinnere da nur an ‚Die Schockstrategie. Hamlet' oder an die ‚Klimarevue' oder aktuell aus der zweiten Saison an den ‚Kirschgarten'. Es geht nicht darum, auf der Bühne Antworten zu geben. Aus meiner Sicht geht es darum, Fragen aufzuwerfen. Fragen nach der Gesellschaft und wie wir leben, aber vor allem Fragen an jeden Einzelnen. Wie will ich leben und was kann ich tun, will ich überhaupt was tun. Solche Fragen im Theater gestellt zu bekommen, ist mit Sicherheit für jeden Zuschauer nicht einfach. Das mag oftmals auch Schmerzen bereiten. Das ist alles andere, als sich zurückzulehnen und berieseln zu lassen, wie gut oder wie schlecht wir Menschen doch seien, um hinterher hinauszugehen und sagen zu können: Na ja, aber zum Glück sind WIR ja nicht so! Das funktioniert am Centraltheater so nicht mehr, zum Glück! Und wenn man nach den Aufführungen in den ‚Pilot' - das ist die Theaterbar - geht, kann jeder erleben, wie heftig und leidenschaftlich dann dort diskutiert wird. Wildfremde Menschen kommen zusammen, diskutieren, streiten, tauschen sich aus." Kann es ein besseres Ergebnis geben?

Ach ja, die deutschen Klassiker. Christian Palm hätte gerne, wie mal zur zweiten Saison geplant, Heines Wintermärchen in der Regie von Sebastian Hartmann gesehen. Leider ist nichts daraus geworden. „Aber vielleicht wird es ja später noch mal was. Und zählen eigentlich Büchner, Kafka und Handke nicht zu ‚unseren' deutschsprachigen Autoren?" Christian gehört zur Generation 40 plus (um genau zu sein 48), die ja angeblich nicht mehr in Leipzig erreicht wird. Doch Christian sagt: „Ich habe mich in noch keinem Theater so zu Hause gefühlt wie hier unter der Intendanz von Sebastian Hartmann in Leipzig."

Fragen wir uns zum Schluss, warum Latchinian als Intendant nichts zu der Situation um den Leipziger Kulturdezernenten schreibt. Oder ist es normal, dass eben dieser durch Aussagen wie „Jetzt reicht es!" Stimmung macht, ohne inhaltlich Stellung zu beziehen - oder ebenso in Interviews auf präzisierende Fragen stumm bleibt? Uns wird angst und bange, wenn solche Menschen, gewählt durch ein Stadtparlament (oder wie in diesem Fall durch Absprachen in das Amt gehievt), bestimmen, was gute und schlechte Kultur ist. Uns wird noch mehr angst und bange, wenn die so genannten Eliten und selbsternannten Bildungsbürger dies ohne Widerspruch geschehen lassen.

Mit dem Interview von Kulturbürgermeister Michael Faber in der Dezemberausgabe des Leipziger Stadtmagazins „Kreuzer" verdichten sich die Hinweise nun endgültig, dass für seinen Amtsvorgänger, Dr. Georg Girardet, immer noch kein geeigneter Nachfolger gefunden ist. Ein Rücktritt oder ein Abwahlverfahren von Michael Faber erscheinen unausweichlich.

Zur Abwahl eines sächsischen Bürgermeisters hat uns ein Professor der Juristenfakultät der Universität Leipzig Paragraph 56, Absatz 4 der Sächsischen Gemeindeordnung zur „Rechtsstellung und Bestellung der Beigeordneten" mit auf dem Weg gegeben. Darin heißt es: „Beigeordnete können vom Gemeinderat vorzeitig abgewählt werden. Der Antrag auf vorzeitige Abwahl muss von der Mehrheit aller Mitglieder des Gemeinderats gestellt werden. Der Beschluss über die Abwahl bedarf einer Mehrheit von zwei Dritteln der Stimmen aller Mitglieder des Gemeinderats. Über die Abwahl ist zweimal zu beraten und zu beschließen. Die zweite Beratung darf frühestens vier Wochen nach der ersten erfolgen."

Den Antrag können die Mitglieder der Fraktionen Bündnis 90 / Die Grünen, FDP und CDU aus eigener Kraft stellen. Für die Zwei-Drittel-Mehrheit sind zusätzlich Stimmen der SPD mit erforderlich. Eigentlich müssten auch die Linken erkennen, dass nach über halbjähriger Amtszeit der von ihnen protegierte Michael Faber eine Fehlbesetzung darstellt und auch der Fraktion Die Linke schadet. Wir fordern deshalb ALLE Stadtratsmitglieder auf und optimale Unterstützung des Oberbürgermeisters ein, Herrn Faber geschlossen abzuwählen. Schamgefühle brauchen dabei nicht aufzukommen, denn dieser Abgang wird finanziell äußerst lukrativ vergoldet: Wegen seines Beamtenstatus auf Zeit bekommt Herr Faber Bezüge bis Ende der regulären Amtszeit - also viele weitere Jahre.

Sebastian Hartmann ist ein einzigartiger Künstler und eine herausragende Führungsfigur. Seine besten Zeiten liegen noch vor ihm. Auch wenn er bisher Schiller nicht auf die Leipziger Bühne gebracht hat, gelebt wird Schiller im Hartmannschen Centraltheater schon: „Der Mensch ist nur dort Mensch, wo er spielt, und er spielt nur dort, wo er Mensch ist." Zitat Friedrich Schiller.

Wir wünschen allen Leipzigern und Gästen in Leipzig, insbesondere den Mitgliedern des Leipziger Stadtrates und dem Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung, ein frohes Weihnachtsfest und einen beschwingten Wechsel ins Jahr 2010. Mögen alle die Zeit der Besinnung nutzen, um in sich zu gehen und dann zu Beginn des neuen Jahres die richtigen Entscheidungen zu treffen.


Thomas Pannicke | Biologe | Leipzig
Christian Palm | Anwendungstechniker | Leipzig
Thoralf Becker | Wirtschaftsingenieur | Leipzig
Werner Matzke | Betriebswirt | Leipzig
Jutta Palm | Fachkraft für Altenpflege | Leipzig
Mario Friedrich | Architekt | Chemnitz

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