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11.01.2010 12:12 Uhr

Leipzigs Kulturbürgermeister unter Beschuss: Der „4.000-Stücke-Mann“ fordert sogar zum Rücktritt auf

Der Kirschgarten am Centraltheater, Foto: R.Arnold
Seit rund einem halben Jahr ist Michael Faber Kulturbürgermeister der Stadt Leipzig - und hat in dieser Zeit mit markigen Aussagen und zum Teil durch seine bloße Gegenwart bereits für mehr Wirbel gesorgt, als sein Vorgänger Dr. Georg Girardet (FDP) in mehr als anderthalb Dekaden. Bereits am Vorabend von Fabers Wahl durch die Stimmen von Linke und SPD forderten die Kulturspitzen Leipzigs in einem offenen Brief einen Verzicht des Kandidaten, da sie ihn für nicht geeignet hielten. Mittlerweile regt sich auch in der Bevölkerung wachsender Widerstand. An dieser Stelle sorgen sich nach jüngsten Attacken gegen den Intendanten Sebastian Hartmann drei von ihnen um die Zukunft nicht nur des Centraltheaters und fordern den Kulturbürgermeister zum Rücktritt auf.

Der Historiker Hubertus Knabe ist ein streitbarer Mensch. Nicht nur in seiner Funktion als Direktor der Mauer-Gendenkstätte Berlin-Hohenschönhausen bezeichnet er die Partie Die Linke regelmäßig als Honeckers Erben. Das ist umstritten, und dennoch gab es in Leipzig gerade aus dem christdemokratischen Lager reichlich Protest, als ausgerechnet im Jahr es 20. Jahrestages der Friedlichen Revolution und des Mauerfalls Die Linke den neuen Kulturbürgermeister der Stadt vorschlagen durfte. Damit haftete dem Verleger Michael Faber von Beginn an ein Makel an. Ob nun berechtigt oder nicht - und in diesem Fall auch ganz ohne eigenes Zutun.

Es kam aber sogar noch schlimmer für den 48-Jährigen: Die Kulturspitzen der Stadt wehrten sich von Beginn an gegen seine Nominierung, zweifelten öffentlich Fabers Qualitäten an und forderten stattdessen eine renommierte und international gut vernetzte Persönlichkeit. Am Vorabend der Wahl im Stadtrat wurde dann nochmals und in einem offenen Brief in konzertierter Form protestiert und eine Neuansetzung gefordert. Vergeblich. Michael Faber wurde mit 37:32 Stimmen von den Abgeordneten der Linke und der SPD gewählt.

Der erfolgreiche Verleger (Faber & Faber) konnte Außenstehenden da schon ein wenig leid tun. War man da nicht ein wenig hart mit einem unbescholtenen Menschen ins Gericht gegangen? Das Gros der erwähnten Kulturspitzen zog seine Kritik auch prompt zurück und huldigte devot der neuen „Obrigkeit". Bis auf einen: Centraltheater-Intendant Sebastian Hartmann, der im Sommer 2008 mit einem Fünfjahresvertrag neu antrat.

Ein stolzer Mensch, wie es Michael Faber ganz offensichtlich ist, nimmt Attacken gegen die eigene Person zweifellos nicht ungetrübt zur Kenntnis. Auch wenn der neue Kulturbürgermeister sich nach Möglichkeit nichts anmerken ließ, war dennoch klar: Das „Imperium" schlägt zurück. Und mit Sebastian Hartmann geriet gleich auch ein potenzieller Gegner ins Visier. Parallel dazu war die Kirche dran: Der weltberühmte Thomanerchor, so ließ sich Bürgermeister Faber in lokalen Medien zitieren, solle verstärkt auch außerhalb der Thomaskirche auftreten. Denn es sei Atheisten nicht zuzumuten, zum Kunstgenuss ein Gotteshaus betreten zu müssen. Zuvor hatte er sich bereits kritisch über das Bachfest geäußert, da ihm dabei zu viel Kirchenmusik im Spiel sei.

Das war starker Tobak und sorgte für heftige Reaktionen. Der Kulturbürgermeister ließ sich davon jedoch nicht beeindrucken und „glänzte" mit weiteren entsprechenden Auftritten. Dabei geriet auch zunehmend das Centraltheater in sein Blickfeld. Ganz aktuell äußerte er sich in der Dezember-Ausgabe des Stadtmagazins „Kreuzer". Fabers Einschätzung dort: „Das Theater, das wir im Augenblick erleben, ist für die Stadt nicht zukunftsfähig." Eine plausible Begründung zu seiner Bewertung gab er trotz Nachfrage nicht ab. Dagegen bemerkte er an anderer Stelle, dass er noch nicht lange genug im Amt sei, um die Dinge bewerten zu können. Um dann jedoch festzustellen: „Bei manchen Sachen kommt man schneller zu einer Aussage, bei anderen später."

Wie ist die Linke eigentlich auf diesen Kandidaten gekommen? Gerade in kulturellen Dingen sehen sich Sozialdemokraten und Sozialisten doch regelmäßig im Kompetenzvorteil und haben sich hierbei auch schon oft genug verdient gemacht. Ob man im Ursprung Fabers Vater Elmar im Blick hatte? Der zählte immerhin zu den bedeutendsten Verlegerpersönlichkeiten der DDR. Erst stand er unter anderem an der Spitze der „Edition Leipzig", die Publikationen ausschließlich auf Auslandsmärkten platzierte, dann leitete er den renommierten „Aufbau-Verlag", den führenden Belletristik-Verlag der DDR. Den hatte bereits 1945 unter anderem der spätere Kulturminister Klaus Gysi mitbegründet, der Vater von Linke-Chef Gregor Gysi.

Nachdem Elmar Faber ab 1990 gemeinsam mit seinem Filius den eigenen Verlag „Faber & Faber" gründete und erfolgreich im Markt etablierte, lag es durchaus nahe, aus dieser Verlegerfamilie für die einstige Buch-Metropole Leipzig einen neuen Kulturbürgermeister zu rekrutieren. Nur leider feierte Elmar Faber im laufenden Jahr bereits seinen 75. Geburtstag, was für das genannte Amt laut Statuten ein Zuviel an Reife ist. Warum also nicht den Sohnemann anstelle des Herrn Papa nominieren? Bekanntlich fällt der Apfel oft nicht weit vom Stamm ...

Ob die Linke tatsächlich so gedacht haben sollte? Die Vermutung drängt sich zumindest latent auf - wie auch der Verdacht, dass es sich hier um einen fatalen Irrtum handeln könnte. Vielleicht sollte man dem neuen Kulturbürgermeister aber auch erst mal ein Jahr zur Eingewöhnung geben. Immerhin ist er bis 2016 gewählt. Bei nicht wenigen Bürgern Leipzigs aber genießt er ein damit verbundenes Vertrauen bereits nicht mehr. Drei von ihnen haben sich mit Blick auf die jüngsten Attacken geäußert.

Der Biologe Thomas Pannicke sagt: „Der ‚Kreuzer' bringt in seiner Dezemberausgabe ein Interview mit Michael Faber. Als Theatergänger kommt einem dieser Name bekannt vor. Nein, nicht aufgrund von kompetenten Äußerungen zum Theater, obwohl man sich erinnert, dass man den Mann auf der letzten Zuschauerkonferenz im Centraltheater gesehen hat. Aber da war doch diese heiß diskutierte ‚LVZ'-Kritik zu Hartmanns ‚Kirschgarten', die zitierte, dass Herr Faber angesichts des sich abzeichnenden Endes der Premierenvorstellung erleichtert aufgestöhnt hätte: ‚Na, Gott sei Dank.'

Ich selbst war von dem Abend begeistert und habe das Stück auch schon ein zweites Mal im wahrsten Sinne des Wortes genossen. Aber wenn man die sehr kontroversen Kritiken gelesen hat, weiß man, dass diese Aufführung sowohl bejubelt als auch verdammt wird. Schon allein, dass diese Aufmerksamkeit und Diskussion erregt wird, spricht für das Centraltheater. Aber trotzdem kann ich es auch tolerieren, wenn ein Besucher nach vier durchaus nicht leicht verdaulichen Stunden einen derartigen Stoßseufzer von sich gibt. Ein normaler Besucher wohlgemerkt, aber, und jetzt wird es interessant, Herr Faber ist Kulturbürgermeister der Stadt Leipzig!

Meines Wissens ist die Wiedergabe dieser Äußerung in der ‚LVZ' von seiner Seite unwidersprochen geblieben, und das ist der eigentliche kulturpolitische Skandal. Doch wenn man nun das ‚Kreuzer'-Interview liest, bekommt man den Eindruck, Herrn Faber scheinen derartige Skandale zu gefallen. Ich möchte jetzt nicht weiter kommentieren, dass er eine Frage zur Finanzierung der Freien Szene mit Schweigen beantwortet, was weder von Kompetenz noch von Gesprächsbereitschaft zeugt. Dann aber kommt die Rede aufs Centraltheater, und Herr Faber meint dazu, das wäre ‚für die Stadt nicht zukunftsfähig'. Eine Aussage, die er dann aber trotz zweimaliger Nachfrage nicht begründen kann. Nebenbei bemerkt: Ein schlechtes Omen für seine eigene Zukunftsfähigkeit?

Auch der Rest des Interviews ist sehr widersprüchlich und in seiner Gesamtheit nicht stimmig. Herr Faber meint, er wäre erst seit fünf Monaten im Amt und müsse die Entwicklungen der Häuser beobachten. Meines Wissens führt Herr Faber seit Jahren zusammen mit seinem Vater einen in Leipzig ansässigen Verlag - dessen Bücher ich im Übrigen sehr schätze. Man sollte also annehmen, dass er auch seit längerem in Leipzig wohnt. Was soll man davon halten, wenn jemand Kulturbürgermeister von Leipzig wird, aber nach eigener Aussage die Entwicklung des Centraltheaters vor Amtsantritt offensichtlich nicht verfolgt hat? Und dann aber trotzdem mit der knallharten Äußerung an die Öffentlichkeit tritt, dieses Theater wäre nicht zukunftsfähig?

Ich will nicht in die Kerbe hauen, dass Hartmann Theater für junge Leute mache, weil ich selbst nicht mehr der Jüngste bin und auch Leute im Rentenalter kenne, die von diesem Theater begeistert sind. Trotzdem: Schaut man sich das durchschnittliche Alter der Besucher heute und zu Zeiten der Intendanz von Vorgänger Wolfgang Engel an, so ist die Frage, was zukunftsfähiger ist, schnell beantwortet.

Sehr peinlich ist es wohl auch für die Partei Die Linke, die Herrn Faber aufgestellt hat, dass dieser ein dezidiert gesellschaftskritisches Theater als nicht zukunftsfähig bezeichnet. ‚Was morgen klassisch ist, ist heute Avantgarde', meint Herr Faber. Seine Fähigkeit, Avantgarde zu erkennen, wage ich zu bezweifeln."

Auch der Wirtschaftsingenieur Thoralf Becker ist wenig angetan und sorgt sich: „Die jüngsten Äußerungen von Leipzigs Kulturbürgermeister Michael Faber im Dezember-„Kreuzer" bezogen auf das Centraltheater Leipzig befremden mich so stark, dass ich mich äußern möchte. Mit der Behauptung ‚dieses Theater hat keine Zukunft' disqualifiziert sich meines Erachtens Herr Faber hinsichtlich mehrerer für dieses Amt erforderlicher Eigenschaften.

Nicht zuletzt mit dieser Bemerkung verdichten sich die Hinweise, dass für seinen Amtsvorgänger, den ‚ewigen' Dr. Georg Girardet, der eine starke Verwaltung mit gehörigem Einfluss, eine Menge Baustellen und einen Nimbus - den des ausgleichenden, beschwichtigenden und vermittelnden Kulturchefs Leipzigs, meist engagiert, manchmal ohne Einfluss, aber immer freundlich - hinterlassen hat, immer noch kein geeigneter Nachfolger gefunden ist.

Dies ist deshalb von Bedeutung, da aufgrund der Haushaltslage der Stadt Leipzig und der allgemeinen Wirtschaftssituation Kulturetatkürzungen nach menschlichem Ermessen unausweichlich werden. Aufgrund der einzigartigen Finanzierungssituation der Kultureinrichtungen in Sachsen, geregelt durch das Kulturraumgesetz, das neben der Kommune auch umliegende Gemeinden und den Freistaat einbindet, sind neben den kommunalen Verantwortungsträgern auch die maßgeblichen Personen in den Gemeinden und im Land gefordert.

Insbesondere möchte ich die Theatergänger Michael J. Weichert und Sven Morlok, Landtagsabgeordnete der Grünen und der FDP, ermuntern, ihren Einfluss auf künftige Entscheidungen positiv zu nutzen. Michael J. Weichert, der zudem Honorarkonsul von Bosnien und Herzegowina ist, hat seine Unterstützung auch bereits zugesagt. Für das Leipziger Centraltheater unter der Intendanz von Sebastian Hartmann sehen viele Leipziger und von außerhalb Angereiste im Gegensatz zu Herrn Faber eine großartige Zukunft voraus und ziehen den Hut vor schon jetzt Geleistetem."

Kurz und knapp, dafür aber besonders deutlich, äußert sich der Diplom-Betriebswirt Werner Mattke: „Ich gehe über 40 Jahre ins Theater, habe noch nie so ein spannendes Jahr erlebt wie letztes im Centraltheater, und lasse mir dieses Theater nicht kaputtmachen. Ich bitte Herrn Faber, zurückzutreten." Vielleicht sollte sich Leipzigs Kulturbürgermeister Michael Faber Werner Mattke als Berater ins Boot holen. Der ist nämlich immerhin als der mehr als „4.000-Stücke-Mann" bekannt ...

Mattke geht seit seinem 17. Lebensjahr nicht nur regelmäßig ins Theater, sondern besucht per anno mindestens 100 Vorstellungen - also im Schnitt zehn pro Monat innerhalb einer Spielzeit. Das Centraltheater Leipzig ist dabei seine Heimspielstätte. Aber auch alle anderen Bühnen im Großraum erleben ihn als regelmäßigen zahlenden Gast. Dazu hat er das Format „Auswärtsspiel" entwickelt, das ihn zum Teil gemeinsam mit anderen durch ganz Deutschland touren lässt - inklusive Abstecher auch in europäische Hauptstädte, wie im Frühjahr wieder nach Kopenhagen.

Werner Mattke kam man bezüglich Theater nichts vormachen. Einst lockte ihn ein Foto der Schauspielerin Barbara Trommer erstmals in die große weite Bühnenwelt. Heute bewegt er sich darin so souverän und kenntnisreich, dass er in einer Fachdiskussion sogar gegen den fast gleichaltrigen FAZ-Feuilletongranden Gerhard Stadelmaier erfolgreich bestehen könnte. Mal abgesehen davon, dass eine Begegnung Stadelmaier vs. Mattke auch für Publikum ein höchst interessantes Gipfeltreffen sein könnte: Leipzigs Kulturbürgermeister sollte sich das mit Werner Mattke ernsthaft überlegen. Es könnte ein erster Volltreffer für Michael Faber sein.

H.G.

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