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27.05.2011 13:06 Uhr
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Mythos Neckartal

Der Mythos Neckartal - was ist das eigentlich? Was steckt hinter dem Flair, der jedes Jahr Millionen von Menschen nach Heidelberg und in seine Umgebung lockt? Oder wird er von der Landschaft und den Menschen geprägt, die hier leben? Oder ist es das Heidelberger Schloss, das seit Jahrhunderten die Stadt bewacht und im tatsächlichen Sinn das Neckartal von der Rheinebene abzuschließen scheint?

Vor ein paar Jahren war ich mit meinem Mann und meiner Tochter in Siena in der Toskana im Urlaub. Wir stiegen auf den Rathausturm, um den Blick über die Stadt zu genießen. Zufällig trafen wir auf einen Japaner und eine Kanadierin, die sich über Siena unterhielten. Sie fragten mich, ob wir Amerikaner seien. Auf unsere Antwort: "No, we are German", wollten sie wissen, in welcher Stadt wir wohnen. Sie waren beide völlig aus dem Häuschen, als sie hörten, dass wir aus der Heidelberger Gegend kommen. Beide hatten Heidelberg schon besucht und schwärmten uns vom Weihnachtsmarkt vor, den sie so wunderschön fanden. Für mich ist es jedes Jahr wieder das Gleiche, denn ich habe das Glück und wohne in Neckarsteinach. Ich kann also so oft nach Heidelberg fahren, wie mir das einfällt, und muss nicht erst Tausende von Kilometern hinter mich bringen.

Aber warum zieht es mich immer wieder in diese Stadt? Als Schülerin wie als Studentin und später mit meiner Familie bin ich bei jeder Gelegenheit hingefahren, ohne dass es mir langweilig wurde. Mein Mann meinte schon grinsend: "Fährst du wieder nach Heidelberg in die Hauptstraße?"

Das Schloss überlasse ich freiwillig den drei Millionen Touristen, die jedes Jahr hier herkommen. Da geht es mir wie vielen anderen auch, nur wenn wir Besuch haben, fahren wir hin. Vielleicht helfen aber ein paar Eindrücke, dem Phänomen auf die Spur zu kommen.

Es ist Frühsommer und ein heißer Tag kündigt sich an. Ich schlendere am frühen Morgen durch die Gassen der Altstadt. Für mich verlieren sie und ihre Einwohner, die so oft auch Studenten sind, nie ihre Faszination. Die Menschen hier sind es gewohnt, dass nur immer die Hauptstraße und das Schloss im Mittelpunkt stehen und nicht sie. Das kann ja auch mal ganz anders sein. Ich liebe die Atmosphäre in den kleinen Straßen. Wenn ich Zeit habe, gehe ich immer gerne in die Kneipen oder Gaststätten, einfach nur um die Menschen zu beobachten, die hier ein- und ausgehen. Aber am liebsten schlendere ich am frühen Morgen hier vorbei, wenn die Eigentümer und Ladenbesitzer ihre Geschäfte und Lokale für den Tag vorbereiteten. Ich mag es, die Laden- und Restaurantbesitzer zu besuchen, spreche mit Passanten und Anwohnern. Einen solchen Tag lasse ich gerne im Roten Ochsen, einer der ältesten Studentenkneipen in Heidelberg, bei interessanten Gesprächen über Gott und die Welt ausklingen.

Dabei überlege ich, was haben denn Mark Twain, John Foster Dulles, Marilyn Monroe, John Wayne, Kurt Masur, Dieter Kürten und viele andere Promis mit mir gemeinsam? Es ist kaum zu glauben, aber sie alle besuchten den Roten Ochsen. Woher man das so genau weiß? Über dreißig Gästebücher sind die besten Zeugen der jahrhundertealten Tradition der Gaststätte. Seit 1837 nennt die Familie Spengel das Lokal ihr Eigen und führte es mittlerweile in der sechsten Generation sicher durch alle historischen Irrungen und Wirrungen. Anne und Philipp Spengel, die heutigen Wirte und Eltern von drei Kindern, sind stolz auf diese lange Tradition und wissen auch um den Bekanntheitsgrad des Hauses. Unzählige Bilder von Studenten und anderen Persönlichkeiten und Anlässen sind Zeitzeugen der langen Geschichte des Hauses.

Auch wenn sich das Publikum geändert hat und heute manchmal internationales Sprachengewirr zu hören ist, sind es viele Reisegruppen und Firmengäste, die den Roten Ochsen bevölkern. Und doch: Es ist überwiegend ein deutschsprachiges Publikum, das dem Haus sein Flair gibt. Viele ehemalige Studenten schwelgen in Erinnerung an alte Studentenzeiten und genießen mit allen anderen die stimmungsvolle Musik des "Mannes am Klavier", der jeden Abend die Welt der Töne in die traditionsreiche Kneipe holt.

Philipp Spengel legt Wert auf seine selbst zubereitete Hausmannskost, denn er steht als gelernter Gastronom oft selbst hinterm Herd. Seine reichhaltige Speisekarte zeugt von seiner hervorragenden Kochkunst und seinem Wissen über Bier und Wein.

Auch der Philosophenweg ist ein Aushängeschild für die Stadt, ein Pflichtprogramm für viele Touristen in Heidelberg. Kaum einer nimmt sich aber die Zeit, am späten Nachmittag hier herzukommen. Die Straße, die hoch zum Philosophenweg führt, gehört zu den teuersten und besten Wohngegenden der Stadt. Kein Wunder, bei der Aussicht! Ich mag die Abendstimmung im blühenden Frühjahr, wenn ich nach dem steilen Weg oben angekommen bin. Jetzt ist auch die Zeit der Besucher mit Muße gekommen, die sich auf die Bänke setzen, eine Zeitung lesen oder ein Buch aus der Tasche ziehen.

Ich war schon sehr oft hier oben, hatte aber noch nie Gelegenheit, mich mit der Historie des vielgerühmten Weges zu befassen. Ich glaubte, der Philosophenweg habe schon immer so geheißen. Aber ich habe mich eines Besseren belehren lassen, denn noch im 19. Jahrhunderts hieß er Linsenbühlerweg und führte zu den Weinbergen der Neuenheimer Bauern.

Der Mythos Heidelberg lebt zu einem großen Teil mit und durch seine Vergangenheit und die vielen Künstler, die hier vor allem in der der Zeit der Romantik im 18. und 19. Jahrhundert die besondere Umgebung und Inspiration für ihre Werke fanden. Vor etwa zweihundert Jahren schufen Clemens Brentano und Achim von Arnim "Des Knaben Wunderhorn", eine Sammlung alter deutscher Lieder. Hauptthema war meist die Liebe, die aber manchmal nur auf dem Papier ein Happyend fand.

Ein anderer bekannter Name aus dieser Zeit ist Josef von Eichendorff, der Dichter der Romantik schlechthin. Er kam 1807 mit seinem Bruder nach Heidelberg, um Jura zu studieren. Der Dichter genoss es, den Blick von den Ausläufern des Odenwalds hin zum Schloss, über die Stadt und in die Rheinebene und bei klarer Sicht bis zu den Pfälzer Bergen wandern zu lassen. Die Stadt Heidelberg widmete ihm hier eine Gedenkstätte und die Eichendorffanlage. Das Lied "In einem kühlen Grunde" erinnert an seine Liebschaft mit Kätchen Förster, die einige Jahre später an gebrochenem Herzen starb.

Neben vielen anderen Künstlern aus Musik, Malerei und Literatur wollte es sich der Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe nicht nehmen lassen, der Stadt am Neckar seine Aufwartung zu machen. Ein ganz anderes Kapitel ist das meist wenig romantische Schicksal der Frauen jener Zeit. Liebe war zwar das Hauptthema. Aber sie zahlten oft einen sehr hohen Preis, wenn sie versuchten, aus der Enge ihrer bürgerlichen Familien auszubrechen und neue Wege zu gehen.

Der Ruhm, den die Künstler der Romantik begründeten, lebt bis heute und lockt jedes Jahr Millionen von Besuchern aus der ganzen Welt an den Neckar. Der entscheidende Unterschied zu damals: Heute muss man keinen berühmten Namen mehr tragen, um nach Heidelberg zu reisen.

Von diesen romantischen Ausflügen in die Vergangenheit des Philosophenweges bringt mich ein Blick in die vielfältige Pflanzenwelt am Wegrand wieder in die Gegenwart zurück. Bei meinen häufigen Besuchen habe ich mich schon oft gefragt, wie Palmen, Korkeiche und Co ihren Weg hier herfanden. Sicher hilft das milde Klima, das dem von Lugano und Meran Konkurrenz macht, diesen Pflanzen und Bäumen zu überleben. Früher wuchs hier ein sehr guter Wein und in den letzten Jahrzehnten sorgte Dr. Arthur Tischer, ein Heidelberger Jurist, dafür, dass man in Heidelberg einen Hauch von Mittelmeer spürt. Er hatte hier einen Garten, den er täglich bis kurz vor seinem Tod im Jahr 2000 besuchte. Diese Spaziergänge mussten ihn fit gehalten haben, denn er wurde 105 Jahre alt. Er tourte sehr oft in seinem Urlaub durch den Mittelmeerraum und brachte jede Menge Pflanzen mit. Die Stadt Heidelberg sorgte dafür, dass sie am Philosophenweg einen würdigen Platz fanden. Dr. Tischer war der Überzeugung, dass "seine" Korkeiche die einzige Freiluftkorkeiche in Deutschland ist.

Nach den literarischen und botanischen Exkursionen zieht es mich über den Schlangenweg zum Neckar und in die Stadt hinunter. (Fortsetzung folgt)

Heiderose Teynor
Teynor, Heiderose
Toskanische Wahlverwandtschaften
ISBN : 978-3-8370-3946-7
19,90 Euro

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