28.06.2009 14:20 Uhr

125 Jahre Baumwollspinnerei Leipzig

Wer geistert denn da jetzt in den alten Gemäuern herum?

Alles Gute zum 125. Geburtstag! Man feiert zwar eine Spinnerei, Baumwolle wird hier aber seit 20 Jahren schon nicht mehr verarbeitet. Nur der Name ist geblieben. Jetzt gibt es auf dem 6 ha großen Gelände unter anderem „Kreative Spinner", eine „Pilotenküche" und eine „Eigen + Art". Nur im „Archiv Massiv" (Bild oben) erinnert ein Rollcontainer gefüllt mit Baumwolle daran, dass das einst die größte Baumwollspinnerei auf dem Europäischen Kontinent war.

Wie lange die über 3000 Arbeitsplätze vom ehemaligen DDR Regime künstlich am Leben gehalten wurden, darüber spricht man nicht. Die schrecklichen Arbeitsbedingungen von einst lassen die Ehemaligen immer noch vor den alten Ziegelgemäuern erzittern. Von der umgebauten Granatenfabrik im 2. Weltkrieg will ich erst gar nicht anfangen zu sprechen. Diese Hallen sind geschichtsträchtig, und als Bewohner fängt man nach einer gewissen Zeit an, das zu spüren. Die knapp 100 Künstler, die sich mittlerweile hier in Ateliers angesiedelt haben, werden von diesen teilweise sanierten Ruinen und deren Geschichte inspiriert. So geht es auch mir. Mein Name ist Bernhard Wiesbeck, ich bin Künstler und Publizist in einem der zu Ateliers umgebauten Räume der Baumwollspinnerei zu Leipzig.

Als ich 2007 vom Indischen Ozean kommend hier herzog, faszinierte mich der Ort. Ich fing an, die Erlebnisse meiner unzähligen Reisen und Tauchgänge in Bildern und Worten festzuhalten. Doch der Ort verändert einen. Man wird politischer, feinfühliger und tiefsinniger. Vielleicht ist das der Grund, warum ich immer noch hier bin. Der Ort lässt einen nicht mehr los und er ist durch seine Bewohner zum Kosmopolit geworden.


Der Ruf der Baumwollspinnerei hallt mittlerweile in alle Welt. Sogar die Amis fangen an, ihn ernst zu nehmen. So bequemen sich sogar die Bundeskanzlerin Angela Merkel (links) und der Ministerpräsident von Sachsen, Stanislaw Tillich (rechts), hierher, um dem jetzigen Geschäftsführer Bertram Schulze (Mitte) zum 125. Geburtstag des Ortes zu gratulieren. Warum nur diese Ehre? Den meisten Anteil daran tragen wahrscheinlich die Künstler.

In einer Werkschau präsentieren sie ihre aktuellen Arbeiten bis 18. Juli 2008. Die Stilrichtung ist geprägt von der HGB, der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Speziell ein Professor dort mit Namen Arno Rink ist begehrt. Er wurde bekannt durch seinen berühmten Schüler Neo Rauch. Ja, es ist wahr. Der Professor, der ständig über die Arbeit seines Schülers von einst quengelte, wird durch ihn berühmt. Dabei verkörpert Neo Rauch mit seinen Arbeiten am tiefsinnigsten die verblasste Stimmung der alten Tage und die mysteriösen Geheimnisse dieser ehemaligen Fabrik.


Neo Rauchs Bilder erschrecken mich. Sie sind dunkel und düster. Die Figuren wirken wie Gespenster dieser Gemäuer, die durch ihn ihr Leiden in den Gewölben in die Welt hinaustragen wollen. Aber er ist nicht alleine. Wer die Werkschau in der Halle 12 besichtigt, ist geneigt dazu, das eine oder andere Kunstwerk zu übersehen, weil es wie ein Teil des Raumes wirkt. So wie das Gemälde von Steven Black, dass ein Teil der Mauer zu sein scheint. Oder die Leinwand von Ingrid Sperrle, die wie ein verrostetes Metallteil von den meisten Besuchern gar nicht wahrgenommen wird. Auch die Figuren von Marianne Eggimann, gleich am Eingang, hat wohl manch einer gar nicht wahrgenommen.

Ich habe ein paar Stunden in der Werkschau zugebracht und ich gebe zu, es traf mich heftig. Die Eindrücke sind kaum zu verarbeiten. Die Weltanschauungen und die Perspektiven der Kunstwerke erschlagen einen förmlich. Er herrscht alles andere als Harmonie. Der Geist kann selbst bei verschlossenen Augen fühlen, welche Präsenz die Künstler durch ihre Arbeiten in der Halle ausstrahlen. Es liegt nicht daran, dass es kaum eine Großstadt über 1 Million Einwohner auf der Welt gibt, in der nicht ein Bild der Künstler gezeigt wurde oder in einem Museum dort hängt. Nein es sind nicht diese Superlativen. Es sind die Arbeiten an sich, die einen zutiefst berühren.

Selbst eine Silke Koch, die 13 aneinandergereihte Gegenstände, die wie eine Raketenbasis aus einer ehemaligen Flash-Gordon-Reihe wirken, kann diese Stimmung nicht auflockern. Bei näherem hinsehen erkennt man Vasen, Thermoskannen, Zitronenpressen, Schnapsgläser, Eierbecher, Teelichter, Kerzenhalter, Salzstreuer aus Glas, Porzellan und Kunststoff, aus denen die Werke bestehen. Selbst die Insekten von Jim Whiting aus Plastikflaschen und zusammengeschweißtem Altmetall wirken hier wie leblose Überreste aus einer verkonsumierten Gesellschaft.

Dann trifft man noch auf Kaesebergs Parolen: „Ich will nicht kämpfen. Ich will nicht sterben. Ich will nicht euren Scheiszstaat erben." Das ginge ja noch, wäre da nicht die Schrift im Hintergrund, die aussieht, als hätte er sie von der Welt hinter seiner Leinwand aus geschrieben. Sie erinnert an den Exorzisten in der Szene, in der der Teufel die Verstorbenen rückwärts zitiert. Marcel Taslers Hakenkreuz, Fabian Reimanns Verhörprotokolle auf Tonband und die Videoinstallationen von Thomas Janitzky und Roman Graneist schildern Welten, denen man nur zu gerne zu entfliehen sucht.

Julius Popps weiße Kapseln interagieren miteinander und mit dem Besucher. Eine Kapse,l der ich mich lautstark genähert hatte, war etwas später in einer zurückgewichenen Stellung vorzufinden und reagierte damit auf meine Aggression. Peter Bux' mit Muscheln übersäte Feuerlöscher hingeben ließen Erinnerungen an meine farbenfrohe Zeit als Tauchlehrer aufblitzen. Jedoch wurde ich von Matthias Weischers Bild „15 Blicke" schnell wieder in eine bizarre Welt aus Schein und Sein zurückgeholt. Auch Ronny Szillos Installation im Raum dahinter wirkt wie ein befremdlich umgebauter Schrebergarten, dessen Besitzer in Alf, der geknebelt an der Wand hängt, seinen Klassenfeind gefunden hat.

Henrik Voerkels Gemälde lässt uns plötzlich im Auto an einer bizarren leerstehenden Landschaft vorbeifahren. Jochen Plogsties „Germania" wirkt wie ein Schiff auf dem Ozean im Nirgendwo. Bei näherer Betrachtung erkennt man einen Vogel, der ein Auge aussticht, einen verlorenen Schäferhund, tropische Vögel und verloren wirkende Menschen, die einer Tätigkeit nachgehen, die so anders und künstlich wirkt, genau so wie die Welt, die sie auf dem Bild umgibt.

Die bizarren Mädchen von Johannes Tippelmann scheinen nicht von dieser Welt zu sein. Von Schläuchen und Fähnchen umgeben, posieren sie jenseits einer erdenklichen Realität. Tom Fabrizius' Schlafsäcke wirken wie Leichen, das im Zimmer gezeigte Mädchen wie ein entgeistertes Zimmermädchen. Ich fange plötzlich an, hin und her zu rennen, verstehe Sven Brauns Geläuterte nicht, oder will nicht - vielleicht verdrängte Erinnerungen. Der explodierende, rauchende Kopf daneben, dann noch ein schwarz-weißes von David O`Kane. Spielende Kinder in einer verloren gegangenen Welt aus Sinnlosigkeit.

Ich muss weg, renne in die falsche Richtung, komme durch einen dunklen Gang. Eine Videoinstallation von Sandro Porcu läutert mich im Dunkel mit einem schwankenden Kronleuchter, der aus einem Kirchenfenster blickt. Ein Video zeigt den Abriss und Aufbau des Gebäudes in dem ich mich befinde. Man hat dadurch wahrscheinlich die Geister aus den Gemäuern geweckt. Buchstaben fallen als Regentropfen von der Decke. Ich kann ihren Sinn nicht erkennen, es sind Wörter, die wie Spanisch klingen. Weiter eine Schräge hoch, vorbei an Fotos von farbigen Nähspulen, ein Blick in eine Nische, da hängen Affen an der Wand oder was soll das sein? Affen denken anders. Glück, Exil.

Dann kommt es Schlag auf Schlag. Durch einen grünen Zaubergarten mit Christina Reiter. Eine Kreuzfahrt der Lust mit Carolin Wendel hinterlässt einen pilzigen Geschmack. Die Vier in Grau von Isabelle Dutoit wirken bunter als sie sind. Ich sehe Schmetterlinge von Katja Unterschütz, die sich aber nur als Roter Glücksklee entpuppen. Man signiert sich auf dem Unterarm, vorbei an einer Bienenkönigin, Hunden und einem Vogelmenschen in einer Glasmenagerie. Ich laufe, will mich in letzter Sekunde verstecken unter dem herablassenden Tor einer Tiefgarage, doch es ist nicht real, nur eine Videoinstallation von Sebastian Stumpf.

Dennoch komme ich in dem dunklen Eck ein wenig zur Ruhe. Vertraute Geräusche von Wind, der sich in Büschen austobt, und von vorbeifahrenden Autos geben mir etwas Vertrautes. Doch es sind nur Geräusche aus Lautsprechern. Ich kehre ein in Steffen Rosenthals Bild und zerspieße das Gewürm, das auch mir unbemerkt aus dem Rücken quillt. Die entschlossene Isolde Russ macht mich unentschlossen. Rainer Steges Frauen berühren mich. Ob er was dagegen hat? Die fünf Demonstrantinnen daneben haben es gesehen. Sie zeigen sich oben ohne und demonstrieren gegen Nötigung am Arbeitsplatz. Das kann auch nur einem Mann mit Namen Alexander Friebel einfallen.

Sylvia Schade bringt mich zurück in die reale Welt. Ein Obdachloser in der Schillerstraße umarmt einen Hund. Das kleine Mädchen daneben im rosa Gewand wirkt dennoch verlorener als er, in einer Welt fürsorglicher Schwarzträger auf einer Hochzeit. Hassan Haddad führt mich durch sein Wohnzimmer, doch die Welt ist nicht genug für Nicole Kegel. Stolpere fast über eine Leiche, vorbei an einer lebensgroßen Plastikdame von John Power mit der Aufschrift „Nicht berühren". Ich bin verloren. Auch die rot-weiß-schwarze Welt von Torsten Russ verwirrt mich zusehends. Ist alles, an was ich geglaubt habe, verloren? Kann ich jemals aus diesem Labyrinth entkommen? Doch dann finde ich auch meine Arbeit in diesen Gemäuern. An einer comic-haft gemalten Wand hängt mein Bild. Es zeigt Barack Obama als Häuptling, und „Yes We Can" steht auf seinem Federschmuck. Das rettet mich. Es gibt einen Ausweg. Brauche keine Zwangsjacke als gefallener König, wie es Alexander Karawanskij in seinem Bild Adam daneben demonstriert. Bin kein in der Bewegung gefallener Engel von Ingo Regel. Ich bin ich, da kann mich selbst der Micro Kosmos von Claudia Biehne nicht locken.

Dennoch, ich muss hier raus. Zuerst durch den schwarzen Tunnel, mit dem hellen Licht am Ende. Ja nicht mehr nach rechts auf die sechs Neo Rauchs werfen, direkt auf Bertram Kobers grünliche Hochsitze in einer kargen Umgebung zusteuern, die der Realität schon etwas näher kommen. Axel Töpfers Postkarten aus Eastbourne gestreift. Nach links geht's raus. Ein Blick zurück auf das Mädchen am Boden von Hans Aichinger. Der Titel ist Erdkunde, die Landschaft dahinter schemenhaft, Risse, Löcher, eine Stadt aus Bauklötzen. Tja, den Schulen fehlt auch der Draht zur Realität. Apropos Realität. Jetzt sehe ich das große Ausgangstor. Nichts kann mich jetzt mehr halten. Winkend vorbei an Oliver Kossacks Zyklopen Sandy. Endlich im Freien. Der dort rauchenden Ausstellungsmitarbeiterin kann ich nicht mehr in die Augen sehen. Nicht, dass sie mich noch in ein Gespräch verwickelt. Ich muss hier weg.

Auf dem sonnigen Weg durch den Hof in mein Atelier zurück beruhige ich mich wieder ein bisschen. Sogar so hochtrabende Themen wie „Was ist eigentlich Kunst?" beschäftigen mich plötzlich nach all dem wieder. Ist Kunst nur eine Sichtweise? Eine auf den Künstler beschränkte Anschauung der Welt? Kann sie wirklich jeder verstehen? Soll sie jeder verstehen? Nein, das ist unmöglich. Doch wer sich diese Ausstellung ansieht und nicht zutiefst bewegt ist, der hat sich von der Welt zurückgezogen und lebt in seiner eigenen Welt, die wahrscheinlich noch unverständlicher ist als die derer, die sich in den heiligen Hallen der Leipziger Baumwollspinnerei zeigen. Und auch ich muss erkennen, dass ich einer von ihnen geworden bin. Mein Bild und der Ort, an dem es hängt, lassen mich aufblicken zu dem, was ich geworden bin. Was auch immer es ist, ich bin zufrieden damit.

Noch eins zum Schluss: Lassen sie sich die Werksausstellung zum 125-jährigen Geburtstag der Baumwollspinnerei ja nicht entgehen. Sie ist aktuell, richtungweisend und erschreckend gut.

Bernhard Wiesbeck

 

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