Der Deutsche, so spottete Heinrich Heine im Jahr 1828, „baut sich ein Haus hinter dem Ofen, hockt warm drin und liest den ‚Allgemeinen Anzeiger‘". Bis in die liebe Ewigkeit hinein, wäre doch hübsch. So ein Bild versetzte den feinnervigen Heine in zornige Angst. Dachte man an dieses Deutschland, so war man um den Schlaf gebracht. Unpolitisch sein zu müssen, das war ja ehemals bitterer Verzicht, später einmal war es höchstes Ziel, da man sich so den herrschenden Mächten genehm machen konnte. Der unpolitischen Staatsenthaltung entspricht prinzipiell eine nicht weniger unpolitische Machtanbetung.
Und jetzt reden wir über 1989, wieder einmal. 1989! Die Friedliche Revolution! Und eben vor allem: Leipzig. Und ob diese Stadt etwas besitzt, was andere Städte nicht haben? Haben wir es mit einer Art „genius loci" zu tun, wenn wir über Leipzig im Jahr 1989 reden? Konnte hier eine gesellschaftliche Unzufriedenheit schneller als anderswo die „kritische Masse" einer revolutionären Erhebung erreichen? Sind wir also nicht nur DAS VOLK, sondern auch DIE REVOLUTION?
Nach Schopenhauer kann der Mensch zwar tun, was er will, er kann aber nicht wollen, was er will. Also könnte vielleicht doch der „genius loci" Leipzigs, der Heimatstadt Wagners, am Rand der mitteldeutschen Genie-Gegend zwischen Goethes und Herders Weimar, Luthers Wittenberg, Nietzsches Röcken, zwischen Novalis in Weißenfels, Schiller und Fichte in Jena, für die einmalige historische Vorreiterrolle seiner Bürger verantwortlich sein?
Wird hier, zwischen den Residenz- und Proletenstädten, seit Jahrhunderten mutiger, weiter, offener gedacht und geträumt? Besteht und beruht der Bürgersinn Leipzigs traditionell auf dem WIR-Gefühl? Tarnt sich vielleicht die Vorreiterrolle der dissidenten Leipziger Bürger und der Umweltbewegung als konservativer Gemeinsinn? Also warum nicht Schwerin oder Erfurt, die auch abseits des Machtzentrums Berlin liegen?
Sind die Wunden und Zerstörungen in der Landschaft, an der Umwelt, zwischen Buna und Kohle drastischer und der architektonische Niedergang der Stadt selbst einfach dramatischer als anderswo gewesen? Oder war das - nach dem Aufbegehren der wirklich Mutigen des Frühjahrs und Sommers 1989 - letzten Endes doch die kleinbürgerliche „Feierabendrevolution" nach Dienstschluss?
Merkwürdig aus der Zeit geworfen, blicken wir immerhin aus unserer Gesellschaft des ICH auf eine Gesellschaft, in der die Erhebung des WIR möglich war. Wer sollte das für heute als möglich zu behaupten wagen? Die 80er Jahre waren politisiert - und wir mit ihnen, auf beiden Seiten der Mauer. Zwanzig Jahre später finden wir uns in einem ausgesprochen unpolitischen Wellental wieder. Während da vorn schon DIE ANDERE KRISE tobt? Und diesmal ist der Kapitalismus dran? Wir erleben die sedierende Ausdauer und Schwerfälligkeit unserer Konsensgesellschaft, in der sich alle mit allen irgendwie versöhnen, sobald sie nur aus den Schlagzeilen heraus sind. Der Rest scheitert am System Kapitalismus, das ja wesentlich auf Individualisierung und auf den Unterschied baut.
Der Philosoph Ernst Bloch, von 1949 bis zu seiner zwangsweisen Emeritierung 1957 Lehrer an Leipzigs Universität, der aus dem Exil sein Hauptwerk DAS PRINZIP HOFFNUNG in diese Stadt gebracht hat, spricht von unsrer Suche nach Heimat als politischer Suche nach uns selbst. „Die WIRKLICHE Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich AN DER WURZEL FASSEN", schreibt Bloch.
„Die Wurzel der Geschichte ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: HEIMAT."
Wenn Blochs Utopie von der marxistischen Gesellschaft als einzigem, zukunftstauglichen Modell dem Scheitern des sozialistischen Alltags-Experiments DDR im Jahr 2009 auch schmerzhaft gegenübersteht, so bleibt doch die Suche „nach dem, was wir sind, und nach dem, was wir hoffen" (Bloch), zeitlos vakant.
Kunst und Kultur können hierbei vielfach helfen. Das Centraltheater Leipzig will dieser Diskussionsort sein, für diese Suche nach Heimat. Durch unsre Erfolge, durch unser Scheitern und durch unseren Verrat. Und wir wollen, in der neuen Spielzeit, diesen Bloch-Titel auf unsre Probe stellen: DAS PRINZIP HOFFNUNG.
Zwischen 1989 und 2009 scheint nichts utopischer geworden zu sein als das praktische Politisch-Werden des Bürgers. Die Bankenkrise hat gerade erst wieder gezeigt, wie schnell maßgebliche politische Entscheidungen an einer Mehrheit der Menschen vorbei gefällt werden und werden können. Über Nacht, und quasi am Küchentisch. Uns wird der Selbstverwirklichungsgedanke des neuen Systems gepredigt: Höher, weiter, schneller! Die Individualgesellschaft glaubt auf Gemeinschaft verzichten zu müssen, um fit zu bleiben für die Zukunft.
Mittlerweile spüren aber viele, dass es ohne starkes WIR kein starkes ICH geben kann. Ironischerweise zeigen die zerbrechenden Sedierungen des Wohlstands den Menschen immer deutlicher: Wenn die Gemeinschaft schwach ist, dann ist das ICH auch schwach. So geht das Individuum, so gehen wir verloren. Wir fühlen uns fremd. Wir spüren einen Verlust in unsren Biografien, dessen Grundlage wir nicht näher beschreiben können. Den wir trotzdem ersetzen müssen.
Bis dahin leben wir in der Verdrängung, oder mit dem Glück der Oberfläche. Der Schriftsteller Ingo Schulze schrieb unter der Überschrift „Mein Westen" unlängst in der Süddeutschen Zeitung: „Eines der ersten Leipziger Transparente war sehr schmal, mit zwei kurzen Stäben an den Enden, gut unter einer Jacke zu verstecken. Es wanderte von Hand zu Hand über den Köpfen der Demonstranten: Visafrei bis Shanghai! Ob man über Hawaii anreisen oder den Landweg nehmen wollte, blieb dabei offen. So oder so, die Mauer wurde wie nebenbei eingerissen. Es ging nicht nur um den Westen, es ging um die Welt."
Im Theater 2009 erleben wir den Rückzug ins Private, vom WIR zum ICH deutlich. Das Leiden des Individuums an den gesellschaftlichen Verhältnissen findet nicht mehr auf der Bühne statt. Allenfalls das Leiden des Individuums an sich selbst. Theater soll momentan - zumindest für einen Großteil des Publikums - eher das Schöne, Affirmative formulieren, die Feier, den Konsens. Klar, wegen der Krise.
Theater soll das große Ereignis schaffen, das sich aber möglichst aus allem heraushält. Mit gesellschaftlicher Einmischung macht sich KUNST derzeit kaum beliebt. Die neuen Theaterstücke, die wir lesen, erzählen überwiegend vom Scheitern der letzten Beziehung, kaum vom Scheitern der Welt, wovon sie ja genügend Stoff zum Erzählen hätten. Unser Blick, als wäre der Vorrat an Welt seit 1989 für uns aufgebraucht, wird zunehmend eng.
Wenn es stimmt, dass jede Revolution mit einer dummen Frage anfängt, wie Joseph Beuys behauptet hat, dann ist diese dumme Frage, die es auch zwanzig Jahre nach 1989 noch geben muss, vielleicht einfach noch nicht gestellt worden. Heinrich Heine jedenfalls hat mit „Deutschland. Ein Wintermärchen" - das Sebastian Hartmann ursprünglich als Doppelprojekt mit Anton Tschechows Revolutions-Familien-Portrait „Der Kirschgarten" im Herbst 2009 auf die Bühne des Centraltheaters bringen wollte - eigentlich die dauernde Revolution gefordert, aus dem Blick des französischen Exils heraus.
Das Jubiläum „1989" im Supergedenkjahr 2009 steht nicht nur für den Anfang vom Ende von BRD und DDR vor zwanzig Jahren. Es weckt Trauer um den einen, flüchtigen und längst geflohenen Moment der Verzückung, der wahren Freude, den einen Augenblick, in dem alles NEU gedacht werden konnte, die Trauer um das Verbessern und den nicht beschrittenen „Dritten Weg". Es markiert die Wasserscheide zwischen „alter neuer" und „neuer alter" Gesellschaft und fragt zwischen Politischem und Privatem nach der Kraft des eigenen Standpunkts.
In welcher Heimat wollen wir leben? Wo zuhause sein? Wie den „genius loci" oder die eigene Welt bestimmen? Die Frage ist ein Gedankenexperiment, sie ist aber auch ganz praktisch. Auch aus diesem Grund stellt das Centraltheater Leipzig das Publikum in den Mittelpunkt. Theater, das unvermeidlich mit der Gesellschaft konfrontiert und verbunden ist, kritisiert sich daher immer auch selbst. Denn das ist ja ein unverzichtbarer Vorteil von Theater. Auch der Zuschauer sieht sich selbst: Sie sehen auch, ob sie immer noch da sind. Wie im Spiegel.
Wir sind Publikum, und wir sind diejenigen, die sich selber zusehen beim Handeln. Wir sind Geschichte, und wir fragen uns, was bleibt von unsrer früheren Welt. Also müssen wir immer wieder neu nachsehen. Was wir betrachten, ist mehr als nur eine Reihe von Begebenheiten, zu denen wir nur im günstigsten Aussichtspunkt als Zeugen uns stellen. Und wie schön, wenn über den Verlust oder den vergangenen, nicht wieder einholbaren Moment die Lust größer wird, auf die guten, kommenden, neuen Zeiten.
Uwe Bautz
Der 1960 in Frankfurt / Main geborene Autor ist Chefdramaturg und Stellvertretender Intendant des Centraltheaters Leipzig.