Das war keine leichte Übung für die Bundeskanzlerin. Nicht nur, dass sie mit dem Sozialdemokraten Peer Steinbrück einen überaus geschätzten und bewährten Finanzminister und einen Hochkaräter in einem Schlüsselressort verlor. Zudem stellte der neue Koalitionspartner FDP berechtigt manchen Anspruch - und Angela Merkel selbst musste sicherstellen, dass engste Vertraute wie Thomas de Maizière und Ronald Pofalla ihr in bedeutenden Spitzenpositionen erhalten bleiben.
Dass FDP-Chef Guido Westerwelle Außenminister und Vizekanzler wird, war zweifellos eine der leichtesten Entscheidungen bei der Zusammenstellung des Regierungskaders. Auch Westerwelles Parteifreundin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger als Justizministerin wirkt überaus glaubwürdig und erstaunt nicht. Unumstritten und ideal zweifellos auch „Tante Uschi" von der Leyen (CDU) als Familienministerin. In die hatte sich in der jüngeren Vergangenheit sogar schon der SPD-Grande Peter Struck „verliebt".
Dann aber wurde es bereits langsam kompliziert, denn ebenso klar war, dass die FDP grundsätzlich das Wirtschaftsministerium für sich beansprucht. Da aber residierte doch der bei den Wählerinnen und Wählern überaus beliebte Shootingstar Karl-Theodor zu Guttenberg. Könnte gefährlich sein, wenn der sich eine neue Bleibe suchen müsste. Alternativ hätte die FDP also das Finanzministerium nehmen können, doch das will Kanzlerin Merkel aus guten Gründen offenbar ganz nah bei sich haben.
Der junge Karl-Theodor darf deshalb jetzt mit Panzern spielen. Wieso degradiert man gerade diesen Burschen denn nun zum Verteidigungsminister? Das könnte man sich ganz spontan erst mal fragen - zumindest dann, wenn man sich mit Politik eher am Rande beschäftigt. Und wie regelmäßig Umfragen unterstreichen, trifft die Wahrnehmung von Politik als Nebensächlichkeit auf einen nicht geringen Teil der Bevölkerung zu.
Nun, Verteidigungsminister ist zweifellos keine uninteressante berufliche Tätigkeit. Da gibt es eine Menge weniger erquickliche Jobs ... Und der junge Guttenberg war bis zu seiner Berufung zum Wirtschaftsminister vor allem Außen- und Sicherheitsexperte. Man könnte also meinen, er ist über einen kleinen Umweg als Verteidigungsminister endlich an einer maßgeblichen Schaltstelle seiner wahren Profession angelangt.
Es könnte sich sogar ein spannendes Fernduell ergeben zwischen dem forschen Franken Guttenberg und dem redegewaltigen Rheinländer Westerwelle, die sich nun beide mit jugendlichem Elan vorrangig mit der großen weiten Welt beschäftigen. Erwächst aus dieser Konstellation manch Eifersüchtelei - oder reift daraus sukzessive eine prächtige Flügelzange, die erfolgreich Doppelpass spielt?
Den Platz im Wirtschaftsministerium übernimmt nun also der FDP-Grande Rainer Brüderle. Den kennt das breite Publikum nicht zuletzt als launigen Pfälzer Weinverkoster. Dennoch dürfte auch diese Personalie zumindest als interessant bewertet werden. Weniger, weil damit ein lang gehegter Traum Brüderles endlich in Erfüllung gegangen ist. Sondern, weil er seit geraumer Zeit als FDP-Wirtschaftsexperte agiert und über viele Jahre auch schon Wirtschaftsminister in Rheinland-Pfalz war. Das Ressort ist ganz klar sein Metier.
Wolfgang Schäuble (CDU) fiel in den letzten Jahren vor allem als grimmig dreinblickender Oberwachtmeister auf, der sich rigoros und gnadenlos für die Sicherheit des Staates einsetzte. So gesehen passt seine Berufung zum nationalen Kassenwart. Die Kanzlerin suchte zudem aber auch einen durchsetzungsstarken und leidensfähigen Gestalter, was Schäuble zweifellos ist. Zudem war er 1997 einer der wesentlichen Baumeister der Petersberger Beschlüsse, mit der die damalige schwarz-gelbe Regierungskoalition die Steuer- und Finanzpolitik gravierend ändern wollte. Da die einstigen Ideen nun als Planungsrahmen wieder auf dem Tisch liegen, macht es Sinn, dass einer der einstigen Chefentwickler dabei den Taktstock schwingt.
Franz Josef Jung (CDU) wurde als Verteidigungsminister lange angenehm und kompetent wahrgenommen. In dieser Weise könnte er die richtige Besetzung des sensiblen Ministeriums für Arbeit und Soziales sein. Zumindest einen Versuch scheint dieser Stellungswechsel wert. Zugleich drängt sich bei einem Mann wie Peter Ramsauer (CSU) als Verkehrsminister der Eindruck auf, dass der Bayer in einer ersten Übung zunächst mal sämtliche Geschwindigkeitsbegrenzungen auf deutschen Autobahnen aufheben wird ...
Der bisherige Kanzleramtsminister und enge Merkelvertraute Thomas de Maizière (CDU) hatte mit dem Finanzministerium geliebäugelt, nun ist er Innenminister. Das ist kein Nachteil, denn der in Bonn geborene Jurist kennt sich in beiden Metiers bestens aus. Zugleich prädestiniert schon seine Familiengeschichte Thomas de Maizière darüber hinaus für ein besonderes Engagement des verstärkten deutsch-deutschen Zusammenwachsens: Sein Vater Ulrich war Generalinspekteur der Bundeswehr, sein Cousin Lothar der letzte Ministerpräsident der DDR.
Nachfolger als Chef des Kanzleramts wird der bisherige CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla. Nicht zuletzt, weil der enge Merkel-Vertraute und ehrgeizige Jurist aus dem Wahlkreis Kleve ein besonderes Auge für den Mittelstand hat, darf man gerade im Rahmen einer schwarz-gelben Regierungskoalition sicherlich auch seine weitere Entwicklung auf dieser Position mit Interesse beobachten.
Vom Niederrhein stammt ursprünglich auch Annette Schavan (CDU), die Ministerin für Bildung und Forschung bleibt. So wie die Oberbayerin Ilse Aigner (CSU) als Ministerin für Kontinuität im Ressort für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz sorgt. Vielleicht als „Strafe" dafür, dass er das Ministerium für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit als überflüssig bezeichnete, wird der bisherige FDP-Generalsekretär Dirk Niebel nun der neue Chef dieses Ressorts. Konstruktiv gedacht, bekommt er damit zugleich Gelegenheit, über seine kritischen Bewertungen hier neuen Schwung zu entfachen und ein Plus an Effektivität zu entwickeln.
Trotz der geplanten Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken wird auch die schwarz-gelbe Regierungskoalition das Umweltministerium als ein künftiges Schlüsselressort betrachten. Vielleicht platzierte Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem Rheinländer Norbert Röttgen (CDU) hier deshalb einen weiteren engen Vertrauten.
Das unpopulärste Ministerium im zurückliegenden Jahrzehnt war das Gesundheitsressort. Hier folgt nun auf die pausenlos in der Kritik stehende Sozialdemokratin Ulla Schmidt mit Philipp Rösler ein promovierter Mediziner. Der 1973 in Vietnam geborene Liberale und frühere Bundeswehr-Stabsarzt zählt zu den größten Hoffnungsträgern der FDP, für die er unter anderem seit März 2006 in Niedersachsen den Landesvorsitz innehatte und seit Jahresbeginn niedersächsischer Wirtschaftsminister war.
Für den Wechsel nach Berlin gibt er außerdem den Posten des stellvertretenden Ministerpräsidenten von Niedersachsen auf - und man darf gespannt sein, ob Philipp Rösler auch Bewegung in die häufig als „bankrott" bezeichnete bundesdeutsche Gesundheitspolitik bringt. Im Prinzip ein „Himmelfahrtskommando", denn auf den Youngster im Kabinett Merkel II warten ganze Heerscharen von Gegnern. Und das sogar aus den eigenen Reihen.
Anders als Felix Magath auf Schalke kann Kanzlerin Angela Merkel im Bundeskabinett nicht ausschließlich nach Leistung aufstellen - auch wenn das vielleicht sinnvoll wäre. Die Regierungschefin muss zugleich politisch und im Rahmen von verschiedensten Fraktionsinteressen agieren und daraus dann das Beste machen. Angies Berufungen und Umstellungen erinnern dennoch in mancher Weise an Magaths Maßnahmen. Ob deshalb demnächst auch Medizinbälle durch die Kabinettssitzungen rollen, ist dabei weniger entscheidend. Mit Sicherheit wird es jedoch höchst interessant, in den kommenden Monaten die Auftritte des neuformierten Teams zu verfolgten.
H.G.