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03.05.2011 14:35 Uhr
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Die kulturelle Unterscheidung

"Der Mensch lebt nicht vom Brot allein" – der Ausspruch verweist auf ein Mehr, vielleicht ein Höheres, einen Sinn, auf etwas, das dem bloß Notwendigen abgerungen ist. Wäre dies das Kulturelle? Aber "Kultur ist, wie der Mensch lebt und arbeitet", konterte der Gewerkschaftsbund und bahnte damit den Weg, das mit Hoffnung besetzte Etwas, nennen wir es weiter das Kulturelle, aus den Sphären derjenigen, die sich das leisten konnten, herabzuholen in die derjenigen, die etwas leisteten.
 
 
 
Man braucht "kulturelles Kapital", um nach Oben zu kommen, mischte sich Bourdieu ein und verschob ein weiteres Mal die Bestimmung dessen, was Kultur und Kulturelles besagen könnten. Kein Zweifel, der Bereich des Kulturellen ist ein umkämpftes Terrain. Wohl dem, der sich darin behaupten kann.
 
Wolfgang Fritz Haug wagt sich in den Elementen einer Philosophie des Kulturellen an die Gliederung des vielfältig Umstrittenen, geht an die Wurzeln, untersucht Bedeutungsveränderungen und spürt die Verwalter des Kulturellen und ihre Nutznießer auf.
 
Der Weg geht zurück zu den "Ursprüngen" bis in die Ausgrabungen mit ihren Zeugnissen materieller Kultur, durchbricht das beredte Schweigen um Macht im Kulturellen, bis sie im Kulturbeutel vorüergehend Platz findet. Er spürt dem Schicksal des Kulturellen in der Welt der Waren bis zum Hightech-Kapitalismus nach.
 
Von Jeans zu Fitnesscentern, von den Jugendkulturen bis zu Gramscis Politik des Kulturellen beleuchtet das Buch, wie ein klarer Begriff des Kulturellen in den Kämpfen um Handlungsfähigkeit und um Sinn vonnöten ist. In diesem Feld wird um Freiheit gestritten, findet Herrschaft Eingang.
 
Das Buch ist von rigoroser Klarheit, wo es noch immer vom Vermächtnis der Aufklärung zehrt. Es ist unterhaltsam und voller Leben geschrieben, wiedererkennbar im Alltag. Lehrende, Kulturschaffende, Menschen in der Bildungsarbeit, in der Jugendarbeit, Journalisten, Philosophen, Sozialtheoretiker, Politiker, sie alle sind gut beraten, ihre Augen für das Feld des Kulturellen zu öffnen.
 
W.F. Haug
DIE KULTURELLE UNTERSCHEIDUNG
Elemente einer Philosophie des Kulturellen
336 Seiten · broschiert, 13,5 x 21 cm · 19,50 € [D] · ISBN 978-3-88619-409-4
 
 
 
Rezension:
Dieses Buch zeigt, dass Kultur keine leichte Lektüre ist. Es ist vielmehr die Auseinandersetzung mit dem was uns umgibt, uns zu dem macht was wir sind, ohne die Geschichte und das Alltägliche zu ignorieren.
Das Buch ist für all diejenigen geschrieben die sich mit Kultur auseinandersetzen und sie nicht zum Kult machen möchten. Die angesprochenen Betrachtungsweisen sind teils erschreckend und lähmend. Keine Massenhysterie wird hier proklamiert, sondern die Vernunft, die Sache zu verstehen. Wer das Buch gelesen hat, fühlt sich bereichert auf verschiedenste Weise. Der Arbeitsaufwand, die Anmerkungen und die Fußnoten zeugen von doktorantischer Diszipliniertheit, die darauf zielt, Gegenargumente und Einwände im Keime zu zermalmen.
 
Es ist die Betrachtungsweise eines vom Kulturgedanken getriebenen Autors, dessen Lebenserfahrung und Ansichten eine Generation beschreiben, die ihre kulturelle Befreiung durch die Auseinandersetzung mit den Wurzeln des Sozialismus erklären. (Fazit: Pflichtlektüre für alle im Kulturbereich Tätigen)
 
Atze Reich-Raprotzki

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