Mit dem aus acht Gemälden und Studien bestehenden Perseus-Zyklus von Edward Burne-Jones besitzt die Staatsgalerie Stuttgart seit 1971 ein Hauptwerk präraffaelitischer Malerei. Im Fokus der neuen Ausstellung stehen neben der Perseus-Folge große Erzählzyklen, so etwa die großformatigen, auf die Ornamentik des Jugendstils verweisenden Arbeiten zu Dornröschen oder die Tapisserien zu König Artus und den Rittern der Tafelrunde.
Mythen, Legenden und Sagen werden lebendig in diesen Bildern. Sie laden den Betrachter in eine stille Welt voller Schönheit und Harmonie ein, in der Schrecken und Gefahr gleichwohl unterschwellig anwesend sind.
Der Titel der Ausstellung „The Earthly Paradise - Das Irdische Paradies" charakterisiert
ein konzeptionelles Hauptanliegen des Malers: Sein gesamtes Werk kann als idealistischer
Gegenentwurf zum prosaischen, von den Auswirkungen der industriellen Revolution geprägten Alltag der spätviktorianischen Zeit verstanden werden.
Die Verbindung klassischer Stoffe mit mittelalterlichen Erzählformen kommt der persönlichen Vorstellung von Edward Burne-Jones von einer idealen Zeit - dem Irdischen Paradies - sehr nahe. So verbindet er in seiner Kunst Inspirationen aus Früh- und Hochrenaissance mit Versatzstücken eines imaginierten Mittelalters.
Die faszinierende Welt der Antike mit ihrer teilweise drastischen Erotik, Tragik und Brutalität wird durch das milde Licht einer weihevollen, von christlichen Idealen geprägten Zeit betrachtet. In seinen malerischen Zyklen zeigt der ehemalige Oxforder Theologie-Student Burne-Jones Menschen stets auf einer Art Pilgerreise.
Neue großzügige Ausstellungsflächen im Erdgeschoss der Alten Staatsgalerie geben Gelegenheit, Edward Burne-Jones zudem als Gestalter von Räumen vorzustellen. Dabei wird deutlich, dass für ihn die spezifische Atmosphäre als künstlerisches Ziel ebenso bedeutsam ist wie der Inhalt der jeweiligen Bilderzählung.
Edward Burne-Jones widmete sich neben der Malerei auch dem Kunsthandwerk wie der Glasmalerei und der Buchkunst. Er beeinflusste den französischen Symbolismus und den Jugendstil, geriet aber durch seinen Gegensatz zur klassischen Moderne nach seinem Tod weitgehend in Vergessenheit. Seit den 1970er Jahren erfährt er jedoch eine neue Würdigung und zählt heute zu den wichtigsten britischen Künstlern des 19. Jahrhunderts. Schirmherr der Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart ist Sir Michael Arthur, der britische Botschafter in Deutschland.
H.G.