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09.01.2010 10:42 Uhr

Schatztruhe Chemnitz füllt sich weiter: Lyonel Feininger macht sich in den Kunstsammlungen breit

Grüne Brücke, 1910
Chemnitz bleibt auf der Überholspur. Vor allem in Sachen ganz große Kunst geben die Sachsen weiter Vollgas. Der jüngste Coup, den die sympathisch umtriebige Generaldirektorin Ingrid Mössinger einfädelte: Eine der weltweit bedeutendsten Privatsammlungen des grafischen Werkes von Lyonel Feininger (17.7.1871-13.1.1956) wurde für die Kunstsammlungen Chemnitz erworben. 298 Druckgrafiken, Zeichnungen und Aquarelle des deutsch-amerikanischen Künstlers und Bauhaus-Granden sind ab sofort fester Bestandteil in den Ausstellungsräumlichkeiten von Deutschlands Kunst-Geheimtipp. Zu bewundern zunächst bis zum 10. Januar in der Ausstellung „Lyonel Feininger. Sammlung Harald Loebermann".

Das war selbst für „Generalin" Mössinger eine höchst aufwändige Schatzsuche. Zehn Jahre lang ließ die emsige Schwäbin hinter den Kulissen beherzt und ausdauernd die Fäden glühen und trug dank großzügiger Unterstützung letztlich einen weiteren imposanten Hort zusammen. Das einzigartige Feininger-Konvolut gibt einen umfassenden Einblick in alle Facetten des grafischen Werkes des deutsch-amerikanischen Künstlers und Bauhaus-Granden innerhalb eines Zeitraumes von 1910 bis 1955, von der Karikatur bis zum amerikanischen Spätwerk.

„Einen derartigen Glücksfall erleben zu dürfen, gehört zu den Sternstunden eines Museumsdirektors", schwelgt Ingrid Mössinger und zeigt sich dabei herzlich dankbar: „Dieses bedeutende Konvolut an Feininger-Werken in die bestehende Museumssammlung eingliedern zu können, löst eine überwältigende Dankbarkeit gegenüber all denjenigen aus, die das möglich gemacht haben: Staatsminister Bernd Neumann, Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien, Isabel Pfeiffer-Poensgen, Claus Friedrich Holtmann, Reiner Grimm und die Familie Harald Loebermann."


Brooklyn Bridge, 1953

Die Sammlung Harald Loebermann ist für das Grafik-Kabinett der Kunstsammlungen Chemnitz eine der wertvollsten Ergänzungen des Bestandes im Bereich der Klassischen Moderne und ein Höhepunkt der Ankaufsgeschichte des Museums. „Mit der Erwerbung der Sammlung Loebermann können die Kunstsammlungen Chemnitz, deren großer Bestand durch die Aktion „Entartete Kunst" 1937 stark dezimiert wurde, nun weiter an den einstigen Reichtum ihrer grafischen Sammlung anknüpfen. Ich freue mich sehr, dass die Kulturstiftung der Länder die Sammlung bei diesem wichtigen Baustein zur Erweiterung unterstützen konnte", sagt Isabel Pfeiffer-Poensgen, Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder.

„Die Kunstsammlungen Chemnitz stärken in außergewöhnlicher Weise den Kulturstandort Sachsen. Kein anderer Künstler von internationalem Rang setzte sich so intensiv mit Ost- und Mitteldeutschland auseinander. Chemnitz und Feininger mit Hilfe der Ostdeutschen Sparkassenstiftung gemeinsam mit der Sparkasse Chemnitz zusammenzubringen war daher eine Chance, die wir uns nicht entgehen lassen wollten", so Claus Friedrich Holtmann, Vorsitzender des Vorstands der Ostdeutschen Sparkassenstiftung.

Dem Nürnberger Architekten und Sammler Harald Loebermann (1923-1996) gelang es, über die Hälfte des qualitätvollen druckgrafischen Schaffens von Lyonel Feininger zu erwerben und durch mehr als 50 Aquarelle und Zeichnungen aus einem Zeitraum von 1910 bis 1955 zu ergänzen. Die Sammlung gehört damit zu der bedeutendsten des Künstlers weltweit. Besonders wertvolle Teile des Feininger-Konvolutes sind die zwischen 1918 und 1920 entstandenen zahlreichen Holzschnitte und die zwischen 1937 und 1955 entstandenen Aquarelle aus seiner Zeit in den Vereinigten Staaten.

Lyonel Feininger und den in Chemnitz geborenen Karl Schmidt-Rottluff verband eine jahrzehntelange Freundschaft. Daher ist es ein Glücksfall, dass so umfangreiche Konvolute beider Künstler in den Kunstsammlungen Chemnitz zusammentreffen. Im Alter von 16 Jahren kam Lyonel Feininger mit seinen Eltern aus Amerika nach Deutschland. Er sollte in Leipzig Violine studieren, um eine musikalische Laufbahn einzuschlagen. Mit fast 66 Jahren emigrierte er 1937 als anerkannter Künstler wieder in sein Geburtsland.

Dazwischen liegen Jahre der intensiven Suche nach seinem unverwechselbaren Stil, der im Allgemeinen als kristalliner Kubismus beschrieben wird und im Ausdruck zwischen Romantik, Realität und Vision vielschichtige Symbiosen bildet. Es gibt expressive und kubistische Stilelemente in seiner Kunst, aber auch fauvistische und futuristische Ausdrucksformen. 1919 wurde er von Walter Gropius als Meister der grafischen Abteilung an das Bauhaus nach Weimar berufen. Im selben Jahr schuf er das programmatische Titelblatt „Kathedrale" für das Bauhausmanifest.

Seine architektonisch gebauten Landschaften zeigen klar strukturierte Bildräume in ausgewogenem Wechselspiel von asymmetrischen und diagonalen Linien. Feininger ließ sich zeitlebens von Reiseerlebnissen und Begegnungen zu beeindruckenden Bildern inspirieren. Dazu gehören besonders Dörfer und Städte in Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Sorgfältig wählte Feininger für seine Arbeiten handgeschöpfte Büttenpapiere, Seidenpapiere sowie verschiedene hauchdünne Japan- und Chinapapiere aus. Die Verwendung von farbigen Papieren, kleinste Auflagen, vom Künstler zumeist per Hand vom Druckstock abgezogen, machen diese Werke zur grafischen Kostbarkeit.

Den von Ingrid Mössinger und Kerstin Drechsel herausgegebenen Katalog zur Ausstellung „Lyonel Feininger. Sammlung Loebermann" mit 329 überwiegend farbigen Abbildungen auf 296 Seiten sowie zahlreichen Beiträgen in Ausgaben in deutscher und englischer Sprache gibt es für 25 Euro.

Weitere Informationen unter www.kunstsammlugen-chemnitz.de

H.G.

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