Nizza Thobi ist eine Querdenkerin, eine Pendlerin und Vermittlerin zwischen den Welten und eine mit riesigem Forscherdrang ausgestattete Suchende, die alte Geheimnisse lüftet, komplizierte Rätsel löst - und sogar Tote wieder zum Leben erweckt. Allein das reicht schon, um von dieser Frau begeistert zu sein. Doch obendrein - quasi als Kirsche aufs feine Sahnehäubchen - gibt's dann auch noch ihre ganze spezielle Musik. Präsentiert von einer Stimme, die anregend rauchig und wunderbar sanft zugleich ist. Mit der eine Tauchfahrt in die Vergangenheit und im nächsten Moment eine Sternenreise in die Zukunft möglich scheint.
Ist es Folklore, was Nizza Thobi uns präsentiert? Vielleicht. Doch Nizza Thobi singt nicht einfach Lieder, sondern sie erzählt Geschichten - von wahren Ereignissen und tragischen Biographien. Und weil sie das überaus ernsthaft und mit aufwühlendem Tiefgang macht, steht Nizza Thobi kommerziellen Aspekten hier höchst sensibel gegenüber. Da distanziert sie sich sogar von populären jüdischen Klezmerklängen als instrumentaler Stimmungsmusik.
Schon seit über 30 Jahren ist Nizza Thobi in Deutschland etabliert. In den 1970ern zeigten sich renommierte Plattenlabels interessiert, die gutaussehende Israelin für Schlagerproduktionen zu gewinnen. Doch das Stimmwunder mit den iberischen Wurzeln tingelte lieber über Hamburger, Berliner und Münchener Kleinkunstbühnen und sah sich mehr als Liedermacherin statt als Mainstream-Surferin.
Auch diese Entscheidung ist mutig - wie so vieles in ihrem Leben. Geboren 1947 in Jerusalem am Fuße des Ölberges, kam sie bereits als Kind eng mit der deutschen Geschichte in Berührung, da etwa in der Schule die meisten ihrer Lehrer aus Deutschland stammten. Sie wunderte sich über die merkwürdigen Tätowierungen, die viele Erwachsenen auf dem Arm trugen - und erfuhr schließlich, dass die aus der Zeit der Konzentrationslager waren.
Konzentrationslager? Nizza Thobi verstand anfangs nicht, und lauschte gebannt den ungeheuerlichen Erzählungen der Leute. Schnell wurde ihr klar, dass diese Ereignisse untrennbar mit der Geschichte ihres Volkes verbunden sind und auf Dauer damit verbunden bleiben würden. Zugleich war sie fasziniert von der jiddischen Sprache, die zu etwa 70 Prozent deutsche Elemente besitzt. Sehr bald war ihr klar, dass sie später einmal unbedingt nach Deutschland wollte, um sich dort auf Spurensuche zu begeben.
Nach dem Studium der klassischen Gitarre in Jerusalem ging Nizza Thobi 1970 mit der Folkloregruppe „Sabra-Show" auf Welttournee und bekam anschließend ein Engagement als Solistin beim Musical „Hair" in Frankfurt am Main. Der erste Schritt Richtung Deutschland war damit gesetzt - und nun folgte die konsequente Blickrichtung Berlin: „Diese Stadt wollte ich sehen, zumal es damals wie Jerusalem eine geteilte Stadt war."
Später wurde dann ausgerechnet München ihre Wahlheimat - also die einstige Wiege des braunen Terrors, der so viel Elend über die Welt gebracht hat. Auch das passt zu der ausgleichenden, mutigen und charakterstarken Frau. Und letztlich war es die große Liebe, die Nizza Thobi in die bayerische Landeshauptstadt zog und mit der sie bis heute glücklich verheiratet ist.
Doch zurück zu ihrer außergewöhnlichen und jiddisch vorgetragenen Musik. Die Inhalte recherchierte Nizza Thobi zum Teil in jahrelangem Quellenstudium. Sie lebt ihre Texte und holt damit sogar lange Verstorbene ins Leben zurück. Denn: „Niemand, den man liebt, ist jemals tot", erkannte etwa Ernest Hemingway. Das Nichtvergessen ist hier ganz entscheidend.
Darauf bezog sich auch der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker, als er am 8. Mai 1985 zum 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges eine jüdische Weisheit zitierte: „Das Vergessenwollen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung." Dafür geht Nizza Thobi auf Spurensuche, und sie engagiert sich dabei zugleich als Mittlerin und verbindendes Glied zwischen der deutschen und jüdischen Kultur.
Alles vergeht, nur die Erinnerung besteht. Doch auch die verschwimmt mit der Zeit, wenn sie nicht sogar ganz verschwindet. Könnte man meinen. Nizza Thobi kämpft dagegen an. Mit ihrem Herzen und mit ihren Liedern. Der Erfolg ihrer Alben „Mir leben ejbig" und „Gebojrn in a sajdn hemdl" spricht für sich - und das neueste Werk „Ein Koffer spricht" könnte diesen Weg eindrucksvoll fortsetzen.
Der Koffer steht dabei als ein Symbol für Verlust und Vertreibung sowie zugleich für Bewahrung. Nizza Thobi kommentiert jedes Lied und portraitiert die Autoren, so dass das Publikum weiß, worum es geht. Das von ihr vertonte und den Titel gebende Gedicht „Ein Koffer spricht" etwa stammt von der jungen Mutter Ilse Weber, die gemeinsam mit ihrem jüngsten Sohn in Auschwitz ermordet wurde. Ebenso wie die österreichische Malerin Malva Schalek, deren Zeichnungen und Gemälde das Begleitheft illustrieren.
In Auschwitz ließ auch der erst 16-jährige Petr Ginz aus Prag sein Leben. Ein Gedicht von ihm mag einen Eindruck vermitteln: „Heute weiß gar unsre Trude, wer ein Arier und wer ein Jude. Ein Jude - um es gleich zu sagen - muss ein´ Stern auf seinem Mantel tragen." In dem Lied zählt er alle Verbote auf, die die jüdische Bevölkerung treffen und endet zynisch mit den Zeilen: „Einst durfte auch ein Menschenwrack besitzen Koffer, Korb und Tragesack. Davon gibt's heut keinen blassen Schimmer, aber ein Jude schimpft doch nie und nimmer. Nach Vorschrift lebt er so es geht, seine Zufriedenheit ist sehr stet."
Nizza Thobi klagt trotz solcher Texte niemals an. Sie erinnert und wühlt zugleich gewaltig auf. Ihre Musik besitzt den dafür nötigen Charme und Tiefgang - und sie ist zugleich eine Hommage an das Jiddische, das seinen Ursprung besonders im Mittelhochdeutschen hat und als eine besondere Fundgrube auch für jeden Germanisten betrachtet werden darf. Nizza Thobi ist eine Brücke, über die sich zwei im Grunde eng miteinander verbundene Kulturen neu begegnen können. Aufbauend auf wunderbaren Klangwelten.
Weitere Informationen unter www.nizza-thobi.com
H.G.