Start Kunst Literatur Musik Bühne Medien Leben Shop Kalender Kultur-Netzwerk Nachrichten
22.09.2009 21:37 Uhr
<< Zurück

„King of Classic“: Kurt Masur brachte den Fels Mendelssohn neu ins Rollen

Ohne Felix Mendelssohn Bartholdy (3.2.1809-4.11.1847) gäbe es keinen Johann Sebastian Bach (21.3.1685-28.7.1750) in der heutigen Form als weltweit überschwänglich verehrten Meilenstein der Musik. Was Mendelssohn für Bach, ist Kurt Masur für Mendelssohn. Es ist vor allem das faszinierende und ausdauernde Werk des Ehrendirigenten und jahrzehntelangen Kapellmeisters der Leipziger Gewandhausorchesters, der seinen unvergleichlichen Amtsvorgänger wie aus dem Nichts zum „King of Classic" aufsteigen ließ.

Elvis ist unbestritten der „King of Rock", sein Schwiegersohn Michael der „King of Pop". Ist Felix Mendelssohn Bartholdy der „King of Classic"? Kurt Masur lächelt leise auf diese Frage, ein kurzes Strahlen blitzt aus seinen Augen. Darf er inmitten einer wissenschaftlich geprägten Runde auf eine derart populäre Frage überhaupt antworten? Er wagt es mit einem leichten Nicken - so als wolle er sagen, dass er über eine solche Formulierung bislang weniger nachgedacht hätte, die Bezeichnung aber eindeutig angemessen und zutreffend ist.

Zuvor hatte er sich beim finalen Höhepunkt der einen Monat dauernden Leipziger Mendelssohn-Festtage 2009 anlässlich des 200. Geburtstags des Magiers und Machers darüber enttäuscht und sogar wütend gezeigt, dass aufgrund „störrischer Forscher" noch keine Mendelssohn-Briefausgabe vorliegt: „Eine solche nämlich würde jedermann ganz deutlich aufzeigen, welch überragende Genialität Mendelssohn besaß und was für eine unvergleichliche Ausnahmeerscheinung er war."

Die Mendelssohn-Renaissance setzte nahezu zeitgleich ein bzw. nahm wesentlich Fahrt auf, als Kurt Masur 1970 Gewandhauskapellmeister wurde. Auf die Frage, was der Zündfunke für sein immenses Engagement für Felix Mendelssohn Bartholdy war und ist, kann Kurt Masur kaum antworten - zumal sich die Frage bereits erübrigt, wenn man einen Blick auf die Vita von Maestro Masur wirft: Ganz klar, Mendelssohn und Masur sind Wesens- und Seelenverwandte. Da konnte der eine gar nicht anders, als den anderen zurück ins Licht zu führen.

Kurt Masur wurde am 18. Juli 1927 im schlesischen Brieg geboren. Mit 19 Jahren erfolgte die erste unmittelbare Tuchfühlung mit Vorbild Mendelssohn, als er quasi an dessen Hochschule für Musik in Leipzig von 1946 bis 1948 Dirigieren studierte. Masur brach das Studium jedoch ab - was nicht weiter schlimm war, da herausragende Geister gemäß der Ansicht des Philosophen Friedrich Nietzsche keine akademischen Ehren benötigen, um Besonderes zu leisten.

Bereits mit 21 Jahren begann Kurt Masur nun seine fantastische Weltkarriere am Landestheater Halle / Saale. Er hatte bereits einige beachtliche Stationen und wertvolle Erfahrungen hinter sich, als er 1970 als Chefdirigent der angesehenen Dresdner Philharmoniker ans ruhmreiche Gewandhaus Leipzig wechselte. Und dort trat er sogleich auch wieder in einen engen Dialog mit dem überragenden Geist von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Wer an Seelenwanderung glaubt, mag bis heute vermuten, dass Kurt Masur zwei innig miteinander harmonierende Seelen in seiner Brust vereint. Felix Mendelssohn Bartholdy führte das Gewandhausorchester einst in die Weltspitze - und Kurt Masur legte den Grundstein dafür, dass es dort trotz der jahrzehntelangen Aufteilung der Welt in zwei große Blöcke auch bis heute einen festen Platz hat. Und es war auch Kurt Masur, der trotz der klammen Finanzlage der DDR die Staatsführung dafür begeistern konnte, diesem Ausnahmeensemble wieder ein eigenes Haus zu bauen.

Wie sehr sogar muss er den Staatschef Erich Honecker fasziniert haben: Zwischen 1976 und 1981 jedenfalls entstand unter Einsatz gewaltiger Mittel ein Musentempel, der allein schon dank seiner phänomenalen Akustik nahezu einzigartig auf der Welt ist. Auch deshalb wirkt es auf den ersten Blick wie eine Ironie des Schicksals, dass gerade Kurt Masur - unter anderem neben dem „Academixer"-Kabarettisten Bernd-Lutz Lange - einer jener Handvoll Männer war, die am 9. Oktober 1989 durch ihr mutiges Auftreten dafür sorgten, dass die besonders heikle Leipziger Montagsdemonstration zwei Tage nach dem 40. Jahrestag der DDR-Gründung unblutig verlief und somit das Tor zum Mauerfall einen Monat später weit aufstieß.

Kurt Masur, der Wandler zwischen den Welten: Das war er immer, ohne dass daraus ein Widerspruch entstand. Auch hier zeigt sich seine faszinierende Nähe zu Felix Mendelssohn Bartholdy, der bei aller Liebe zu seiner deutschen Heimat stets ein glühender Europäer war. Und das zu einer Zeit, als die Patrioten energisch das Zepter ergriffen und der Nationalismus überall auf der Welt seinen verhängnisvollen Siegeszug antrat.

Von 1970 bis 1997 stand Kurt Masur knapp 30 (!) Jahre lang überaus erfolgreich als Kapellmeister an der Spitze des Gewandhausorchesters, dem er bis heute als Ehrendirigent eng verbunden ist und mit dem er im Laufe der Jahre fast 1.000 (!) umjubelte Tourneen zelebrierte. Kurt Masur ist wie Felix Mendelssohn Bartholdy ein Mensch der Superlative: Seine vielfältigen Aktivitäten und zahlreichen Auszeichnungen unterstreichen das.

Von 1991 bis 2002 wirkte er parallel zu seiner Tätigkeit als Gewandhauskapellmeister als Chefdirigent des New York Philharmonic Orchestra, von 2000 bis 2007 als Musikdirektor des London Philharmonic Orchestra, von 2002 bis 2008 als Musikalischer Leiter des Orchestre National de France in Paris. 1997 wurde Kurt Masur erster Ehrendirigent des Gewandhausorchesters Leipzig, bereits seit 1992 ist er Ehrengastdirigent beim Israel Philharmonic Orchestra.

Schon 1975 wurde Kurt Masur Professor an der Leipziger Hochschule für Musik „Felix Mendelssohn Bartholdy", die aus der von Mendelssohn 1843 als erstes deutsches Konservatorium für Musik gegründeten Einrichtung hervorging und seit 1972 auf Initiative von Masur auch den Namen des großen Gründervaters trägt.

1984 wurde Kurt Masur der Ehrendoktortitel der Universität Leipzig verliehen, am 26. Januar 1990 zählte er zu den Gründern der Kulturstiftung Leipzig und wurde deren erster Präsident. Im Jahr darauf gründete er die Internationale Mendelssohn-Stiftung, der die Wiederauferstehung der letzten Wohn- und Arbeitsstätte von Felix Mendelssohn Bartholdy in der Goldschmidtstraße 12 in Leipzig zu verdanken ist - und über die Leipzig zum internationalen Impulsgeber und Zentrum der Mendelssohn-Forschung wurde. Seit 1994 ist Kurt Masur außerdem Vorstandsmitglied der Deutschen Nationalstiftung. Dazu ist er Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste und der Akademie der Künste Berlin.

1972 musste der Vater von heute drei Söhnen und zwei Töchtern einen schweren Schicksalsschlag verkraften, als bei einem tragischen Verkehrsunfall unter anderem seine zweite Ehefrau Irmgard ums Leben kam. Ein Schatten, der ihn bis heute begleitet. Trotzdem fand er die Kraft für ein herausragendes Lebenswerk, das so vielen Menschen Freude und Inspiration verschafft - und an dem seine dritte Ehefrau, die japanische Sopranistin Tomoko Sakurai, großen Anteil hat.

Wie nicht anders zu erwarten, setzte der mittlerweile 82-jährige Maestro selbst den umjubelten Schlusspunkt der Leipziger Mendelssohn-Festtage 2009, die anlässlich des 200. Geburtstages von Felix Mendelssohn Bartholdy einen ganzen Monat lang die Creme des internationalen Musiklebens in Leipzig versammelten.

Gemeinsam mit dem Gewandhausorchester und dem MDR-Rundfunkchor sowie den Spitzensolisten Sophie Karthäuser (Sopran), Annette Markert (Alt), Jorma Silvasti (Tenor) und Thomas Hampson (Bariton) zelebrierte Kurt Masur in einer Welt-Uraufführung die neu editierte Hauptfassung des Elias-Oratoriums, des opus maximum von Felix Mendelssohn Bartholdy, das gemeinsam von der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig und vom Musikverlag Breitkopf & Härtel pünktlich zum Höhepunkt der weltweiten Geburtstagsfeiern im ersten von insgesamt fünf Bänden vorgelegt wurde.

Das optimale Finale eines berauschenden und ungemein anregenden Monats. Aus Sicht von Kurt Masur allerdings „nur" ein weiterer Meilenstein auf einem noch langen Weg, der sich seit mittlerweile knapp 40 Jahren hinzieht und bereits das halbe Leben des Maestros prägt.

Dann lächelt er ganz entspannt: „Es freut mich sehr, dass Felix Mendelssohn Bartholdy wieder ein fester Bestandteil in der Spitze der Musikwelt ist. Seine wahre herausragende Größe werden wahrscheinlich aber erst die kommenden Jahre ans Licht bringen. Und wenn ich bedenke, dass die 160 Bände der gewaltigen und alle Details offenbarenden Gesamtausgabe etwa 2047 abgeschlossen sein sollen, werde ich das nicht mehr miterleben. Das quält mich jedoch nicht. Es ist schön, ein Teil dieser Entwicklung zu sein."

Ein Teil? Der maßgebliche Motor, zweifellos. Und wie einst Felix Mendelssohn Bartholdy in Leipzig unter anderem das erste Denkmal für Johann Sebastian Bach weltweit auf den Weg gebracht hat, so stellte Kurt Masur hier unter anderem das erste Mendelssohn-Denkmal im Rahmen der Renaissance dieses Genies auf. Auch wenn das vielleicht die leichteste Übung in seinem unvergleichlichen Lebenswerk war.

H.G.

Kommentare

Newsletter abonnieren

Ihre EMail:
Ihr Vorname:
Ihr Nachname:

Freunden empfehlen

Weitere Artikel

Neuer Name, neuer Präsident und neues Aushängeschild Hoch her ging es am Samstag in der Leipziger Talstraße 10. Im Rahmen der Mitgliederversammlung wurde der Verein in „Grieg-Begegnungsstätte Leipzig e.V." umgetauft, mit Günter Neubert ein neuer Vereinspräsident gewählt, mit Prof. Dr. Hella Brock, die Vereinsgründerin und langjährige Präsidentin zur Ehrenpräsidentin ernannt, mit Norbert Molkenbur der ehemalige Schatzmeister des Vereins zum Ehrenmitglied gewählt und im Garten des Hauses eine Büste des großen norwegischen Komponisten enthüllt. [mehr]
Lieder ohne Worte: Glemser führt mit Mendelssohn ins Reich der Sinne Sinnlicher kann Musik kaum sein. Mit seinen „Liedern ohne Worte" hat Felix Mendelssohn Bartholdy (3.2.1809-4.11.1847) außergewöhnliche Klaviermusik geschaffen, die leicht bekömmlich und zugleich höchst anregend ist. Sie führt direkt ins Reich der Sinne und stimmt zutiefst nachdenklich. Zumal dann, wenn ein Ausnahmepianist wie Bernd Glemser sie zelebriert. [mehr]
Musikfestival Klassik für Kinder 2009 „Klassik für Kinder in Leipzig - was für ein wunderbarer und wichtiger Impuls für die junge Generation! Meine guten Gedanken begleiten dieses Musikfestival." Dies sagt Anne Sophie Mutter über das nun bereits zum vierten Mal stattfindende Musikfestival „Klassik für Kinder" in der Evangelisch-reformierten Kirche Leipzig. [mehr]

Diese Seite verlinken

Anzeige

Wettbewerb: Bild des Monats

Anzeige

Fotogalerien

Wettbewerb: Video des Monats

Kultur-Netzwerk Cafe