27.11.2009 09:40 Uhr

Musikstadt Leipzig: Beethoven-Klinger-Saal im Bildermuseum bereichert die Notenspur

Leipzig ist ein bemerkenswert vielseitiger Ort - und stieg im 19. Jahrhundert auch zu einer der weltweit führenden Musikstädte auf. Gewandhausorchester, Oper und Musikalische Komödie, Musikhochschule sowie Namen wie Johann Sebastian Bach, Felix Mendelssohn Bartholdy, Richard Wagner oder Robert und Clara Schumann sind nur die Spitze eines gewaltigen Berges, durch den die Musikstadt Leipzig bis heute herausragend ist. Das Projekt Notenspur macht die große musikalische Vergangenheit und Gegenwart deutlich sichtbar sowie leicht und spannend erlebbar. Mit einem Beethoven-Klinger-Saal im Museum der bildenden Künste bekommt diese Notenspur nun einen weiteren zentralen Erinnerungsort, der zudem die enge Verbindung zwischen Musik und bildender Kunst verdeutlicht.

Mit klarer Mehrheit sprachen sich die Teilnehmer einer Beethoven-Klinger-Werkstatt im Leipziger Museum der bildenden Künste (MdbK) für die Einrichtung dieses Saales an besonderer Stelle aus, um damit die engen Beziehungen des Komponisten Ludwig van Beethoven (17.12.1770-26.3.1827) zu Leipzig zu präsentieren und um dort zugleich in geeigneter Atmosphäre regelmäßig die Musik des Maestros erklingen zu lassen.

Die historischen Gebäude der Leipziger Musikverlage, in denen Beethoven wichtige Werke verlegt hat, sind ebenso nicht mehr erhalten wie die Leipziger Uraufführungsstätten. Die Leipziger Notenspur-Initiative hatte deshalb zu einer Werkstatt ins Bildermuseum eingeladen. Durch die Leipziger Notenspur wird die herausragende Leipziger Musiktradition mit ihren Erinnerungsorten verbunden und im Stadtraum erlebbar gemacht.

Bei der Werkstatt in Kooperation mit dem MdbK, der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy" (HMT) und Gewandhausmusikern wurden die Besucher gebeten, zwei Fragen zu beantworten: Vertieft die Musik Beethovens im Beethoven-Klinger-Saal den künstlerischen Eindruck? Welche Musik passt am besten zur Skulptur des aus Leipzig stammenden Bildhauers, Malers und Grafikers Max Klinger (18.2.1857-4.7.1920) und zur besonderen, durch einen hohen Nachhall geprägten Raumakustik?

Die Werkstatt mündete in ein klares Votum: Mehr als 90% der Teilnehmer sprachen sich in der Besucherumfrage dafür aus, an diesem Erinnerungsort regelmäßig Musik von Beethoven erklingen zu lassen. Die zweite Frage offenbarte die Erkenntnisse, dass Livemusik in ihrer Wirkung zwar nicht zu ersetzen ist - wie Musiker der HMT mit Beethovens Bläsersextett op.71 deutlich machten, dass aber auch Musik von der Tonanlage vertiefende Eindrücke erschließt, was allein durch Erläuterungen zu Beethoven und seiner Musik nicht möglich ist.

Empfehlungen wurden zudem für die Musikauswahl ausgesprochen: Als besonders geeignet werden dabei Stücke mit getragenen Tempi ohne starke Lautstärkekontraste angesehen - von feierlich über andächtig bis zu klagend und zerrissen, von sinfonischer Musik bis zu Kammermusik. Favorit ist der 2. Satz des 5. Klavierkonzertes, das 1811 im Leipziger Gewandhaus uraufgeführt wurde. Danach folgen dicht aufeinander in der „Spitzengruppe" die langsamen Sätze aus dem Streichquartett op.131, aus der 7. Sinfonie und dem so genannten Geistertrio op.70.

Diese Stücke passen nach Meinung der Werkstatt-Teilnehmer sehr gut zur Raumakustik mit ihrem großen Nachhall und erhalten durch die beinahe sakrale Klangatmosphäre eine geheimnisvolle Note. Zudem betrachten sie Beethoven nicht nur aus dem Blickwinkel Klingers, sondern eröffnen durch die Musik eine andere Sicht auf Beethoven. Sie ermöglichen durch den spannenden musikalischen Kontrapunkt ein vertieftes Gespräch zu und mit Beethoven.

Interessant für das Bildermuseum ist aber auch ein anderes Ergebnis: An der Beethoven-Klinger-Werkstatt nahmen nicht hauptsächlich Musikinteressierte teil. Die Mehrheit gab an, nur durchschnittlich an klassischer Musik interessiert zu sein und ein mindestens ebenso starkes Interesse für bildende Kunst zu hegen. Durch die von den Werkstattteilnehmern gewünschte Verbindung von bildender Kunst und Musik lassen sich also durchaus neue Zielgruppen ansprechen.

Aus diesem Ansatz ergaben sich Empfehlungen und Überlegungen, dass sich diese Musik-Kunst-Inszenierungen zu regelmäßigen Zeiten auch in Verbindung mit Reisegruppen oder Stadtführungen sehr eignen könnten. Also für ein Besuchersegment, das bisher kaum vom Bildermuseum erreicht wird. Zugleich ist es ein interessantes Extrabonbon für die vielen Touristen, die Leipzig wegen seiner herausragenden Musiktradition besuchen und die Musikstadt auf der Notenspur erkunden.

Da die Notenspur-Initiative bestrebt ist, ihre Angebote familienfreundlich zu gestalten, wurde zudem eine Beethoven-Kinderwerkstatt durchgeführt. Auch hier gab es einen positiven Grundtenor: Gelobt wurde die Möglichkeit, sich mit „Blick" auf Beethovens Musik und Klingers Skulptur selbst ausdrücken zu können in Gestik, Klängen und Malerei.

Allen Bedenken zum Trotz seien Kinder nicht überfordert mit Beethovens Krankheit und Verzweiflung. Umso mitfühlender nähmen sie Anteil daran, wie er durch seine Musik spricht und als ein fast tauber Mensch in seine Empfindungen auf dem Land und in der Natur einblicken lässt (6. Sinfonie, „Pastorale"). „So etwas sollte an diesem Ort mit Regelmäßigkeit gemacht werden, um Kindern - und Erwachsenen! - Musik nahezubringen", begeisterte sich ein Teilnehmer. Und ein anderer ergänzte: „Wie wäre es mit Musikunterricht zu Beethoven an diesem besonderen Ort?"

Weitere Informationen unter www.notenspur-leipzig.de

H.G.

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