Mirko Borscht hat die Schublade selbst aufgezogen. Die daraus resultierende Festlegung des 1971 in Cottbus geborenen Brandenburgers muss aber kein Nachteil sein. Wenn der Name Borscht also auf dem Spielplan steht, dann weiß man, was man kriegt. Das war bei seinem ursprünglich am Thalia Theater Halle inszenierten und in der Skala als kurzzeitigem Gastspiel angebotenen Gewaltexzess „Opferpopp" so und anschließend auch beim noch aktuellen und viel gelobten Zwei-Personen-Stück „Sweet Dreams" um Kindes-, Macht- und Vertrauensmissbrauch.
„Der Tag des Opritschniks" setzt diese auch in ihrer Brutalität und Absurdität an den amerikanischen Kult-Regisseur Quentin Tarantino erinnernden bizarren Bilderwelten in höchster Intensität fort. Schockierend und faszinierend zugleich, aufwühlend und verstörend, Furcht einflößend und Wut entwickelnd. Mirko Borscht lässt hier wie schon bei den beiden erwähnten Vorläufern die Bestie Mensch in ihrer ganzen teuflischen Vielfalt erscheinen: Da wird gemordet, gebrandschatzt, vergewaltigt, rollen Köpfe, werden ganze Familien gemeuchelt, Gedärme herausgerissen, abgeschnittene Finger verspeist - und immer alles für eine höhere totalitäre Macht.
Am Anfang spricht nicht der, aber immerhin ein Führer. Der wirkt wie von einem anderen Stern und doch ganz nah. Eine Zukunftsgeschichte aus der Feder des russischen Autors Wladimir Sorokin. Demnach wird Russland im nicht mehr fernen Jahr 2027 vom großen Gossudaren als eisernem Diktator regiert. Das Land ist gen Westen durch eine Große Mauer isoliert, zum Schutz vor Andersdenkenden. Für die innere Sicherheit sorgen die Opritschniki, wie einst schon bei Iwan dem Schrecklichen die Leibgardisten des großen Gossudaren, und sie überziehen das Land mit Angst, Terror und Tod.
Wir verfolgen einen Tag im Leben des Leibgardisten Andrej Komjaga. Ein Mann wie aus einem Olympiafilm von Leni Riefenstahl entsprungen, oder ein geklontes Element einer SS-Leibstandarte. Mit energischem Blick in einem Antlitz, das zugleich das Bedürfnis nach Anleitung beim Denken offenbart. Seine Befehle bekommt Komjaga direkt vom Ältesten der Bruderschaft der Opritschniki, den Andreas Keller diabolisch gut verkörpert.
Regisseur Borscht hat schnell gelernt, dass nackte Männer in Leipzig mittlerweile ein fester Programmpunkt sind und schickt gleich sieben auf einen Streich in die Spur. Nackt und mit religiösen Symbolen bemalt, flanieren die Jungs über die an einen Laufsteg erinnernde Bühne, die aber zugleich ein christlich-orthodoxes Kreuz nachempfindet. Mittendrin Emma Rönnebeck als große Gossudarin, in einem spektakulären Outfit nach einer Idee von Christian van Schijndel: Ein wilder Mix aus Zombie, geschändeter Marquise, Irokesenhäuptling, letztem Mohikaner und mystischer Urmutter mit Dutzenden von Brüsten.
Ist das wirklich Theater, was hier geboten wird? Egal! Die bizarre Bildgewalt packt ganz einfach, und dafür akzeptiert man sogar zweieinhalb Stunden Stehen. Sitzgelegenheiten gibt es höchstens ebenerdig auf dem nackten Boden. Doch das Bewegen im Raum und damit verbundene Perspektivwechsel können zusätzlich lohnenswert sein. Mit weit geöffneten staunenden Augen hockt eine junge Zuschauerin vor einem Aquarium, in das soeben die große Gossudarin gestiegen ist, um ein Bad zu nehmen - inmitten von abgeschnitten Köpfen und anderen frei treibenden Körperteilen.
„Ganz große Kunst, wenn man es so von unten betrachtet", schwärmt die junge Frau hinterher, während Dramaturg Johannes Kirsten beteuert, dass man bei der Entwicklung der Ideen keine das Bewusstsein erweiternde Hilfsmittel verwendet habe. Man sieht viele weit aufgerissene Augen und vor Staunen offenstehende Münder an diesem Abend. Das Geschehen inmitten des flankierend stehenden Publikums hat klar Besitz ergriffen von den Anwesenden.
So manches - was in keiner Weise schlimm ist - erinnert dabei an den großen Tarantino. Zum Beispiel: Gerade eben quält und fröstelt noch das bedrückend herrisch anmutende Gebaren der Sicherheitsschergen, und dann tanzen oder heulen die gleichen Männer plötzlich wie kleine Jungs. Schauriger Grusel wechselt hier regelmäßig ganz bewusst mit Klamauk, was die Lächerlichkeit von Wichtigkeiten unterstreichen mag.
Dann läuft plötzlich auch noch Schalke auf. Als Gazprom-Abteilung passt das durchaus ins Bild. Aber ist das Wrestling oder ein Europapokalspiel? Gegen St. Petersburg? Am Ende verliert Schalke, was vermuten lässt, dass die Idee noch aus der Zeit vor Felix Magath stammt. Nicht weniger skurril sind die Soldaten-Parodien, die zwischendurch auf die Bühne taumeln, um als gute Geister die von ihnen angehimmelten Opritschniki besorgt an ihre Pflichten zu erinnern. Oder die zunächst nicht näher identifizierbaren Mixturen aus Schaf und Mensch, die sich schließlich als domestizierte Deutsche erweisen.
Regisseur Borscht ist zweifellos ein Gewinn für Leipzig. Die Art, wie er der Gesellschaft den Spiegel vorhält, ist gewürzt mit sehr starkem Tobak. Ein bitterböser Humor, der nicht jedermanns Sache ist, aber sicher ins Schwarze trifft. Das passt zudem ausgezeichnet in den Kurs von „Theaterpirat" Sebastian Hartmann, dem Intendanten des Centraltheaters. Ganz starke Bilder, schräges Licht, Akteure in Hochform und ein morbider Sound krönen dieses Spektakel in der Skala, die hier zu einer Art Herzkammer der Finsternis wird. Erneut zu bestaunen und durchleben am 14. November inklusive anschließenden Publikumsgespräch und am 30. November jeweils um 20 Uhr.
H.G.