Der Leipziger Augustusplatz zählt zu den größten urbanen Plätzen in Deutschland. Den füllt man nicht so leicht mit Menschenmassen. Zum mittlerweile schon traditionellen Open-Air-Saisonstart des Gewandhausorchesters pilgerten dennoch ähnlich viele Besucher auf das weitläufige Areal wie zuletzt im Sommer 2006 beim Public Viewing während der Fußball-Weltmeisterschaft. Und sie sollten es trotz bedrohlich dunkler Regenwolken nicht bereuen.
Bereits das Vorspiel mit der Erstaufführung der „Royal Garden Music" von Carlo Boccadoro zelebrierte Kapellmeister Riccardo Chailly mit dem Gewandhausorchester in großer Besetzung als Hochgenuss. Dann stürmte Felix unwiderstehlich in die Herzen der Menschen - und selbst die dunklen Wolken verzichteten respektvoll darauf, den wunderbar entfalteten Klangteppich durch Regen aufzuweichen.
Das Auftaktkonzert zur neuen Saison war zugleich ein krönender und nicht zu überbietender Abschluss des „Internationalen musikwissenschaftlichen Kongresses Leipzig 2009", der vom 26. bis 29. August das Gros der weltweit führenden Mendelssohn-Fachleute im Gewandhaus zu Vorträgen und zum Gedankenaustausch über das kompositorische Werk und das künstlerische Wirken von Felix Mendelssohn Bartholdy zusammenführte. Gerade für sie dürfte der Samstagabend auf dem Augustusplatz Bestätigung und zugleich kräftige Motivation für ihr intensives Tun gehabt haben. Aber nicht nur für sie.
Den Auftakt des Topacts bildete die Konzertouvertüre „Die Hebriden" in der Londoner Fassung von 1832. Aus dem neuen, erstmals umfassenden und zum Auftakt des Kongresses bei Breitkopf & Härtel erschienenen Mendelssohn-Werkverzeichnis (MWV), das Dr. Ralf Wehner von der Mendelssohn-Forschungsstelle der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig in mehr als 15-jähriger weltweiter Forschungsarbeit entwickelt hat, erfahren wir dazu in allen Details die Hintergründe.
Wen es interessiert: Den Ausgangspunkt für die Komposition bildete der Landschaftseindruck bei Mendelssohns Besuch auf den Hebriden, einer schottischen Inselgruppe, im August 1829. Angesichts der Insel Staffa mit ihrer legendenumwobenen Fingals-Höhle notierte der damals 20-jährige Mendelssohn jenes charakteristische erste Motiv. Er tat das noch vor dem Besuch der Höhle - und das Motiv blieb während der gesamten dreijährigen Entwicklungsgeschichte der Ouvertüre konstant.
Die Frühfassung wurde Ende 1830 in Rom vollendet, die Endfassung dann in London - wo auch am 14. Mai 1832 die Uraufführung stattfand. Am 10. Januar 1833 erklang in Berlin die definitive Form zum ersten Mal. Die Zählung als Nummer zwei der Konzert-Ouvertüren erfolgte mit dem Partitur-Erstdruck 1835. Obwohl es in der Entstehungsgeschichte eine ganze Reihe von Titeln gab, plädierte Mendelssohn bei der Drucklegung im deutschsprachigen Raum für „Die Hebriden", während in England „The Isles of Fingal" gelten sollte. Noch mehr Details finden sich im MWV.
Aber zurück auf den Augustusplatz: Es kann anregend und hilfreich sein, ein paar Hintergründe zu kennen. Doch Mendelssohns Musik ist so herausragend und wunderschön, dass man sie auch einfach nur genießen kann. Auf „Die Hebriden" folgte das sensationelle 1. Klavierkonzert mit dem fantastischen Saleem Abboud Ashkar am Steinway-Flügel. Was für ein perfekt abgestimmter Sinnesschmaus, sinnlich und inspirierend zugleich.
Entsprechend euphorisch reagierte das Publikum. Schade eigentlich nur, dass der jung verstorbene Maestro nicht selbst den von ihm mitentwickelten Taktstock schwang und an das Stehpult trat, dessen Einführung er einst wesentlich vorantrieb. Immerhin aber hat Felix Mendelssohn Bartholdy mit Kapellmeister Riccardo Chailly einen exzellenten „Erben", der es mit original italienischer Leidenschaft immer wieder glänzend versteht, die Weltklassemusiker des Gewandhausorchesters zu Spitzenleistungen zu führen.
Die knapp zweistündige Saisonpremiere auf dem Augustplatz jedenfalls weckt reichlich Appetit auf eine großartige Spielzeit. Den zweiten Abschnitt des Open-Air-Auftakts bestimmte dann Modest Mussorgski. Erst mit „Eine Nacht auf dem kahlen Berge" in der Fassung von Nikolai Rimski-Korsakow und dann mittels seiner prächtigen „Bilder einer Ausstellung" in der Fassung von Maurice Ravel.
Zusammengefasst: Im Mendelssohn-Jahr 2009 und angesichts von Mendelssohn-Festtagen, die anlässlich des 200. Geburtstages des Maestros vom 21. August bis zum 19. September diesmal einen ganzen Monat füllen, lässt sich dieser herausragende Saisonstart des Gewandhausorchesters leicht als wunderbarer Sommernachtstraum beschreiben. Auch wenn dieser vermeintlich größte Hit von Felix Mendelssohn Bartholdy diesmal nicht gespielt wurde. Doch bereits am Sonntag, dem 6. September, kann man ihn wieder ihm Großen Saal des Gewandhauses genießen. Vorgetragen dann beim Gastspiel des Orchestre des Champs-Élysées unter Philippe Herreweghe im Rahmen der Mendelssohn-Festtage.
Weitere Informationen unter www.gewandhaus.de, www.mendelssohn-2009.de und unter www.mendelssohn-haus.de
H.G.