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17.10.2009 21:25 Uhr
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Geballte Ladung: Kafka und der Besuch der alten Dame

Foto: R.Arnold/CT
Es ist einiges bemerkenswert an diesem Freitagabend im Centraltheater Leipzig - obwohl das aus Sicht der Experten gar nicht so sein dürfte. „Der Prozess" von Franz Kafka wird gegeben, einstudiert von Interimsregisseur Sebastian Hartmann in kaum zwei Wochen. Das ist nicht nur für Hartmann selbst ungewöhnlich, sondern gilt auch allgemein als nicht zu schaffen. Jedenfalls nicht bei Kafka. Doch die Akteure steigern sich zunehmend in einen höchst intensiven Spielrausch und das Publikum rast vor Begeisterung.

Doch das ist längst noch nicht alles. Der große Saal des Centraltheaters ist prall gefüllt bei dieser nunmehr dritten Aufführung des Stückes. Und zu mindestens 80 Prozent sind es junge bis blutjunge Leute, die da gekommen sind. Auch das ist beinahe schon phänomenal. Zur Erinnerung: Vor einem Jahr trat Sebastian Hartmann neu als Intendant in seiner Geburtsstadt Leipzig an. Mit dem klaren Auftrag aus dem Rathaus, endlich auch mal wieder ein paar jüngere Semester ins große Haus zu locken.

Das scheint in kürzester Zeit glänzend gelungen zu sein. Mittendrin zwischen all den Youngstern sitzt Frau H. Die will sich über Kafkas Herrn K. endlich mal selbst ein klareres Bild von Leipzigs neuem Theaterzauber machen. All die jungen Menschen um sie herum nimmt die 84-Jährige mit leuchtenden Augen wahr - und ist zugleich beruhigt, dass immerhin auch noch ein paar Leute dazwischen sitzen, die wenigstens schon die 60 überschritten haben dürften.

Die Vorzeichen für Kafkas „Prozess" standen denkbar schlecht, als der schwedische Regisseur Emil Graffman kurz vor der Premiere plötzlich hinwarf und sich Intendant Hartmann schließlich gezwungen sah, selbst die Regie zu übernehmen. Man begann also rund zwei Wochen vor der Premiere total von vorn - und Hartmann setzte zugleich auf das Rezept, das zu Jahresbeginn schon „Eines langen Tages Reise in die Nacht" zu einem Knüller werden ließ: Weitreichende Improvisation.

Das ist nicht nur mutig von Sebastian Hartmann, sondern beweist auch sein großes Vertrauen in sein exzellentes Ensemble. Prima - und die Akteure nehmen es auch dankend an. Egal, ob nun wunderbare Routiniers wie Berndt Stübner oder Matthias Hummitzsch, der an diesem Abend seinen 60. Geburtstag feiert, oder die ausgezeichneten Anna Blomeier und Sarah Sandeh, der starke Holger Stockhaus, der ungemein wandlungsfähige Andreas Keller oder Ass Guido Lambrecht in der Titelrolle des Herrn K.

Es ist die perfekte Mischung aus dem höchst lebendigen Spiel der Akteurinnen und Akteure, den fein eingestreuten Musikelementen, dem großartig getimten Licht und nicht zu vergessen dem tief in den Raum greifenden und zugleich die Kulisse beängstigend verengenden Bühnenbild mit harten rot-weißen Kanten und Ebenen. Das alles zusammen ergibt ein Wellenbad der Gefühle, das das Publikum tief ins Geschehen und zugleich auch in die eigenen Gedankenwelten eintauchen lässt.

Für Frau H. ist dieser „Spaziergang" mit Herrn K. ein Bühnenerlebnis, wie sie es im Grunde noch nicht kannte. Dabei war sie in den zurückliegenden sieben Jahrzehnten häufig im Theater, wie die 84-jährige Leipzigerin später beim Publikumsgespräch erwähnt. Sie habe eine Menge großartiger Inszenierungen etwa in Berlin, im Nationaltheater Weimar und auch in Leipzig zum Beispiel im Alten Theater am Brühl, das im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, genossen. Selten aber sei sie so hingerissen gewesen von den Darstellerinnen und Darstellern: „Das war ungemein intensiv. Sie haben das Gezeigte wahrhaftig vorgelebt. Das war mehr als gespielte Illusion. Da schwappte etwas ins Publikum über und nahm Besitz von einem. Ich bin begeistert."

Wertvolle Seelenmassage für ein starkes Ensemble, das bislang gerade bei manchen reiferen Besuchern noch auf wenig Gegenliebe stößt. Sarah Sandeh jedenfalls war darüber so entzückt, dass sie spontan quer durch den Raum lief und Frau H. innig herzte. Die alte Dame will auch wiederkommen, schon gleich zur Premiere von Tschechows „Kirschgarten" am 12. November. Früher geht nicht, weil sie da noch in die Oper, ins Gewandhaus, in die Operette und ins Kabarett „muss".

Durch das Beispiel von Herrn K. fühlt sich Frau H. indes bestärkt, auch künftig nicht so viel auf die Aussagen von Meinungsmachern zu hören, sondern sich lieber selbst ein Bild zu entwickeln: „Der Sebastian Hartmann ist ein gewecktes Kerlchen. Und ich denke, ich kann das beurteilen."

Wie geweckt - oder je nach Landschaft auch aufgeweckt - dieses Kerlchen ist, zeigt bereits der Gesamtspielplan des Centraltheaters Leipzig. Dort hat man sich quasi unter der Prämisse des „Prinzips Hoffnung" nahezu komplett den Themen „20 Jahre Mauerfall", „Deutsche Einheit" und „Demokratie" verschrieben. Klar, in ganz spezieller Form, weshalb auch schon der Saisonauftakt mit dem „Germania Song" des Duos SIGNA ausgezeichnet passte.

Was aber die Hoffnungslosigkeiten eines Franz Kafka (3.7.1883-3.6.1924) gemein haben sollen mit dem „Prinzip Hoffnung", das Kafkas fast auf den Tag genau zwei Jahre jüngerer Zeitgenosse Ernst Bloch (8.7.1885-4.8.1977) in den 1950er Jahren in Leipzig publizierte? Sicherlich eine ganze Menge. Denn das „Prinzip Hoffnung" hat weniger mit Abwarten, Däumchendrehen und glücklichem Zufall zu tun als mit visionärer Kraft, festem Glauben an die Zukunft und entschlossenem Tatendrang.

Der in der „Einheitskanzler-Kohl-Stadt" Ludwigshafen geborene Bloch erwächst quasi aus dem gebürtigen Prager Kafka, dessen Heimatstadt ebenfalls so viel mit Leipzig und dem „Wind of Change" von vor 20 Jahren zu tun hat. Zeigt Kafka denn bloß Hoffnungslosigkeit auf - oder mahnt er vielmehr an, diese Hoffnungslosigkeit durch hoffnungsvolle Visionen, mutige Entschlüsse und beherzte Tatkraft zu überwinden? Genau darauf zielt Blochs „Prinzip Hoffnung" aber ab - und genau auf diese Weise kam es 1989 / 90 zur Friedlichen Revolution.

Eines aber sollte über all diese Ereignisse nicht vergessen werden: 2010 ist auch der 250. Todestag von Friederike Caroline Neuber (9.3.1697-29.11.1760), der Urmutter des modernen deutschen Theaters. Auch sie hat interessanterweise von Leipzig aus gewirkt und hier unter anderem im Kampf gegen zu viel Werktreue ein modernes anspruchsvolles Theater entwickelt. Dabei setzte sie verstärkt auf junge Talente und zog vor allem ein junges Publikum in ihren Bann. So wie es gerade jetzt auch wieder am Centraltheater Leipzig geschieht. Ob man an Wiedergeburt glauben soll ...?

H.G.

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