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13.11.2009 08:58 Uhr
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Tschechows Spagat: „Stöhnt nur, Ihr Arschlöcher!“

Foto: R. Arnold/CT
Theater im Theater im Theater. Regisseur Sebastian Hartmann treibt die Dinge gerne auf die Spitze, und das tut der Intendant des Centraltheaters Leipzigs wie selbstverständlich auch im „Kirschgarten" von Anton Tschechow. Ein Feuerwerk über vier Stunden, das auch deshalb zündet, weil die exzellenten Akteure über gewaltiges Stehvermögen verfügen. Doch Hartmann nimmt sich nicht nur Zeit für gesellschaftliche Kritik, er kreiert zugleich auch eine besondere Hommage an Tschechow mit einem Querschnitt durch dessen Gesamtwerk.

Als hätte Anton Tschechow (29.1.1860-15.7.1904) den Lauf der Geschichte bereits im Jahr1900 vorausgesehen: Seine tragische Komödie „Der Kirschgarten" passt perfekt in die Thematik von 20 Jahre Mauerfall, schwierigem Einheitsprozess und „Prinzip Hoffnung". Hier wie dort geht es um den schwierigen Spagat zwischen Erinnerungskultur und Innovationsfreude. Irgendwie klar also, dass „Der Kirschgarten" zu einer Art Schlüsselspiel avanciert, wenn die genannten Themen in der Einheitswiege Leipzig im Grunde zwangsläufig die Saisonschwerpunkte bilden.

Ursprünglich hatte Sebastian Hartmann den „Kirschgarten" gar im Paket mit Heinrich Heines „Deutschland. Ein Wintermärchen" inszenieren wollen, nahm davon aber frühzeitig wieder Abstand. Eine im Nachhinein sicherlich auch deshalb glückliche Entscheidung, da der Intendant zwischenzeitlich in einer Blitzaktion ungewollt auch noch Franz Kafkas „Prozess" stemmen musste und dabei wertvolle Zeit fürs Kirschenpflücken verlor.

Schon aufgrund der Premierenterminierung drei Tage nach dem 20. Jahrestag des Mauerfalls durfte etwas Besonderes erwartet werden. In der Konstellation mit Sebastian Hartmann sowieso - und auch der für die „Obstlese" verantwortliche Chefdramaturg Uwe Bautz verriet vorab durch die sichtbare Spannung hinter seinem verschmitzten Lächeln, dass hier eine große Nummer in Anmarsch ist.

Die einmal mehr von Susanne Münzner raffiniert gestaltete Bühne passt nur auf den ersten Blick nicht so richtig in die Erwartungshaltung gegenüber der aus dem nahen Borna stammenden Ausstattungsleiterin. Denn der Betrachter fühlt sich spontan etwa an eine „Novoferm"-Werbung erinnert: Ein eleganter Bungalow im Hollywoodstil inklusive Garage und dominierendem Rolltor. Dahinter dürfte ein roter Ferrari lauern - doch es ist dann plötzlich nur ein roter Lada.

Wie so Vieles in diesem gesellschaftskritischen Stück überraschende Wendungen nimmt und das Bühnenbild mehr und mehr zur Persiflage wird. Wenn nach fast vier Stunden das ganze Gebilde dann langsam gedreht wird und das Publikum quasi hinter den „schönen" Schein der Kulisse blickt, dann ist das ein starkes finales Bild mit einer deutlichem Aufforderung zum Handeln. Doch der Reihe nach.

Erleben wir hier wirklich den „Kirschgarten"? Sicherlich, der steht klar Pate. Doch Sebastian Hartmann zeigt mehr, ein Tschechow-Kaleidoskop. Ergänzt durch eine Philosophiestunde, die manchen längeren Monolog bringt, vor allem aber wieder ganz starke Bilder und musikalische Liveacts, mit denen Steve Binetti das Sahnehäubchen unter die Titelkirsche schiebt.

Der imposante Bilderbogen gelingt auch, weil Adriana Braga Peretzki ein erstklassiges Gespür für wunderbare Kostüme hat. Und das insgesamt 13-köpfige Ensemble führt diese nicht nur vor, sondern sprüht vor Spielfreude, glänzt von der ersten bis zur letzten Minute mit einer atemberaubenden Intensität, beweist ungemein hohes Stehvermögen und hat dann sogar noch Reserven für den rasanten Endspurt.

Anfangs sitzen sie noch ganz ruhig an der langen Tafel, wie einst die Jünger mit Jesus beim Abendmahl. Im Garten des Anwesens, mit Blick auf die herrlichen uralten Kirschbäume. Doch das Unheil naht bereits und allen ist klar, dass die Idylle ein bald vergangener Traum ist. Keiner mag es aber wahrhaben. Alle reden zwar viel und engagiert, doch nicht miteinander, sondern aneinander vorbei.

Die Anwesenden sind verwandt und verschwägert, doch sie sind nur scheinbar eine Familie. Es sind allesamt Egomanen, auf der vergeblichen Suche nach dem eigenen Ich. Klamauk geht über in burleske Szenen und wechselt dann in beinahe apokalyptische Bildsequenzen. Eine manisch-depressive Community lässt sich durch oberflächliches Partygehabe treiben. Mit ganz starken Einlagen, in denen die Akteure bis an ihre Grenzen gehen. Regisseur Hartmann kreiert immer wieder auch seine packenden Bilder im Bild, weshalb sämtliche Akteure pausenlos im Fokus stehen. Wie viele 1.000 Kalorien und wie viele Kilo Gewicht verlieren sie wohl an diesem Abend?

Egal ob da nun drei Schwestern miteinander hoffen, ein Onkel über die Welt nachdenkt, eine Dame mit dem Hündchen neckt, ein Kirschgarten vom Wandel der Zeit bedroht ist, sich zwischendurch eine eher langweilige Geschichte entspinnt, hoch über allem permanent eine Möwe zu kreisen scheint oder ein Duell in einer wüsten Schießerei mündet: Sebastian Hartmann liefert hier mit hinterher umjubelten Spitzenspielern ohne Unterbrechung Volldampf und lässt in der Halbzeitpause vorsichtshalber Ohrstöpsel verteilen.

Es wird nicht nur bei der erwähnten Schießerei lauter, die aber reicht einem betagten Gast als Startsignal: „Stöhnt nur, Ihr Arschlöcher!", grüßt er noch gut vernehmbar Richtung Bühne, bevor er den Saal verlässt. Es bleibt der einzige Flüchtling an diesem Abend. Eine Inszenierung, die an die Substanz geht - auch wegen manch unbequemer Wahrheiten und Erkenntnisse.

Die Aufstellung - mit dickem Kompliment an famose Akteure: Rosalind Baffoe, Maximilian Brauer, Artemis Chalkidou, Manuel Harder, Thomas Lawinky, Paul Matzke, Ingolf Müller-Beck, Hagen Oechel, Peter René Lüdicke, Lore Richter, Holger Stockhaus, Birgit Unterweger, Jana Zöll.

H.G.

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