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15.06.2011 09:23 Uhr
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DJs kleines Sprachbrevier

Discount-Journalismus und Rieseninsel

Auch in dieser Ausgabe setzen wir unsere Reihe fort: Unser Mitarbeiter Jens Petersen liest kritisch, was ihm so ins Haus flattert. Alle Zitate wurden wörtlich inkl. "Rechtschreibung" übernommen.

Fundort "ACELenkrad", Mitteilungsorgan des AutoClub Europa. Da wird Deutschland deutlich größer gemacht. Unter "Bauboom auf Sylt" informiert uns die Redaktion über rege Bautätigkeit auf der Schicki-Micki-Insel: "Acht neue Hotels mit rund 700 Inseln entstehen in den kommenden Jahren auf Deutschlands viertgrößter Insel." Aha. Was ein Riesenprojekt...

Und ein hiesiges Wochenblatt entwickelt sich immer mehr zu einer meiner Lieblingslektüren. Hier ein kleines Beispiel: Wieder ist es Autor L., seines Zeichens gelernter Bauzeichner, der sich gemeinsam mit einer "Journalisten"-Kollegin ja auch schon erste Meriten als Buchautor erworben hat. Papier ist bekanntlich geduldig. Sein Artikel bezieht sich auf eine geschichtsträchtige Veranstaltung in Schleswig.

"Zahlreiche Besucher erlebten am vergangenen Wochenende rund um dem historischen Rathaus eine Zeitreise ins Mittelalter. Zum zweiten Mal veranstaltete, Holger Rohde von ‚Tross und Trubel', und Matthias Barkmann, das mittelalterliche Markttreiben hinter den Kulissen vom Graukloster(...) Er hatte für den Bürgermeister zum Dank, auch ein Geschenk mitgebracht(...) Anschließend gingen sie gemeinsam über dem Marktplatz(...) Simon und Laif (?), waren mit ihren Eltern...gekommen, um selbst ein Lederbeutel herzustellen. Die Spielleute(...) musizierten ihre eigenen Kompositionen. Große Begeisterung beim Publikum waren die Gerichtsverhandlungen(...) Sie folgt den aerodynamischen Gesetzen, die einst Da Vinci, der sein Leben der Kunst der Forschung, Philosophie und dem Ingenieurwesen widmete,"

Hier endet der Text des bedauernswerten Autors, bei dem wohl irgendein letztendlich auf ewig ungenannt bleibender Lektor, vielleicht war's ja auch ein Layouter, die Schere angesetzt und den Text bis kurz vor die absolute Unkenntlichkeit verstummelt hat.

"Rund um dem historischen Rathaus...": Schon während ich dies abschreibe, umpuschelt mein Textverarbeitungsprogramm das Ganze mit wohltuend sanften, grünen Kringeln (haben andere Benutzer keine Rechtschreib- oder Grammatikkorrektur?). Bitte bitte, liebe Zeitungs-, oder wahlweise auch Wochenblattmacher dieser Welt, gönnt mir meinen Akkusativ! Rund um das historische Rathaus - war das jetzt so schwer?

Und welcher Teufel reitet den Kollegen L., hinter "veranstaltete" und vor "Holger Rohde" ein Komma zu setzen? Was soll der Beistrich vor dem "und"? Warum hinter dem Namen Barkmann noch ein Komma? Die neue Rechtschreibung vereinfacht die Zeichensetzung zweifelsohne. Aber sie tut dies, indem sie so manches Komma überflüssig macht - und nicht, indem sie zusätzliche Kommata verlangt.

Auch wenn man über den Marktplatz geht, kann man auf den Dativ verzichten. Das geht - probieren Sies aus! Darüber, ob der Name Laif existiert, bin ich wirklich nicht informiert. Möglicherweise gibt's ihn tatsächlich. Sicher ist aber Eines: Ich stelle Lederbeutel im Akkusativ her, und da das Genus des Lederbeutels nicht sächlich, sondern maskulin ist, stelle ich eben doch einen her.

Und wenn ich musiziere, dann tue ich das ohne Objekt, just for fun, wie man neudeutsch sagen würde.
"Große Begeisterung waren die Gerichtsverhandlungen". Das muss man erst mal sacken lassen. Was will uns der Autor hier sagen? Man ist sicher geneigt, der Intention des Schöpfers dieser Zeilen zu folgen - allein, will man das auch? Es ist die Reduktion auf das Wesentliche, die hier die Interpretation prägt.

Allzu billig wäre das Ersetzen des "waren" durch "weckten". Also: Wo ist in diesem Satz das Subjekt? Ist es die "Begeisterung"? Das Wort steht im Singular und passt somit nicht zur Verbform im Plural. Demnach müssen es die "Gerichtsverhandlungen" sein. "Die Gerichtsverhandlungen waren große Begeisterung". Hmmm. Das ist jetzt nicht leicht.

Und nur kurze Zeit später wird Kollege L. für mich endgültig zum Kultautor. Im besagten Wochenblatt berichtet er unter der Schlagzeile "356. Jahrefest der Lollfußer Beliebung" vom Jahresfest der Beliebung. Auch im Text dürfen wir uns wieder über ein kniffliges Interpretationsrätsel freuen: "Bereits am Freitag begann das diesjährige Jahresfest mit einer Kranzniederlegung auf dem Michaelisfriedhof der die Toten gedacht wurde." Dann setzt er gleich noch einen drauf und berichtet vom "Platzkonzert mit dem Feuerwehrmusikzug... und des Spielmannszuges der Bugenhägenschule." Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod...

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