Oberliga, das war im deutschen Fußball mal die höchste Spielklasse. In der alten Bundesrepublik bis 1963, in der DDR bis zu deren Ende und noch ein knappes Jahr darüber hinaus bis Sommer 1991. Seitdem hat sich einiges verändert - und steht die einst wohlklingende Oberliga heute nur noch für die fünfte Liga.
Normalerweise verfolgen hier - wie meistens auch in der klassenhöheren Regionalliga - lediglich ein paar hundert Rentner die Partien. In Leipzig ist das anders. Da pilgern ganze Familien ins Zentralstadion und versammeln sich 15.000 Menschen, wenn der Klassiker „Chemie" versus Lok steigt. Klar, denn immerhin muss der erfahrene Opa - der die besseren Fußballtage allesamt noch live erlebt hat - doch den eigenen Enkeln deutlich machen, welche „Religionsgemeinschaft" für sie die richtige ist.
Es hat viele Jahre gedauert, dass die Fans in Leipzig ihren liebsten Klassiker mal wieder in einem Punktspiel erleben konnten. Da geriet die Qualität der Liga zur Nebensache, ebenso wie das Resultat von 0:0. Dafür kamen Erinnerungen wieder hoch - und auch das neue „Schreckgespenst" Red Bull, das sich seit ein paar Wochen anschickt, diese beiden Traditionsclubs vor Ort als Platzhirsch zu überflügeln und Richtung Bundesliga zu galoppieren. Sehr gut wissend, welch riesige Fußballtradition allein schon der Name Leipzig in sich birgt.
Blicken wir zurück: Am 28. Januar 1900 wurde im Leipziger Gasthof „Mariengarten" in der heutigen Büttnerstraße, Ecke Querstraße der Deutsche Fußballbund gegründet. Drei Jahre später wurde der VfB Leipzig - hervorgegangen aus der „Spielabteilung" eines der ältesten und bedeutendsten deutschen Turnvereine, des ATV 1845 Leipzig, und den Sportbrüdern von 1893 - erster Deutscher Meister und gewann diesen Titel auch 1906 und 1913. Da waren viele der heutigen Spitzenclubs noch nicht mal gegründet.
Mit dem VfB, der SpVgg. Leipzig sowie Wacker und Fortuna Leipzig konnte die Messemetropole bis 1945 gleich vier klanghafte Namen auf der großen deutschen Fußballbühne präsentieren. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden jedoch überall in Deutschland die Vereine aufgelöst und dann erst nach und nach wieder zugelassen. In der späteren DDR etablierten sich derweil anstelle der alten Clubs neue Sportgruppen (SG).
Aus dem ruhmreichen VfB wurde die SG Probstheida, die bald darauf erst in Betriebssportgemeinschaft (BSG) Erich Zeigner und etwas später in BSG Einheit Ost umbenannt wurde. Parallel dazu entstanden auch wieder zwei starke Stadtrivalen - mit der Kasernierten Volkspolizei (KVP) Vorwärts und der Zentralen Sport Gemeinschaft (ZSG) Industrie, in der die westlichen Vororte Leipzigs und hierbei unter anderem die Nachfolger der einstigen SpVgg. Leipzig zusammengefasst wurden. Ab dem 16. August 1950 firmierte die ZSG Industrie dann als BSG Chemie und wurde bereits ein Jahr später durch ein 2:0 im Entscheidungsspiel gegen die punktgleichen Erfurter DDR-Meister. 1952 folgte Platz drei, 1954 immerhin die Vizemeisterschaft.
1954, dem Jahr als die Bundesrepublik erstmals Fußball-Weltmeister wurde, kam es zu einigen Neuerungen im Leipziger Fußball. Das Team von Vorwärts wurde nach Berlin verlegt und aus der BSG Einheit Ost wurde der Sportclub (SC) Rotation. Am 5. September 1954 wurde schließlich zudem Leipzigs Zugpferd BSG Chemie in SC Lokomotive umbenannt.
Um ein neues Spitzenteam zu kreieren, erfolgte im Juli 1963 der Zusammenschluss des SC Rotation und des bis dahin meist erfolgreicheren SC Lokomotive im Sportclub Leipzig. Dem so genannten „Rest von Leipzig" gab man in der wiedergegründeten BSG Chemie in Leipzig-Leutzsch eine neue und zugleich bestens vertraute Heimat. Unter dem exzellenten, aber in der politischen Führung wenig beliebten Trainer Alfred Kunze wurde der „Rest von Leipzig" 1964 prompt DDR-Meister, mit 35:17 Punkten und 38:21 Toren vor dem SC Empor Rostock (heute Hansa) mit 33:19 Punkten und 40:23 Toren sowie dem Sportclub Leipzig (32:20).
Die Rechnung der Oberen in Leipzig war also durchaus aufgegangen - allerdings etwas anders als gedacht. Am 20. Januar 1966 wurde die Fußballabteilung des Sportclubs dann wieder selbstständig und in 1.FC Lokomotive umbenannt. Nach Platz drei 1966 wurde das Team 1967 hinter dem FC Karl-Marx-Stadt (Chemnitzer FC) immerhin Vizemeister, stieg 1969 dann aber als Tabellenletzter sang- und klanglos in die DDR-Liga ab.
Im Sommer 1963 also wurde die seitdem liebevoll gepflegte Legende des leidenschaftlichen Kampfes des tapferen Underdogs Chemie gegen den vermeintlich etablierten Ortsrivalen begründet. Ein spannendes Stück deutsche Fußballgeschichte, das rund 25 Jahre lang zu den Highlights der DDR-Oberliga zählte - und auch nach der politischen Wende mit der neuen Deutschen Einheit intensiv gelebt wird.
Chemie, das sich nach der Fusion mit Chemie bzw. FSV Böhlen seit dem 1. August 1990 FC Sachsen nennt, versank nach der Wende in den Niederungen des deutschen Fußballs. Die Verantwortlichen des 1.FC Lok erinnerten sich derweil an die große alte Marke VfB und nahmen am 1. Juli 1991 diesen klangvollen Namen an. 1993 gelang prompt der Aufstieg in die 1. Bundesliga. Ein letzter Höhepunkt, dem zwei Insolvenzen und 2004 schließlich die Auflösung des Vereins folgten.
Weil die große Fangemeinde sich damit aber nicht abfinden wollte, gründeten Anhänger im gleichen Sommer ihren Verein als 1.FC Lokomotive neu. Unter Volldampf rauschte die neue Lok von der untersten und 11. Spielklasse bis in die Oberliga, wiederholt mit mehr als 10.000 Besuchern bei den Heimspielen. Auch das zeigt: In Leipzig schlummert ein riesiges Potenzial und herrscht ein immenser Hunger auf Fußball.
Die Oberliga Süd des Nordostdeutschen Fußballverbandes (NOFV) steht 2009 / 2010 im bundesweiten Fokus und dürfte vom Publikumsinteresse her die aufregendste Oberligasaison in der Geschichte des deutschen Fußballs präsentieren. Fast könnte man von einer Leipziger Stadtliga reden. Tabellenführer nach drei Spieltagen ist jedoch mit neun Punkten Germania Halberstadt - und reist am nächsten Sonntag um 13.30 Uhr zum „Gipfel" beim Zweitplatzierten RB Leipzig ins Markranstädter „Brausebad" von Hoffnungsträger Red Bull.
H.G.