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02.10.2009 20:52 Uhr
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25. Todestag: Die kurze Karriere der „Ur-Manuela“ Hertha Thiele – und ihr spätes Comeback

Mit „Der Blaue Engel" wurde 1929 Marlene Dietrich zum Star. Ein Jahr später strahlte auch der Stern von Hertha Thiele (8.5.1908-5.8.1984) weltweit und leuchtend hell vom Firmament. Dass der gebürtigen Leipziger letztlich keine ähnliche Glanzkarriere beschieden war, mag auch daran liegen, dass sie keinen Mentor und Manager wie Josef von Sternberg an ihrer Seite hatte.

Die Hauptrolle als Manuela von Meinhardis in „Mädchen in Uniform" von Christa Winsloe machte Hertha Thiele weltberühmt. Damit schaffte sie zunächst bei der Uraufführung des Theaterstücks am 27. November 1930 in Leipzig, wo sie zwei Jahre zuvor mit Krankheit der Jugend" von Ferdinnad Bruckner debütiert hatte, den Durchbruch als Schauspielerin.

Nachdem das Stück in Leipzig noch unter dem Titel „Ritter Nérestan" erfolgreich inszeniert wurde, kam es im Jahr darauf unter dem alternativen Titel „Gestern und Heute" in Berlin auf die Bühne - und wurde dann in der Verfilmung als „Mädchen in Uniform" ein internationaler Kassenschlager, der bei Produktionskosten von 55.000 Reichsmark weltweit 6 Millionen Reichsmark einspielte und als weltweit bester Streifen des Jahres 1931 gefeiert wurde.

Hertha Thiele spielte erneut die Rolle der Manuela, die gleichaltrige Dorothea Wieck (3.1.1908-19.2.1986) die Lehrerin Fräulein Elisabeth von Bernburg. Der Deutsche Film rangierte damals qualitativ auf Augenhöhe mit Hollywood, doch während die Nazis Deutschland anschließend in den Abgrund führten, eroberten die Amerikaner den Weltmarkt.

„Mädchen in Uniform" zählt zu den Meilensteinen der deutschen Filmgeschichte, und die attraktive und höchst begabte Hertha Thiele setzte gleich nach: Bereits 1932 glänzte sie in dem Klassiker „Kuhle Wampe" über die schwierigen sozialen Lebensverhältnisse der Arbeiter und kleinen Angestellten in der weiblichen Hauptrolle als Anni neben Ernst Busch als Annis Bräutigam Fritz. Das Drehbuch stammte von Bertolt Brecht, die Musik von Hanns Eisler.

Eine Glanzkarriere zeichnete sich ab für Hertha Thiele. Die filigrane Blondine war von ihrer Erscheinung her irgendwo zwischen der zwei Jahre älteren Brigitte Helm („Metropolis") und der 1905 geborenen „Göttlichen" Greta Garbo anzusiedeln. Anders aber als die eingangs erwähnte Marlene Dietrich (27.12.1901-6.5.1992) fehlte Hertha Thiele ein fähiger und einflussreicher Gestalter wie Josef von Sternberg - und das hoffnungsvolle Pflänzchen verkümmerte, als sich der braune Schatten des Nationalsozialismus über Deutschland legte.

Es ist beinahe paradox: In „Mädchen in Uniform" wurde Hertha Thiele in ihrer Rolle als Manuela eingetrichtert, dass in einer von Mitläufern beherrschten Welt Querköpfe aussortiert werden. Genau ein solcher kritischer Zeitgeist aber war Hertha Thiele: Den Nazis bot sie von Beginn an die Stirn, lehnte von ihnen angebotene attraktive Filmrollen ab und ließ sich sogar von ihrem erst 1932 geheirateten Ehemann Heinz Klingenberg scheiden, weil der die Hauptrolle in dem Nazi-Streifen „SA-Mann Brand" spielte.

Gedankt wurde Hertha Thiele diese außergewöhnliche Charakterstärke nie. Sie emigriert 1937 in die Schweiz, heiratet dort einen Einheimischen und geht mit ihm 1949 in die Deutsche Demokratische Republik. Kritische Persönlichkeiten sind aber auch im geteilten Nachkriegsdeutschland nicht gefragt. Nicht in der Bundesrepublik und auch nicht in der DDR - wo man ihr als „Westimport" zusätzlich skeptisch begegnet.

Sie fasst als Schauspielerin nicht wieder Fuß und geht zurück in die Schweiz. Doch Hertha Thiele gibt nicht auf und wagt 1966 einen zweiten Versuch, der ihr schließlich Rollen an den Theatern in Magdeburg und in ihrer Heimatstadt Leipzig einbringt. Bis 1979 ist sie zudem Ensemblemitglied des Deutschen Fernsehfunks und wirkt in kleineren Rollen in TV-Serien mit.

Kurz vor ihrem Tod scheitert ein letztes Projekt - „Die Runde des Lebens" mit einer Westberliner Filmemacherin. „Ich möchte gerne", sagt Hertha Thiele, „wenn es mir noch gelingt in meinem Leben, einen Kurzfilm drehen. Der fast wortlos ist, wo ich allein Musik höre und Bilder sehe und dazu ganz verstreute Dinge rede, die mir gerade einfallen. So sieht nämlich die Runde des Lebens aus."

Als ihren Lieblingsfilm bezeichnete Hertha Thiele „Anna und Elisabeth" von Frank Wysbar. Darin spielte sie 1933 auf dem Höhepunkt ihres Ruhms noch einmal mit ihrer kongenialen Partnerin Dorothea Wieck aus „Mädchen in Uniform" zusammen. Und erneut ging es um eine erotisch gefärbte Frauenfreundschaft, die einmal mehr an den gesellschaftlichen Konventionen scheitert.

Hertha Thiele ist Leipzigs berühmteste Schauspielerin - und eine beherzte Frau mit außergewöhnlicher Zivilcourage zudem. Im prall gefüllten „Stadtlexikon Leipzig von A bis Z" des Vereins und Verlags Pro Leipzig taucht vier Mal der Name Thiele auf. Allesamt beziehen sich auf Männer, Hertha findet keine Erwähnung.

H.G.

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