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02.10.2009 20:28 Uhr
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Centraltheater Leipzig: Die Wende im Blick

Eine ästhetische Wende wurde im Centraltheater Leipzig bereits im Sommer 2008 eingeleitet. Nun folgt intensiviert die Auseinandersetzung mit der „richtigen" Wende im Herbst 1989. Da Leipzig die Wiege der neuen deutschen Einheit ist, hat das Centraltheater hier sogar eine besondere Verpflichtung der kritischen Auseinandersetzung und Analyse der Ereignisse von vor 20 Jahren und deren weiterer Entwicklung. Dieser Herausforderung stellt sich Intendant Sebastian Hartmann mit seinem Team vehement, pointiert und auf breiter Front.

Wohin die Reise geht, unterstrich gleich der zehn Tage lang mitreißend, mystisch verklärt und mit einem ständigen Hauch von Magie inszenierte Auftakt „Germania Song", den das gefeierte Duo SIGNA in den Hallen, Treppenhäusern und Nischen des Centraltheaters überaus eindringlich und anregend zugleich installierte.

Ähnlich fantasiebegabt wie Signa Sørensen und deren Ehemann Arthur Köstler ist Centraltheater-Hausphilosoph Guillaume Paoli. Ein Theaterphilosoph - schon das ist einzigartig in der deutschsprachigen Bühnenlandschaft. Doch es passt perfekt hinein in dieses Genre, wenn man denn in guter Uralttradition menschliche und gesellschaftliche Entwicklungen analysieren und für eine persönliche Auseinandersetzung damit sorgen will.

Guillaume Paoli macht das seit einem Jahr interessant unter anderem mit seiner „Prüfgesellschaft für Sinn und Zweck". Zum aktuellen Saisonstart kam noch eine „Philosophische Praxis" hinzu, die wöchentlich Einzel- und Kleingruppen-„Behandlungen" anbietet. Und am Vorabend des 20. Tages der deutschen Einheit gestaltet Hausphilosoph Paoli gemeinsam mit dem Ensemblemitglied Manuel Harder nun am 2. Oktober um 18 Uhr beginnend am Haupteingang des Centraltheaters einen „Rezessionsrundgang" durch Leipzig, der für die zurückliegenden sowie gegenwärtigen und künftigen Entwicklungen sensibilisieren soll.

Am „Tag der deutschen Einheit" selbst steigt dann am 3. Oktober um 19.30 Uhr in der Regie von Intendant Sebastian Hartmann Franz Kafkas „Der Prozess" als ausgesuchte Sezierung der nationalen Gegenwart und ihres Werdegangs in den zurückliegenden 20 Jahren. Das passt perfekt, zumal in Erinnerung der Worte, die Chefdramaturg Uwe Bautz bereits Anfang 2009 äußerte: „Das Thema Mauerfall und Wiedervereinigung wird gerade in Leipzig besondere Gewichtung haben. Wir wollen dabei aber nicht simpel in die allgemeinen Lobeshymnen und Kritiken einstimmen, sondern suchen einen eigenen und tiefsinnigen Weg."

Die einstigen Kammerspiele des großen Hauses, die heute „Skala" heißen, sind entsprechend gestartet: Durchweg gesellschaftliche Analysen der deutschen Gegenwart und Geschichte stehen auf dem Programm, das mit Christa Winsloes „Mädchen in Uniform" begann. Ein Stück, das 1930 in Leipzig uraufgeführt wurde und sich nun in der Regie der jungen Mareike Mikat so eng wie noch nie an den Absichten der Autorin anlehnt.

Am Donnerstag, dem 15. Oktober, startet um 19.30 Uhr auf der großen Bühne des Centraltheaters dann unter der Regie von Thomas Thieme „Büchner / Leipzig / Revolte". Man erinnert sich: Am 27. August 1824 fand auf dem Leipziger Marktplatz gegenüber dem Hauptportal des Alten Rathauses die letzte öffentliche Hinrichtung statt. Delinquent war der 44-jährige und in Leipzig geborene Johann Christian Woyzeck, dessen Fall zuvor über Jahre für großes juristisches, gesellschaftliches und politisches Aufsehen gesorgt hatte.

Der junge Dramatiker und Revolutionär Georg Büchner (17.10.1813-19.2.1837) griff das Thema im Sommer 1836 literarisch auf. Büchners „Woyzeck" wurde später zu einem der eindringlichsten deutschen Bühnenstücke. Wobei es bei der Inszenierung „Büchner / Leipzig / Revolte" vor allem aber gehen soll: Eine Auseinandersetzung mit der Ohnmacht des Einzelnen, „Woyzeck", über einen „Hessischen Landboten" als Anstiftung zum Aufruhr bis hin zum Fatalismus im Revolutionär und die Rechtfertigung revolutionärer Gewalt in „Dantons Tod" - um auf diese Weise vielleicht eine Antwort zu entwickeln auf die Besonderheiten jener friedlichen Revolution, die mit der Leipziger Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 ein prognostiziertes Blutbad vermied.

Das Centraltheater Leipzig bietet in der Spielzeit 2009 / 2010 ein Programm, das Stück für Stück individuell betrachtet werden kann - ganzheitlich zugleich aber einen Rahmen rund um die 20. Jahrestage von Mauerfall und Deutscher Einheit spannt. Mit viel Geschick und auch schon deshalb höchst beachtlich.

H.G.

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