| << Zurück | 11.01.2010 12:14 Uhr |
Die Aufstellung liefert keine Überraschungen, ist erwartungsgemäß: Der markante Hagen Oechel gibt souverän den Abräumer, also all die Bösen, was zugleich ein bisschen schade ist. Hätte durchaus auch interessant sein können, ihn mal als Winnetous bezaubernde Schwester Nscho-tschi zu sehen. Dann hätte er außerdem wieder - wie zuvor schon in „Don Juan" - prächtig Doppelpass mit Manuel Harder spielen können, der als Old Shatterhand aufläuft. Nscho-tschi bleibt so aber wie selbstverständlich Anita Vulesica vorbehalten, während Martin Brauer als sehr realistischer Winnetou zum Zuge kommt. Täuschend echt auch Holger Stockhaus als Winnetous Vater Intschu-tschuna, wobei er zwischendurch aber auch sehr überzeugend in die Rolle von Sam Hawkens in der Sixties-BRD-Version wechselt.
Rainald Grebe als beschaulicher Weichspüler? Das mag man kaum glauben. Da, endlich. Grebes Taktik - die ist konträr zur Formation sehr überraschend. Den schillernden Liedermacher gibt es an diesem Abend nicht, der Comedian kommt nur ganz gelegentlich zum Einsatz. Grebe macht diesmal vor allem Theater. Oder besser: Er beschäftigt sich damit. Was auf den ersten Blick häufig wie Kitsch und Klamauk erscheinen mag, ist tatsächlich eine bitterböse Satire auf die Welt der Werktreuen und das gemeine Sprechtheater. Grebe, Du Fuchs!
Die erste halbe Stunde wird sogar fast nur gesprochen bzw. gelesen. Vor einer an die 1960er und 1970er Jahre erinnernden Holzvertäfelung sitzen sie da, die Akteure - und wirbeln dabei bereits beim Öffnen der alten Klassiker reichlich Staub auf. Den dann das Publikum schlucken muss, so als hätte es danach vehement verlangt.
Die rheinische Frohnatur Grebe ist äußerst populär im mitteldeutschen Raum. Und der 38-Jährige gibt diese Zuneigung auch ebenso herzlich zurück, indem er seine Beobachtungen der Menschen und ihrer Gepflogenheiten liebevoll überzeichnet. Demaskierend, aber nicht verspottend. Seine Inszenierung zeigt pünktlich zum 20. Jahrestag von Mauerfall und Wiedervereinigung aber auch, dass die Deutschen in Ost und West während der 40-jährigen Teilung gar nicht so unterschiedlich gelebt und gefühlt haben, wie uns das sonst immer beharrlich vorgegaukelt wird. Rainald Grebe zeigt uns stattdessen die Wirklichkeit, mit Hilfe von Karl May.
Vergessen wir nicht: In den 1960er Jahren überzog eine gewaltige Flut an altbundesrepublikanischen Karl-May-Verfilmungen mit Pierre Brice und Lex Barker in den Hauptrollen und DEFA-Indianerfilmen mit Gojko Mitic an der Spitze die diversen Teile Deutschlands und löste eine riesige Wildwest- und Indianereuphorie aus. Freizeitparks, Freundeskreise und Trachtengruppen sowie reichlich unterschiedlichen Themenclubs entstanden. Und die bevorzugten Faschingskostüme rekrutierten sich überwiegend aus Cowboy-und-Indianer-Liebeleien.
Klein-Rainald etwa hätte jederzeit bequem ins nahe „Phantasialand" Vergnügungstouren unternehmen können, doch diesbezüglich nahm Familie Grebe zweifellos größere Anstrengungen auf sich und pilgerte bevorzugt in das als Westernstadt konzipierte „Fort Fun". Als Rainald Grebe 1971 geboren wurde, hatte die Winnetou-Welle gerade ihren Höhepunkt erreicht. Und wie eng der Regisseur mit dem Schriftsteller Karl May verbunden ist, verdeutlicht auch eine Videoeinspielung, in denen die Eltern Grebe Hauptdarsteller sind.
Da bekennt sich „Vatter" Grebe zunächst bedingungslos zum May-Jünger und stimmt anschließend ein wildes Indianergeheul an. Mutter Grebe lächelt dazu vielsagend verklärt - so als würden bestimmte Erinnerungen hellwach. Und der Theaterbesucher darf daraus durchaus schlussfolgern, dass sich ähnliche Szenen auch knapp zehn Monate vor Rainalds Geburt abgespielt haben.
Rainald Grebe sagt es nicht direkt, aber macht uns mit diversen Anspielungen unmissverständlich klar: Karl May ist sein Patenonkel! Der „kölsche Karnevalsprinz", an den er auch während der „Karl-May-Festspiele" im Leipziger Centraltheater immer wieder erinnert, bezeichnet die Inszenierung deshalb auch als eine Art Selbsttherapie. Klar, das bezieht er nicht allein auf sich, sondern aus den bereits genannten Gründen auf die gesamte Nation bzw. das Publikum.
Dazu passt auch das Finale. Da malt Regisseur Grebe ein letztes interessantes Bild: Als die Hauptdarsteller längst die Bühne verlassen haben, gehen 20 Laien-Indianer in Stellung und stehen da wie eine Wand. Ganz vorne an der Rampe blicken sie würdevoll ins Publikum, mit dem Rücken zur mittlerweile etablierten Wildwest-Kulisse, aber deutlich die Bühne einnehmend. Jeder der Akteure zwischen 20 und 60 Jahre darf ein Statement abgeben, und auch Baggerführer Frank aus „Braune Kohle" ist dabei.
Die Szene erinnert zunächst ganz banal an eine Sequenz aus einer längst vergangenen Fernsehshow. Doch es lässt sich deutlich mehr herauslesen: Es sind die Menschen, also das Publikum, für die die Bühne gemacht ist. Theater findet demnach nicht zum Selbstzweck oder überwiegend für einen kleinen geschlossenen Kreis statt. Es bezieht die Menschen ein und lässt sie mitwirken - egal ob direkt oder indirekt, geistig oder sogar physisch. Situationen werden aufgezeigt und Fragen gestellt, die Antworten aber muss - oder besser: darf - jeder für sich allein oder in reger Diskussion mit anderen finden.
Ein würdiges Finale eines bemerkenswerten Spiels, dem auch die Eltern Grebe live im Publikum beiwohnten. Vielleicht wurde Sohn Rainald deshalb zumindest einmal richtig sentimental und stolperte sogar kurz vor Rührung, als er seine Eltern vorstellte und den Vater bat, sich zu erheben. Das unterstrich zugleich die Ernsthaftigkeit, mit der Rainald Grebe sich seinem „Patenonkel" Karl May vorab genähert hatte.
Karl May ist durchaus eine Art tragischer Held. Der gebürtige Sachse zählt definitiv zu den meistgelesenen und einflussreichsten deutschsprachigen Schriftstellern - und ist nicht nur deshalb auch ein bisschen so wie Friedrich Schiller: Beide litten lange unter großen finanziellen Schwierigkeit, beide beschrieben und fantasierten viel, ohne selbst viel von der Welt gesehen zu haben, beide sind Menschenfreunde und Versöhner der Kulturen, beide sind beim Publikum überaus beliebt.
Die Liste ließe sich noch fortsetzen, doch interessant ist auch ein markanter Unterschied: Schillers Dichtung wird als besonderes Bildungsgut eingestuft, Mays Werke dagegen als Trivialliteratur abgewertet. Berechtigt? Dazu gibt es zum Teil stark unterschiedliche Ansichten, die es an dieser Stelle jedoch nicht näher zu ergründen gilt. Auffällig bleibt jedoch der Umgang von Rainald Grebe mit seinem Karl May. Grebes Leipziger Inszenierung, die im Kern und als Rahmen die Ereignisse aus „Winnetou I" erzählt, ließe sich auch als Bühnenfassung einer sehr speziellen Karl-May-Biographie bezeichnen. Wir erkennen einen Autor, der die Massen begeistert und bewegt - und sich dabei mehr und mehr in den eigenen Fantasien verliert.
Das wirkt zuweilen absonderlich, nicht selten gepaart mit reichlich Situationskomik, aber nie lächerlich. Schließlich mag man sich wiederholt auch selbst erkennen. Ist das ganze Leben nicht ein großer Selbstbetrug? Wenigstens aber in einigen Punkten? Verdrängt man nicht das eigene und das wirkliche Leben, wenn man sich in Fantasiegebilde begibt? Dazu passt auch die Erfahrung von Grebe-Spezi Klaus-Dieter Werner, der feststellen musste, dass er viel mehr über indianische Kultur weiß, als die von ihm verehrten Indianer selbst ...
Rainald Grebe begegnet allen deutschen Indianerfreunden und ihren liebevollen Beschäftigungen mit einer zunächst fremden Kultur respektvoll. Seine „Karl-May-Festspiele" lassen zugleich aber auch Anregungen und Rückschlüsse zu, sich ergänzend oder alternativ dazu viel beherzter und aktiv mit der Wirklichkeit und der Gegenwart zu beschäftigen. Man kann über solche Interpretationen also zu dem Schluss kommen, dass der vermeintliche Klamauk eine höchst lebendige Philosophiestunde ist.
Oder besser noch: Eine Aufforderung zum Handeln, zum Mitmachen, zum Ablegen von Schönfärberei und Selbstbetrug. Anita Vulesica macht das sehr eindringlich deutlich, als sie eine Videoeinspielung aus „Winnetou I" stoppen lässt, da sie dort nostalgisch die herrlichen Landschaften ihrer kroatischen Heimat erkennt. Dann erinnert sie sich an die Gräuel und Nachwirkungen des jüngsten Balkankrieges, der genau diese Landschaft und die dort lebenden Menschen bis heute prägt. Sie erzählt über ein paar persönliche Erlebnisse und auch von Schicksalen einstiger Karl-May-Komparsen in diesem Konflikt. Mit Kitsch und Klamauk hat das rein gar nichts zu tun.
Insgesamt betrachtet ist es nicht nur der wiederholte Szenenapplaus, der Rainald Grebe Gewissheit gibt, dass ihm mit den „Karl-May-Festspielen" eine bemerkenswerte Inszenierung am Centraltheater Leipzig gelungen ist. Sie ist kaum vergleichbar mit seinem vorherigen Publikumserfolg „Klimarevue" an gleicher Stelle. Grebe vollzieht hier einen Wandel, dem Respekt gebührt. Ohne die „Klimarevue" damit abzuwerten: Die „Karl-May-Festspiele" haben deutlich mehr Gehalt, und hier bleibt wahrlich eine Menge haften. Und Patenonkel „Scharlih" - wie Winnetou es liebevoll sagen würde - hätte auch seine Freude daran.
Demnächst wieder am 30. Dezember sowie am 23., 27. und 31. Januar jeweils um 19.30 Uhr.
H.G.
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