Normalerweise berichten eine Handvoll Medien über das Geschehen am Centraltheater, wo seit einem Jahr der junge Intendant Sebastian Hartmann für Furore und zum Teil heftige Diskussionen sorgt. Über die jüngste Inszenierung „Büchner / Leipzig / Revolte" lassen sich nun aber gleich dutzendweise Journalisten aus ganz Deutschland aus. Und selbst dem „Kicker" ist es eine Meldung wert.
Dass die Fußball-Fachleute aus Georg Büchner (17.10.1813-19.2.1837) Buchner machen, sollte man gelassen nehmen. Immerhin schoss der junge Hesse keine Tore - und schrieb nicht mal Sportberichte, sondern verfasste revolutionäre Schriften und gilt als einer der bedeutendsten deutschen Dramatiker. Was allerdings mit Fußballdramatik nichts zu tun hat, wenn auch Fußball und Theater häufig eine erstaunlich große Wesensverwandtschaft aufweisen.
Demnach ist es vielleicht gar nicht so verwunderlich, dass Jimmy Hartwig den Weg vom Rasen auf die Bühnenbretter fand. Seine größte Zeit als Fußballer erlebte der gebürtige Offenbacher zwischen 1978 und 1984 an der Seite von Stars wie Kevin Keegan, Felix Magath, Horst Hrubesch, Uli Stein oder Manfred Kaltz im Dress des Hamburger SV. Mit dem HSV wurde der heute 55-Jährige 1979, 1982 sowie 1983 dreimal Deutscher Meister und gewann er außerdem am 25. Mai 1983 in Athen durch einen Treffer von Felix Magath mit 1:0 gegen Juventus Turin den Europapokal der Landesmeister, die heutige Champions League.
Im Theater überzeugt Hartwig, der zwischen 1991 und 2008 dreimal an Krebs erkrankte, seit 2002 mehrfach und stets in enger Zusammenarbeit mit Thomas Thieme. Der 1948 in Weimar geborene Mime zählt zu den herausragenden deutschen Film- und Theaterstars und widmet sich aktuell offenbar mit Vorliebe dem Themenkomplex Mauerfall, Einheit und Demokratie - wie etwa mit der Leipziger Inszenierung von „Büchner / Leipzig / Revolte" und dem ZDF-Doku-Fernsehfilm „Der Mann aus der Pfalz", in dem Thieme den Einheitskanzler Helmut Kohl darstellt.
Thieme sagt über den sechs Jahre jüngeren Hartwig, dass er „die Kraft eines Stieres und die Seele eines kleinen Jungen ha." Genau so erlebte man Jimmy früher auch schon auf der deutschen und europäischen Fußballbühne. Der Offensivgeist wird wahrscheinlich immer der sympathische Hessenbub bleiben - und macht in Leipzig als Woyzeck wie schon 1990 als Trainer des FC Sachsen einen ordentlichen Job: „Nicht spektakulär, aber eben auch nicht schlecht", wie Maike Schiller im „Hamburger Abendblatt" nach der Premiere des Stückes schrieb.
Auch Matthias Heine von der „Welt" bescheinigt Hartwig, der quasi nach rund einer halben Stunde „eingewechselt" wird, eine gute Partie: „Sein Woyzeck ist nicht schlechter als die vielen von echten Schauspielern verkörperten, die unsereins schon gesehen hat." Dass Jimmy Hartwig dabei mundartlich hessisch „babbelt" findet Heine klug, da es angenehm natürlich wirke. Der historische Woyzeck war zwar Leipziger, aber der Darmstädter Büchner und der Offenbacher Hartwig sind quasi Nachbarjungs.
Wolfgang Schilling von „MDR Figaro" spricht von einem „exzellenten Drei-Gänge-Menü" und lobt dabei ebenfalls Jimmy Hartwig: „Der kann das, der kann das sogar sehr gut, und der braucht dazu gar nichts, außer seiner Präsenz - die hat er - und seine Fähigkeit, sich in dieses arme Würstchen Woyzeck hineinzudenken und -zufühlen."
Jimmy Hartwig hat in 244 Bundesligaspielen 63 Tore erzielt, wirkte mit an der bislang erfolgreichsten Epoche des Hamburger SV, dribbelte dreimal nach Krebserkrankungen den Tod aus und steht nun bereits zum vierten Mal erfolgreich auf der Theaterbühne. Als Thomas Thieme Jimmy beim Schlussapplaus die Wange streichelt, lässt der „ewige Bub" ein paar Tränen fließen. Er scheint angekommen in seiner neuen Bühnenwelt.
H.G.