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15.09.2009 20:20 Uhr
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Mädchen in Uniform: Im Mönchengladbach des Theaters

Allein schon der 65. Geburtstag des Fußballgotts Günter Netzer sorgt dafür, dass Borussia Mönchengladbach und deren legendäre Fohlenelf der 1970er Jahre wieder in aller Munde sind. Aus dieser Perspektive ist Leipzig das Mönchengladbach des Theaters: Die ganz großen Erfolge liegen schon geraume Zeit zurück - und wurden stets mit großartigen Youngstern und erfrischender Spielweise erzielt.

Talentförderung wurde in Leipzig stets ganz groß geschrieben. Oder besser: Immer dann, wenn man in die Förderung von Talenten und Innovation investierte, ging es in und mit Leipzig bergauf. Das betrifft sämtliche Bereiche der altehrwürdigen Messemetropole und geht schon seit Jahrhunderten so. Es ist der Schlüssel des immer wieder neu einkehrenden Erfolgs von Leipzig, und das lässt sich bereits beim Blättern in den Chroniken der Stadt erkennen.

Nicht jeder allerdings scheint zu wissen, wo dieser Schlüssel hängt. Auch im Rathaus scheint man seit Jahren ergebnislos auf der Suche zu sein. Sebastian Hartmann, seit Sommer 2008 Intendant des Centraltheaters in seiner Heimatstadt, scheint dem Geheimnis jedoch auf der Spur. Und macht sich dabei Tugenden zunutze, die Leipzig bereits zur Wiege des modernen deutschen Theaters wachsen ließ.

Das erste Ausnahmetalent, das in Leipzig entdeckt und gefördert wurde, war Gotthold Ephraim Lessing (22.1.1729-15.2.1781), also der Patenonkel des anspruchsvollen deutschen Theaters selbst. Nicht nur als gebürtiger Leipziger kennt der Weltenbummler Sebastian Hartmann diese besonderen Traditionen und Tugenden.

Deshalb hat er schon gleich zu Beginn seiner jungen Intendanz eine hoffnungsvolle und begeisternde Fohlenherde eingesammelt, beinahe so wie die Theater-Urmutter Friederike Caroline Neuber (9.3.1697-29.11.1760) - deren 250. Todestag 2010 begangen wird - es tat. Sogleich zäunte er auch eine geeignete Weide für die talentierten Youngster ein: die Skala in der Gottschedstraße, benannt nach dem Theaterreformer und langjährigen Universitätsrektor Johann Christoph Gottsched (2.2.1700-12.12.1766).

In der Skala werden junge Akteure sorgfältig aufgebaut, sammeln Spielpraxis, wachsen gemeinsam mit älteren und erfahrenen Kolleginnen und Kollegen. Regelmäßig dürfen die Skala-Fohlen außerdem über die große Bühne des Centraltheaters galoppieren. Ebenso stehen in der Skala Regietalente im Blickpunkt, wird zudem bevorzugt auf Stücke junger Autorinnen und Autoren sowie auf Gegenwartsliteratur zurückgegriffen. Ergänzend werden bewährte Stücke in erfrischender Interpretation und temporeich einem aufgeschlossenen Publikum nahe gebracht.

Sebastian Hartmann wagte mit der Skala anfangs sogar ein noch größeres Experiment, das sich aber schnell als möglicherweise etwas verfrüht herausstellte. Ein paar kleine Korrekturen brachten dann jedoch einen geradezu umwerfenden Erfolg - und die kleine Skala stieg zum Jahreswechsel 2008 / 2009 vor meist ausverkauften Rängen zu einem Shooting Star im deutschsprachigen Raum auf.

Die jungen Regisseure Mareike Mikat, Martin Laberenz und Johannes Schmit wurden nicht nur in Leipzig mit Lob überhäuft, Mareike Mikats Inszenierung „Juli" zählte zu den Glanzpunkten beim Münchner „Radikal jung"-Theaterfestival und die an Henrik Ibsens Peer Gynt angelehnte rasante Inszenierung „Ego-Shooter: Generation Peer" von Martina Eitner-Acheampong mit Studierenden der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy" räumte in Zürich beim deutschsprachigen Theater-Nachwuchstreffen sogar sämtliche Preise ab.

In der neuen Saison 2009 / 2010 will die Skala deshalb direkt dort anknüpfen, womit sie im Frühsommer den vorläufigen Höhepunkt ihres Schaffens erreichte. Zum Start am 23. September bringt Mareike Mikat deshalb mit Christa Winsloes (23.12.1888-10.6.1944) „Mädchen in Uniform" einen Klassiker auf die Bühne und tut das sicherlich in besonderer sowie nachhaltig beachtlicher Weise.

Das dürfte zugleich eine Verneigung vor der großen Theaterhistorie Leipzigs sein - und auch vor der Zeitlosigkeit dieses revolutionären Stückes, das 1930 in Leipzig unter dem Titel „Ritter Nérestan" überaus erfolgreich uraufgeführt wurde und später auch unter dem alternativen Titel „Gestern und Heute" auf die Bühne kam.

Bereits 1931 wurde das Stück als „Mädchen in Uniform" verfilmt und machte die Leipzigerin Hertha Thiele (8.5.1908-5.8.1984) als Manuela von Meinhardis und Dorothea Wieck (3.1.1908-19.2.1986) als Fräulein von Bernburg in den Hauptrollen über Nacht berühmt. Wieck unterschrieb anschließend einen Hollywoodvertrag bei Paramount und avancierte später zum gefeierten Bühnenstar. Thiele glänzte bereits 1932 in Berthold Brechts Filmklassiker „Kuhle Wampe" („Die Welt wird von denen verändert, denen sie nicht gefällt.") erneut in der Hauptrolle.

„Mädchen in Uniform" erhielt unterdessen Jugendverbot und wurde von den Nazis später gänzlich verboten, war aber dennoch ein internationaler Erfolg - vor allem in Japan, den USA, England, Frankreich und Mexiko - und spielte insgesamt 6 Millionen Reichsmark ein, bei Produktionskosten von 55.000 Reichsmark. Ein Remake von 1958 mit der jungen Romy Schneider als Manuela von Meinhardis fiel eher ein wenig seicht aus.

Die Schriftstellerin und Drehbuchautorin Christa Winsloe verließ nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten Deutschland und lebte später in Frankreich, wo sie zusammen mit ihrer aus der Schweiz stammenden Lebensgefährtin Simone Gentet ermordet wurde.

In „Mädchen in Uniform" arbeitete sie ihre Jugenderinnerungen im Potsdamer Kaiserin-Augusta-Stift auf. Sie korrigierte später das Happy End des Films und legte zudem Wert darauf, dass stärker als die Kritik an den konservativ-autoritären Erziehungsmethoden die Emanzipation und das Körperbewusstsein der Frau sowie die lesbische Liebe der Schülerin zur Lehrerin im Mittelpunkt stehen sollten.

Nun darf mit Spannung auf die bereits seit Wochen ausverkaufte „Heimkehr" der „Mädchen in Uniform" am 23. September gewartet werden. Zumal knapp 80 Jahre nach der Uraufführung an historischer Stätte mit Mareike Mikat eine selbstbewusste und nachdenkliche junge Frau Regie führt, die in ihrem gesellschaftskritischen Engagement manch Seelenverwandtschaft mit der aus Darmstadt stammenden Christa Winsloe erahnen lässt. Mal sehen, welche Erkenntnisse dazu außerdem das Publikumsgespräch im Anschluss an die zweite Aufführung am 27. September um 20 Uhr bringt.

Weitere Informationen auch zum Spielplan unter www.centraltheater-leipzig.de

H.G.

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