Die Uraufführung von „Im Pelz" ist eine Huldigung an den einst gefeierten österreichischen Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch (27.1.1836-9.3.1895) und beschäftigt sich eindringlich mit den sich entwickelnden und wandelnden Machtverhältnissen zwischen Menschen. Den Text dazu lieferte Katharina Schmitt, die Lenz-Preisträgerin 2006, als Auftragsarbeit der Leipziger Skala, wo Regisseur Johannes Schmit ihn bemerkenswert in Szene setzt. Auch dank starker Darsteller und einer raffinierten Bühnengestaltung.
Gerade in Leipzig ergibt der Titel „Im Pelz" für eine Uraufführung Sinn. Immerhin war Leipzig bis gegen Mitte des 20. Jahrhunderts das Weltzentrum des Rauchwarengewerbes - also der Verarbeitung von und dem Handel mit Pelzen. Der einst weltberühmte Brühl, also quasi der Verbindungsweg zwischen Altem und Neuem Theater, war seinerzeit der globale Umschlagsplatz für Pelzprodukte aller Art. Heute herrscht dort sogar baulich weitgehend Kahlschlag - was vielleicht auch als ein Symbol für den Status quo gewertet werden kann.
Die Rauchwaren geben der Inszenierung „Im Pelz" in der Leipziger Skala jedoch nur einen Rahmen. Als Pate der Aufführung ist vielmehr die Novelle „Venus im Pelz" zu nennen, die Leopold von Sacher-Masoch 1870 veröffentliche. Also im gleichen Jahr, in der der preußische Kanzler Otto von Bismarck die weltbewegende Emser Depesche „schrieb" - und damit erst den deutsch-französischen Krieg auslöste sowie daraus folgend das wilhelminische Kaiserreich und die damit einhergehende Gründerzeit etablierte.
Es war also eine gewaltige Zeit des Umbruchs und der sozialen Gegensätze. Eine Zeit zudem, die vehement die gesellschaftlichen Besitz- und Machtverhältnisse infrage stellte. In der manche Städte wie Berlin und Leipzig einen rasanten Aufschwung nahmen, während anderswo die Zeit stehen zu bleiben schien. Leopold von Sacher-Masoch hatte an der Universität seiner Heimatstadt Lemberg - dem heutigen ukrainischen L'viv - als Professor für Geschichte gewirkt, ehe er sich ganz auf die Schriftstellerei konzentrierte und von den geistigen und politischen Größen gefeiert wurde.
Vielleicht war das der Grund, warum der Feingeist mit der einfühlsamen Beobachtungsgabe und dem filigranen Schreibstil im Jahre 1886 - also auf dem Höhepunkt seines Ruhmes - durch den Psychiater und frühen Sexualforscher Richard von Krafft-Ebing in Anlehnung an die „Venus im Pelz" zum Namensgeber eines ganzen Paketes unterwürfiger Neigungen gemacht wurde.
Leopold von Sacher-Masoch verwehrte sich dagegen heftig und doch vergeblich - und rotiert darüber wahrscheinlich bis heute im Grab. Er selbst und auch sein umfangreiches literarisches Werk gerieten durch die Bezeichnung Masochismus erst in Verruf und dann in Vergessenheit. Eine Tragik, die eigentlich eine eigene Geschichte wert ist - und die sich über die Leipziger Uraufführung vielleicht zumindest ein Stück weit auch in Gang setzen lässt.
Doch genug des „Vorspiels", kommen wir zur eigentlichen Aufführung: Einer naiven Vorstellung folgend, mag man sich angesichts des Ensembles vorab ausgemalt haben, wie sich der vielseitige Routinier Matthias Hummitzsch von der jungen Melanie Schmidli übers Knie legen lässt. Doch bereits hier durchkreuzt Regisseur Johannes Schmit gewöhnliches Gedankengut. Die starke Schweizerin glänzt zwar als Gebieterin Wanda, den devoten Severin mimt jedoch in beeindruckender Weise Anna Blomeier.
Sie macht das wunderbar zurückhaltend, mit leisen Gesten und sanfter Mimik. So wie sich das gesamte Stück über weite Strecken als eher ruhiges und zugleich in jedem Augenblick höchst präsentes Kammerspiel entwickelt. Regisseur Schmit unterstreicht damit sein vielseitiges Talent, das auf einer ausgeprägten Fantasie und reichlich Witz basiert - also auf der Fähigkeit, auf den ersten Blick völlig unterschiedliche Dinge spielerisch leicht und interessant in Verbindung zu setzen.
Bei der Inszenierung „Im Pelz" kommt ihm dabei die eigenwillige Bühnengestaltung von Clementine Pohl entgegen. Die junge Berlinerin ist von Haus aus eigentlich Architektin, was möglicherweise sogar von Vorteil ist. „Im Pelz" ist für sie gleich eine doppelte Premiere, und eine gelungene dazu. Wesentlich sind dabei vor allem ein riesiger weißer Plüsch-Läufer, so wie er bis etwa Mitte der 1970er Jahre populär war, und ein darauf platzierter Schwebebalken.
Der plüschige Läufer assoziiert sofort eine Art Pelz oder ein Eisbär-Fell - und das Publikum findet hierauf ausgiebig Platz, sitzt also quasi mitten auf der Bühne. Die Schuhe am Eingang zurückgelassen und gegen Filzpantoffeln eingetauscht. In zum Teil nicht ganz bequemer Haltung und beinahe devot von unten aufschauend, dem eindringlichen Spiel der Akteure und dem Geschehen folgend. Deutlich gereifte Besucher müssen sich davon nicht abschrecken lassen, für sie finden sich geeignete Alternativen.
Ob der Schwebebalken den eingangs erwähnten Brühl symbolisiert? Vielleicht ein bisschen. Vorrangig scheint er für den schmalen Grat zu stehen, um den sich das Geschehen und die Verschiebungen der Machtverhältnisse drehen. Christoph Wirth begleitet die Handlung von der Seitenbühne aus auf dem Klavier und hinterlegt zudem weitere Geräuschkulissen. Matthias Hummitzsch bleibt zunächst draußen, beobachtet das Spiel von der Bank aus - oder besser: auf einem riesigen Ohrensessel im Hintergrund sitzend, halb verdeckt durch einen transparenten Vorhang, wie ein heimlicher Voyeur.
Die Unterwerfung Severins durch Wanda beginnt ganz harmlos und beinahe zärtlich mit einem Spaziergang im Park und einem Stück Kuchen. Schließlich aber muss der ganze Kuchen rein und Severin letztlich erbrechen. Wanda entwickelt zunehmend Lust an ihrer Macht über Severin und ist zugleich abgestoßen. Severin genießt seine Qualen und mag sie oft genug zugleich nicht wahrhaben. Dann greift Matthias Hummitzsch als „Eisbär" ins Geschehen ein. Und die Art, wie er es tut, verleiht der Inszenierung zusätzlich Klasse.
Zwischendurch geht mehrmals das Licht aus, zum Teil minutenlang. Ja, solche Aktionen sind auch typisch für Johannes Schmit. Und sie sind durchaus hilfreich. Im Stockfinstern und in absoluter Stille kommt man plötzlich zu einer ungewohnten Ruhe, entspannt, denkt nach, streckt sich ein wenig, fühlt sich als Teil einer größeren Gruppe. Eine interessante Situation, so jedenfalls schildert es im Anschluss an das Stück eine Reihe von Besuchern.
Gegen Ende des Spiels fällt der Eisbär, das Raubtier, „fleischfressend und an der Spitze der polaren Nahrungskette stehend", eiskalt und im Grunde ein Sadist über den devoten Severin her. Das ist zumindest in der Theorie doch wunderbar, wenn der Sadist den Masochisten peinigt. Dann müssten logischerweise doch beide ihr Vergnügen haben. Die Praxis - zumindest die des Stückes - sieht jedoch anders an. So hat Severin sich das offenbar nicht vorgestellt. Oder er weiß einfach nicht, was er eigentlich will. Eines aber ist völlig klar: „Im Pelz" ist nicht nur flauschig, sondern absolut sehenswert. Wieder zu erleben am 12. und 23. Dezember sowie am 11., 16. und 30. Januar um jeweils 20 Uhr in der Skala.

H.G.