Stadttheater habe in erster Linie den Menschen vor Ort zu dienen, lauten regelmäßig Forderungen von einheimischen Theaterbesuchern, die mit dem Spielplan eines Hauses nicht glücklich werden, oder auch von Vertretern der lokalen Politik. Ein breites Angebotsspektrum sei deshalb abzudecken, um damit vielfältigen Interessen gerecht zu werden. Man sei nun mal kein Ort wie etwa die Hauptstadt Berlin mit ihren zahlreichen unterschiedlichen Angeboten auch im Bereich Theater.
Ein Blick zum Beispiel nach Leipzig macht andere Rückschlüsse und Erkenntnisse erforderlich: Etwas mehr als 500.000 Menschen leben in der traditionsreichen Messemetropole, im unmittelbaren Einzugsgebiet sind es sogar rund anderthalb Millionen. Daraus rekrutiert sich das wesentliche Besucherpotenzial fürs renommierte Centraltheater. Nicht selten benötigen die im Umland lebenden Leute bis zu einer Stunde Zeit, bis sie von der Wohnungstür aus im Theatersessel angekommen sind.
Alternativ könnten sie auch eine andere Richtung wählen und mit gleichem Aufwand die Häuser beispielsweise in Halle / Saale, Dessau, Chemnitz oder Jena oder das Nationaltheater Weimar besuchen. Von Leipzig lassen sich Dutzende attraktive Theater innerhalb von 60 Minuten oder maximal anderthalb Stunden erreichen. Und bis Berlin dauert es mit dem Zug kaum mehr als eine Stunde. Wie kann man da ernsthaft die erwähnten Argumente über die besonderen Verpflichtungen eines Stadttheaters formulieren?
Auch Bochum ließe sich hier als Beispiel für den Schwachsinn Stadttheater anführen: Das Schauspielhaus zählt zu den herausragenden Theatern im deutschsprachigen Raum und findet sich bei 400.000 unmittelbaren Einwohnern direkt im Herzen der Metropolregion Rhein-Ruhr, die leicht den Vergleich mit einem Zentrum wie Berlin aufnehmen kann. Den Menschen im Großraum Rhein-Ruhr ist es deshalb auch relativ egal, ob das Theatergebäude in Bochum, Düsseldorf, Essen, Dortmund oder sonst wo steht. Sie orientieren sich am Spielplan statt am Stadtplan - und gehen dorthin, wo sie ihre individuellen Wünsche am besten bedient sehen. Genau wie die Menschen in Leipzig und Mitteldeutschland. Mit ein paar lautstarken Ausnahmen vielleicht.
H.G.