Der griechische Philosoph Demokrit (um 460 v. Chr. - zw. 380 und 370 v. Chr.) wird fast schon seit zweieinhalb Tausend Jahren als Vater des Gedankens gerühmt, dass vor allem eine maßvolle und gleichmütige Lebensweise die Mutter des Glücks sei. Ein zentrales Element dabei für ihn: Die Befreiung des Menschen vor der Todesfurcht.
Hat bis heute leider nicht jeder so richtig mitbekommen - oder begriffen. Das gibt dem Ehepaar Signa Sørensen und Arthur Köstler Gelegenheit, im Centraltheater Leipzig ab dem 17. September den quasi gegenläufigen Status quo zu demonstrieren und vielleicht den einen oder die andere auf eine vorteilhaftere Spur zu bringen.
Zehn Tage lang wird in den Weiten des Centraltheaters immer zwischen 20 und 2 Uhr ein bizarres Fest gefeiert, für das vielleicht auch ein wachgeküsstes Gemälde eines Otto Dix über die mondäne Glamourwelt der 1920er Jahre den Rahmen bilden könnte - oder ein Opernball. Neben einigen Profis wirken vor allem Laien mit und das Publikum selbst soll ebenfalls Teil der Performance werden, weshalb bereits vorab um festliche Kleidung gebeten wird.
Man könnte auch sagen: Die Oper zieht ein ins Centraltheater, das in Teilen einst auch mal ein Ballhaus war. Der große Saal inklusive Bühne bleiben jedoch dunkel und zugesperrt, denn es geht hier vor allem um das Publikum selbst - oder besser: Die Gesellschaft und deren Ängste um zukünftige Entwicklungen, möglichen Abstieg, Tod und Vergessen.
Genaues weiß man vorab nicht, also wie im richtigen Leben. Das erhöht die Spannung noch einmal ein Stückchen mehr. Das wesentliche Zielobjekt des „Germania Song" dürfte aber zweifellos das menschliche Dasein bilden - oder ist dieses doch vielmehr ein bloßes Da-Sein, wie bereits Demokrits „Enkel" Seneca (4 v. Chr. - 65 n. Chr.) in seiner aufschlussreichen und noch immer höchst aktuellen kleinen Abhandlung „Über die Kürze des Lebens" erkennt.
Sollten die Gedanken dieses römischen Weisen mit in die Dramaturgie des „Germania Song" einfließen, könnte es wahrlich ein nervenaufreibender Abend werden: Als Denker der späten Stoa zählt Seneca zu den herausragenden Philosophen der Antike. Der Dramatiker Seneca kann zugleich aber auch als ein wesentlicher Ahnherr des Horrorthrillers bezeichnet werden. Ein Widerspruch? Vielleicht war es gerade dieser Gegensatz, der Senecas Erkenntnisse erst ermöglichte ... Auch wenn sein Schüler Nero das nicht so ganz begriffen zu haben scheint.
Dass SIGNA die antike Welt bestens vertraut ist, bewies das dänisch-österreichische Duo zuletzt in Köln mit „Die Hades Fraktur". Nach dem von Publikum und Kritik umjubelten Trip in die Unterwelt wird nun im September 2009 genau zum 2000. Jahrestag der vielfach verklärten „Varus-Schlacht" die Rheinseite gewechselt und der „Germania Song" zelebriert.
Während SIGNA in Köln gleich ins Jenseits eintauchten, befinden sie sich in Leipzig auf der Stufe davor. Lassen die vagen Ankündigungen jedenfalls vermuten. Ob dabei der griechische Gott Hades oder seine von ihm selbst in die Unterwelt entführte Nichte Persephone, die dann zwischen Unter- und Oberwelt pendelte, oder Demokrit und Seneca oder sonst wer eine Rolle spielen, ist eher zweitrangig. Seit 2001 schon lebt Signa erstaunliche Fantasien aus, seit 2004 gemeinsam mit Arthur Köstler.
Vor einem oberflächlichen, passiven oder gar voreingenommenen Theatergang wird von erfahrenen SIGNA-Besuchern gewarnt. Besser sei, möglichst tief in das Geschehen und seine Symbolkraft einzutauchen und dann ausgiebig darüber nachzudenken. Wer weiß: Vielleicht landet man dann auch wieder bei Seneca, dem Meister des Nervenkitzels und Horrors sowie der Lebenskunst und der Gelassenheit - unter dessen kurzer Regierung das Römische Weltreich eine seiner größten Glanzzeiten erlebte. Salve, SIGNA!
Mehr Informationen unter www.centraltheater-leipzig.de und www.signa.dk
H.G.