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18.09.2009 13:13 Uhr
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SIGNA: Sagenhafter Sinnesrausch

Foto: R.Arnold/CT

Zweifellos: Mit dem „Germania Song" gelang dem Centraltheater Leipzig ein grandioser Saisonauftakt. Wie schon im Vorjahr schaffte es Intendant Sebastian Hartmann, den Rahmen des Herkömmlichen mit Außergewöhnlichem zu sprengen. Diesmal machte er es aber nicht selbst, sondern zerrte mit dem unwiderstehlichen Performance-Duo SIGNA einen neuen und hell leuchtenden Stern auf das Leipziger Bühnenfirmament.

Signa Sørensen ist reines „Danish Dynamite" - und Ehemann Arthur Köstler der perfekt dazu passende fesche Feuerwerker, der genau weiß, wie man eine solche geballte Ladung zündet. Dabei weiß das bundesweit gefeierte Duo SIGNA selbst nicht so ganz genau, was es letztlich macht. Oder besser formuliert: Wie man dieses Tun benennen soll.

Als herkömmliches Theater wollen sie es keinesfalls betrachten, auch wenn sie in diesem Rahmen auftreten. Die Bezeichnung Performance lassen sie gelten, ohne damit bislang gänzlich glücklich zu sein. Als SIGNA im Frühjahr 2009 in den Sog des „Schwarzen Lochs" geriet, das Hausphilosoph Guillaume Paoli auf der Bühne des Centraltheaters installiert hatte, war SIGNA fasziniert. Hier fühlten sie sich heimisch, genau das sei ihre Welt.

Vielleicht ist es am besten, SIGNA für sich stehen zu lassen und mit diesem Zeichen oder Symbol eine Vielzahl anregender Dinge zu assoziieren: Perfomance, Installation, theatrales Tun, vor allem aber ein das Bewusstsein erweiterndes Mittel und dazu unbedingt raffinierte Raumgestaltung.

Die Droge SIGNA versteht es in glänzender Weise, die Seele von Räumen und auch ganzen Gemäuern wachzuküssen. Das war eine der besonders erquicklichen Entdeckungen während ihres „Germania Songs". Die weiten Hallen, geschwungenen Treppen, einladenden Foyers und reizenden Nischen des Centraltheaters erschienen hier in einem ganz neuen und erstaunlichen Licht. Eine mondäne und zugleich schaurig-schöne Welt tat sich auf. Ein sinnlicher Zauber, der allein schon für ein volles Haus sorgen könnte.

Ein Blick ins Antlitz von Abenddienstleister Werner Stiefel, dem Herrn dieser Weiten und Winkel, sprach Bände: Wenn es nach ihm ginge, dürfte es hier fortan immer so aussehen. Schon im Sinne des Publikums. SIGNA ließ die Wände nicht nur sprechen, sondern gewagte Fantasien formulieren. Und spielten dazu passend den morbiden wie aufrüttelnden „Germania Song".

Wie schon mit der anregenden und erkenntnisreichen Raumgestaltung angedeutet, ging es dabei um die Offenbarung und das Heil der Seele. Wobei das elegant und unverfänglich einbezogene Publikum mit unterschiedlichen Erwartungen angetreten war. Nicht wenige sahen in dem Spiel einen Rätselspaß und begaben sich sogleich akribisch auf die Spuren- und Lösungssuche. Andere waren bereits aus Erfahrung ganz ohne Erwartungen gekommen und ließen sich einfach überraschen und weitgehend entspannt ins Geschehen hineinziehen.

So richtig gelöst wirkte anfangs freilich niemand unter den Gästen dieser Ball-Inszenierung. Zu vage waren die Vorabmeldungen über dieses Spektakel - und zu dramatisch klangen die aufregenden Berichte, die vor der Leipziger Premiere von SIGNA kursierten. Die jecken Kölner etwa ließen sich zuletzt gleich zweimal von SIGNA in abgründige Welten verführen, die zum Teil ganz neue Erfahrungen, Sichtweisen und Selbsterkenntnisse ermöglichen.

Die eigentliche Bühne und der große Saal blieben an diesem Abend zugesperrt. Das Geschehen konzentrierte sich vollständig auf die umliegenden Räumlichkeiten des reizvollen Gemäuers. Die eigenwillige sozialistische Architektur der 1950er Jahre mit diesem bunten Stilmix etwa aus Elementen des Art Deco, der Neuen Sachlichkeit und des Neo-Klassizismus fasziniert. Zumal gepaart mit mondänen Beigaben, die man hier im ersten Augenblick nicht erwarten mag, die aber ein wesentlicher Bestandteil der hier atmenden Seele sind.

Der Rahmen der Geschichte, die den Abend vordergründig füllt, ist der 20. Jahrestag eines ausschweifenden Balles des altehrwürdigen Clans derer von Unland-Deuthen im Herbst 1989. Bereits der Name ist ähnlich klasse und vielsagend wie die Herkunft der Familie von der österreichisch-slowenischen Grenze. Wenn Familienoberhaupt Maximilian mitsamt übersinnlich begabter Gemahlin erhaben durch die Festgesellschaft schreitet oder geheimnisvoll flüsternd das Wort ergreift, dann blitzt zuweilen manch großer Denker wie etwa wiederholt René Descartes verschmitzt aus seinen Zügen.

Das Seelenheil, der Tod und die Endlichkeit, der Wunsch nach Unsterblichkeit und gediegenem Status quo, die Erinnerung und das Vergessen formieren sich hier zu einem zentralen Thema. Der gastgebende Clan mag hier stellvertretend auch für die Gesellschaft stehen, vordergründig versucht er dramatische Ereignisse zu rekonstruieren, die sich vor 20 Jahren ereigneten und deutlich unbefriedigend endeten.

Damals gab es auf der Suche nach Freiheit und Unsterblichkeit überraschende Komplikationen und zahlreiche Tote unter den dutzendfach anwesenden Söhnen, Töchtern und Adoptivkindern des Ehepaars Unland-Deuthen. Eine ganze Reihe der unfreiwillig ausgeschiedenen Brüder und Schwestern ließen sich zwar wieder ins Leben holen und in neue Körper überführen, die Ursachen des Massakers blieben aber im Nebel verborgen.

Signa Sørensen spielt in diesem Geisterhaus das Medium, das die fehlenden Bruchstücke zwecks Lösung des Problems herbeiführen soll. Ehemann Arthur Köstler assistiert ihr dabei und managt das Ganze. Das Publikum stellt die geladenen Gäste dar und wird in die Spurensuche zumindest unterschwellig einbezogen - je nach persönlichem Engagement. Das sich nun entwickelnde Geschehen erlebt jeder Besucher weitgehend individuell, vielfach im geselligen Plausch untereinander oder in anregender Unterhaltung mit den vielfach unterschiedlichen Töchtern und Söhnen des Hauses Unland-Deuthen.

SIGNA entfacht sukzessive einen bildgewaltigen Sinnesrausch, der zugleich immer wieder Raum zum Nachdenken bietet, unterlegt mit großartiger Musik sowie geheimnisvoller und ganz plötzlich hochdramatischer Geräuschkulisse. Das Publikum wird hier scheinbar nicht 20, sondern gleich 200 Jahre in die Vergangenheit geschleudert: Also in jenen Abschnitt des frühen 19. Jahrhunderts, in der die Sichtweisen der Romantik die Weltanschauungen der Aufklärung in den Hintergrund drängten.

Der Widerspruch zwischen den in der Französischen Revolution von 1789 verkündeten Freiheitsidealen und der gesellschaftlichen Wirklichkeit sowie die Veränderungen des sozialen Gefüges ließen die Menschen die Vergangenheit romantisch verklären und die persönliche Selbstverwirklichung in eine innere Welt verlagern.

Was ein Immanuel Kant vorzeitig noch als praktische Vernunft beschrieb, kritisierte ein Friedrich Nietzsche später harsch als Selbstbetrug. Der wabert permanent auch durch die bizarre Ballgesellschaft im Centraltheater. Lachen ist bekanntlich gesund, während Kummer krank macht. Man müsse deshalb die Seele vor jeglichen Angriffen und Störungen bewahren, wissen die Söhne und Töchter der beiden Gastgeber zu berichten. Etwa durch spirituelle Sitzungen, geeignet seien aber auch Betäubungsmittel. Das klingt zynisch und beschreibt zugleich doch so ungeschminkt die Wirklichkeit.

Ob SIGNA selbst auch Drogen nimmt? Edgar Allen Poe tat es, um sein Bewusstsein zu erweitern und dann faszinierende Geschichten zu erzählen. Die Beatles hätten ohne diesen Zündstoff kaum ihr legendäres Album „Sergeant Pepper" hinbekommen. Die bizarren Bildwelten von SIGNA erinnern an manch große Leinwandkunst. Ein Regisseur wie Peter Greenaway mag Anregungen gegeben haben, und auch Gemälde eines Otto Dix über die mondäne Feiergesellschaft der 1920er Jahre werden hier zum Leben erweckt. Letztlich wirkt SIGNA aber dennoch original und vor allem hautnah.

Signa Sørensen ist die wahrhaftige Versuchung - und Ehemann Arthur kann sie schließlich nicht mehr bändigen, als sie in einem magischen Kreis gefangen mehrere Erscheinungen aus der Vergangenheit durchlebt und auf den Boden des Foyers nässt. Wird das Publikum hier in die Vergangenheit geschleudert - egal ob 20 oder 200 Jahre zurück - oder hat die Vergangenheit zwischenzeitlich die Gegenwart eingeholt?

Im Rausch der Bilder und Ereignisse verändert sich der Raum. Lächelt da oben über die Brüstung der Empore nicht „Frankensteins Mutter" Mary Shelley (30.8.1797-1.2.1851) auf die Festgesellschaft hinab - begleitet von ihrem Mann Percy (4.8.1792-8.7.1822) und Freund Lord Byron (22.1.1788-19.4.1824)? Und spricht dort hinten an der eleganten Säule nicht Friedrich Freiherr von Hardenberg, der Romantik-Prophet Novalis (2.5.1772-25.3.1801), durch die Blaue Blume?

Doch, doch, Novalis war ganz bestimmt da. Oder war es ein junges zartes Mädchen, das da plötzlich eine Pistole in der Hand hielt und auf ihr Gegenüber zielte? Goethe (28.8.1749-22.3.1832) und Schiller (10.11.1759-9.5.1805) ließen sich weiter oben links in einer Art Loge entdecken, sofern die Sinne nicht durch das Gesamtgeschehen zu sehr getrübt waren. Von dort aus kommentierten sie die Ereignisse, so wie es einst die beiden distinguierten Herren Waldorf und Statler in der „Muppet Show" taten.

Ganz am Ende steht dann in diesem faszinierenden Theater-Bauwerk aus einer vergangenen sozialistischen Epoche plötzlich auch noch die legendäre Treppe aus dem Filmklassiker „Panzerkreuzer Potemkin" des sowjetischen Regisseurs Sergei Eisenstein (10.1.1898-11.2.1948) mitten im Raum, gekonnt gepaart mit Elementen, wie sie einst etwa ein Luchino Visconti (2.11.1906-17.3.1976) in Filmen wie „Der Leopard" verwendete.

Mit ihrem „Germania Song" hat SIGNA dem Centraltheater Leipzig einen glänzenden Saisonstart verschafft, der Appetit auf mehr macht. Da vergingen sogar sechs Stunden Spielzeit letztlich wie im Flug - und nicht nur Intendant Sebastian Hartmann machte am Ende dieses intensiven Spiels, das neben einigen starken Profis überwiegend Laiendarsteller großartig gestalteten, einen zufriedenen und bewegten Eindruck. Der Theaterpirat scheint die angesteuerte Schatzinsel bereits erreicht zu haben.

H.G.

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