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31.10.2009 14:14 Uhr
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Thomas Thieme und Jimmy Hartwig zeigen Büchner als Evergreen: Und er hätte seine Freude am „ewigen Bub“

Foto: R. Arnold/CT
Ein grandioser Abend im Centraltheater Leipzig - und in zentraler Position mit einem prächtig aufgelegten Jimmy Hartwig, der unter der Regie von Thomas Thieme zeigt, wie zeitlos die Welt ist und dass ein Georg Büchner (17.10.1813-19.2.1837) bis heute nichts an seiner Sprengkraft verloren hat. „Büchner / Leipzig / Revolte" heißt das Stück, das viel Raum für persönliche Interpretationen lässt, tief bewegt und nachdenklich stimmt.

Bei der anschließenden Publikumsbesprechung sorgte vor allem die sehr unterschiedliche Wahrnehmung des mitwirkenden Männergesangvereins für lebhafte Diskussionen. Ein überwiegend im traditionellen beige-grauen Chic gewandeter „Altherrenchor", der etwa eine Viertelstunde lang sozialistische Evergreens vortrug. Angefangen mit der DDR-Nationalhymne „Auferstanden aus Ruinen" über ein Kampflied zum Spanischen Bürgerkrieg sowie die Klagegesänge zu Ehren des „Kleinen Trompeters" und Ernst Thälmanns bis hin zur Behauptung „Wir sind die Junge Garde des Proletariats". Was in Anbetracht des fortgeschrittenen Reifegrades der Sänger und des in weiten Teilen sehr jungen Publikums einer gewissen Komik nicht entbehrte - zugleich damit aber auch tief berühren konnte.

Vor dem Projektchor kam der ebenfalls 15-minütige Projektfilm. Henrike von Kuick und Manolo Bertling mimen darin ein junges Pärchen, das mit Entsetzen die Teilnahmslosigkeit und wachsende Mitläufer-Mentalität der Studienkollegen und Freunde wahrnimmt - und sich deshalb schließlich sogar Waffen besorgt. Ein düsterer Streifen, in dem geschundene Tagebaulandschaften mit glitzernden Einkaufswelten wechseln, Gegenwart und DDR-Vergangenheit sichtbar werden und sogar der Deutsche Herbst mit den RAF-Attentaten von 1977 durchschimmert.

Während über die Leinwand in schwarz-weiß Bilder der Gegenwart flimmerten, wurde dazu Büchners „Hessischer Landbote" von 1834 vorgetragen. Krass: Hätte man es nicht besser gewusst, hätte man die Zeilen und Botschaften auch für einen eben erst verfassten Text halten können ... Der „Hessische Landbote" zählt zu den bedeutendsten Schriftstücken der deutschen Literatur- und Politikgeschichte und beinhaltet bis heute reichlich Sprengstoff.

Mit dem Unterschied, dass heute vieles gesagt werden darf, das einem Mutigen zu früheren Zeiten schnell den Kopf kosten konnte. Büchners Mitverfasser am „Landboten", der Butzbacher Schulrektor Friedrich Ludwig Weidig (15.2.1791-23.2.1837) wurde dafür später verhaftet, brutal verhört und gefoltert und schließlich in seinem Verließ in den Selbstmord getrieben. Auch daran mag man denken, während der Film läuft und der Chor singt. Mit dem deutlichen Bewusstsein, dass heute manches besser, aber noch längst nicht alles gut ist. Ein flotter und gehaltvoller Start in den Abend.

Jimmy Hartwig wird in der 30. Minute eingewechselt, nimmt sofort die Position des Woyzeck im zentralen Mittelfeld ein und behauptet diese bis zum Schluss überaus souverän. Wer gekommen ist, um zu sehen, wie der Ex-Nationalspieler mit Hagen Oechel und Thomas Lawinky Bananenflanken übt, wird verdientermaßen enttäuscht. Denn damit hatte der mittlerweile 55-Jährige schon zu seiner Zeit im Dress des Hamburger SV nichts zu tun. Dafür waren Auswahlkapitän Manni Kaltz und Kopfball-Ungeheuer Horst Hrubesch zuständig.

Jimmy Hartwig bot in Leipzig ganz klar eine starke Partie, spielte klasse Doppelpass mit Barbara Trommer, Thomas Lawinky und Hagen Oechel und überzeugt auf der Bühne mittlerweile ebenso, wie es sein alter Kumpel Felix Magath aktuell als Schalke-Trainer tut. Das dickste Kompliment bekam Hartwig indes von einer jungen Zuschauerin: Ihr war seine Vergangenheit auf der grasbewachsenen Bühne unbekannt und sie betrachtete Jimmy deshalb einfach als einen Schauspieler.

Von Revolution oder Revolte sei an diesem Abend nichts zu spüren gewesen, bemängeln hinterher ein paar jüngere Besucher und Besucherinnen. In den Gesichtszügen von Uwe Bautz, dem Chefdramaturgen des Centraltheaters, macht sich bei diesen Worten eine deutliche Blässe bemerkbar. Oder ist es nur das fahle Licht, das diesen Eindruck erzeugt? Aber kann man den Jugendlichen dafür einen Vorwurf machen, dass ihnen Büchner, „Hessischer Landbote" und „Woyzeck" nicht geläufig sind als Synonyme für Revolution, Unterdrückung und Aufbegehren?

Wenn es Elternhaus und Schule versäumen, dem Nachwuchs anschaulich und interessant bestimmte Dinge zu vermitteln, könnte zum Beispiel ein Theater die Inhalte seiner Angebote im Vorfeld so aufbereiten, dass anschließend auch Unbedarfte einen Mehrwert aus dem Erlebten ziehen.

Wenn zudem junge Menschen, die um oder nach 1990 geboren wurden, den Weckruf „Wir sind das Volk!" mittlerweile „nur noch als nervig" empfinden, dann mag das auch an der Kommerzialisierung dieses Slogans liegen. Oder daran, dass zu viele Politiker, Prominente und Trittbrettfahrer daraus Events gemacht haben, bei denen sie sich selbst oder eine verklärte Vergangenheit feiern. Oder die Formulierung als billige Phrase missbrauchen, um damit rein rhetorisch auf aktuelle Zustände zu schimpfen. So jedenfalls erklären die erwähnten jungen Leute ihren Unmut über die Wortschöpfung Ferdinand Freiligraths (17.6.1810-18.3.1876) aus dem Jahre 1848.

„Büchner / Leipzig / Revolte" ist daher ein in vielfacher Weise gelungener und anregender Abend. Georg Büchner war exakt in dem Alter, in dem zum Beispiel heutige Studierende sind, als er den „Hessischen Landboten" verfasste. Er starb bereits drei Jahre später mit gerade mal 23. An Jimmy Hartwig hätte er zweifellos seine Freude gehabt, denn der „ewige Bub" aus Offenbach spielt die von Büchner entwickelte Rolle nicht nur, er lebt sie auch. Die beiden nächsten Male am 13. und 23. November jeweils um 19.30 Uhr im Centraltheater.

Weitere Informationen unter www.centraltheater-leipzig.de

H.G.

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