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11.01.2010 12:14 Uhr
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„Wenig geeigneter Anfänger“: Bitterböser Angriff auf einen Kollegen

Sebastian Hartmann, Foto: R.Arnold/CT
Man stelle sich mal vor, Erfolgstrainer Jupp Heynckes vom Fußball-Herbstmeister Bayer Leverkusen würde über einen Gastbeitrag in einer großen deutschen Zeitung den Coach eines anderen Bundesligaclubs fachlich bewerten und dessen Arbeit als nicht kompetent einschätzen. Zweifellos eine absurde Annahme, denn sie ist unvorstellbar, da Jupp Heynckes ein Ehrenmann ist - und im Falle eines solchen Vergehens ein derartiger Nestbeschmutzer durch die geballte Wut der gesamten Branche auf Nimmerwiedersehen hinweggespült würde. Was im Fußball undenkbar ist, lässt der Kulturbetrieb aber offenbar zu: Sewan Latchinian, der aus Leipzig stammende Intendant der Neuen Bühne Senftenberg, analysierte in einem Gastbeitrag in der „Zeit" die Leistungen seines Leipziger Kollegen Sebastian Hartmann als wenig geeignet. Besonders pikant dabei: Sewan Latchinian ist unter anderem Vorstandsmitglied in der Intendantengruppe des Deutschen Bühnenvereins. Es wird spannend sein, die Reaktionen der Branche zu verfolgen. Ob es im Fußball mehr Moral gibt als im Kulturbetrieb?

Fast eine komplette Seite hat die „Zeit" in ihrer Ausgabe 52 / 2009 im Rahmen der „Zeit für Sachsen" Sewan Latchinian für seine Kollegen-Kritik an Sebastian Hartmann zur Verfügung gestellt. Und Latchinian zieht dort tüchtig vom Leder: So zweifelt er bereits die Entscheidung der Berufung Hartmanns durch die Leipziger Kulturpolitiker und den Stadtrat an, da Hartmann ein Anfänger sei. Dann beschäftigt er sich sehr spekulativ und befremdlich mit irgendwelchen Plakaten, die Kollege Hartmann aufhängen ließ, und kommt schließlich zu dem Schluss, dass bislang „Marginales, Abseitiges und Simplifizierendes über die Leipziger Bühne gegangen" sei, „eine Art theatralisches Leipziger Allerlei."

Latchinian beklagt weiter eine zu geringe Publikumsauslastung in Leipzig, und dass Hartmanns Theater zu viele junge und zu wenig ältere Besucher anziehe. Zudem nörgelt er am Spielplan herum und fordert mehr deutsche Klassiker im Programm. Er könne für sich nicht erkennen, dass sein Kollege Wirtschaftskrise, Klimakatastrophe und Globalisierung radikal und relevant begleitet. Dann gibt Latchinian Hartmann Tipps: Schauspiel müsse „ALS-OB" sein - „Schau-Spiel mit Zeichen, Verabredungen, Distanz."

Gönnerhaft gesteht er ihm zwischendurch zwar erste Erfolge zu, glaubt aber bislang keine spezielle Leipziger Handschrift unter Hartmanns Intendanz erkennen zu können. Dafür erkennt Latchinian aber umso klarer eine vermeintliche Verstimmung unter den Beschäftigten des Centraltheaters Leipzigs, basierend auf einem schlechten Umgang untereinander. Latchinians Fazit in seiner „Zeit"-Analyse: „Momentan erscheint mir Sebastian Hartmann als Regisseur begabter denn als Intendant geeignet."

Eine hübsche Weihnachtsgeschichte ... Ist Sewan Latchinian ein klassisches Kameradenschwein? Wird er von Neid und Missgunst getrieben? Hat er keine Lust mehr auf Senftenberg, sondern wäre stattdessen viel lieber Theaterchef in seiner Heimatstadt Leipzig? Lässt er sich vielleicht bloß in naiver und für ihn vielleicht verheerender Weise von irgendwelchen Hinterleuten für deren Interessen einspannen? Was hat Sewan Latchinian zu diesem irren - oder besser: wirren - Ritt verführt?

Sewan Latchinian ist immerhin nicht irgendein unbeschriebenes Blatt. Der 48-jährige gebürtige Leipziger zählt vielmehr zu den renommierten Theatermachern im deutschsprachigen Raum. Man darf ihn also sicherlich als einen Könner bezeichnen. Obwohl er dieses Können mit seinen jüngsten geschilderten Ausführungen selbst in Zweifel zieht. Charakter aber besitzt er auf keinen Fall. Das macht Sewan Latchinian mit seinem Gastbeitrag und der darin verteilten Kollegenschelte ganz unmissverständlich selbst deutlich. Deshalb ist es eigentlich Zeitverschwendung, sich mit einer solchen Person überhaupt zu beschäftigen.

H.G.

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